Wer nix wird, wird Blogger

Zumindest dann, wenn es nach dem Vorsitzenden der deut­schen Journalistengewerkschaft geht: denn der machte in einer kürz­lich gehal­te­nen Rede der von ihm bera­te­nen Berufsgruppe in Sachen Recherchepflicht wenig Ehre. [Ö1 Netzkulturkolumne, zuerst ver­öf­fent­licht auf oe1.orf.at]

Zumal Journalisten in demo­kra­ti­schen poli­ti­schen System nicht nur in arbeits­recht­li­cher Hinsicht durch­wegs eine Sonderstellung besit­zen — man­che sehen in ihnen gar als die vierte Kraft im Sinne der Gewaltentrennung. In der Tat ist die poli­ti­sche Informationsleistung not­wen­di­ger Bestandteil für eine dif­fe­ren­zierte Meinungsbildung. Also sind die Angehörigen der schrei­ben­den Zunft nach­hal­tig auf­ge­ru­fen, aus­ge­wo­gen zu berich­ten, Sorgfalt bei der Recherche wal­ten zu las­sen und sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein. Wozu das führt, ist hin­läng­lich bekannt: zu insze­nier­ten, g’schobenen Geschichten am einen und zu Meisterleistungen des Aufdeckungsjournalismus am ande­ren Ende einer über­brei­ten Skala teil­weise durch­wegs kon­f­li­gie­ren­der Interessen.

Weblogs dage­gen sind häu­fig pri­vat betrie­bene Seiten und der jour­na­lis­ti­schen Sorgfaltspflicht nur inso­weit unter­wor­fen, wie ihr jewei­li­ger Autor dies für rich­tig und ziel­füh­rend hält. Viele Beiträge sind keine “Nachrichten” im Sinne des Terminus Technicus, son­dern fal­len ins Genre der Kommentare und Glossen: es han­delt sich um sub­jek­tive Stilformen, die kei­nen Anspruch auf Objektivität erhe­ben. Wenn Michael Konken auf der erwähn­ten Jahrestagung also über den Unterschied zwi­schen Journalismus-Profis und Hobby-Bloggern schreibt, dann hätte er auf der­ar­tige funk­tio­nale Ausdifferenzierungen des Mediensystems ver­wei­sen kön­nen, aber der Universitätsprofessor zog die grobe Keule vor:

Der Onlinebereich ist aber auch ein Bereich, den wir ver­stärkt unter qua­li­ta­ti­ven Kriterien wer­ten müs­sen. Nicht jeder, der sich dort als Journalist bezeich­net, hat etwas damit gemein­sam. Uns steht es gut zu Gesicht, wenn wir Richtlinien fin­den, um Müll von Qualität zu tren­nen und dies den Internetkonsumenten deut­lich machen. Das Internet ist eine Plattform auch für Schmierfinken ganz beson­de­rer Art. […] Blogs sind mei­nes Erachtens nur in ganz weni­gen Ausnahmefällen jour­na­lis­ti­sche Erzeugnisse. Sie sind eher der Tummelplatz für Menschen, die zu feige sind, ihre Meinung frei und unter ihrem Namen zu veröffentlichen.

Die Diskussion um die Impressumspflicht von Internetseiten führte in Deutschland dazu, dass die über­wie­gende Mehrheit der Blogs schon längst genaue Herausgeberinformationen ver­öf­fent­li­chen. Unter den Top 50 der deut­schen Blogcharts etwa fin­det sich keine ein­zige Seite, bei der sich der Herausgeber nicht im Handumdrehen eru­ie­ren ließe.

Aber dies ist nur ein Detail und gar nicht der zen­trale Punkt der Kritik an einer unglück­li­chen Rede. Denn die zeigt schlicht und ergrei­fend über­deut­lich, dass Interessensvertretungen in der Regel schwer­fäl­li­ger und star­rer agie­ren als jene Mandanten, die sie eigent­lich ver­tre­ten sol­len. Und so über­rascht es wenig, dass als ers­ter Thomas Knüwer einen offe­nen Brief an Michael Konken ver­fasste. Der beim Handelsblatt tätige deut­sche Journalist betreibt ein gut besuch­tes Medienblog und ist selbst das beste Beispiel für die Absurdität von Konkens Argumentation: Qualität als for­mat– oder medi­en­in­hä­ren­ten Faktor anzu­spre­chen, zeugt von einer selt­sa­men Gesinnung, für die Knüwer deut­li­che Worte findet:

Es liegt mir in den Fingern, mal so rich­tig zu kon­tern. Von einem Ewiggestrigen Gewerkschaftsheini, der seine Führerbunkermentalität haupt­be­ruf­lich auch noch an Studenten wei­ter­ge­ben darf an der Uni Vechta und der FH Oldenburg. Über einen, des­sen intel­lek­tu­el­les Niveau in Sachen Mediendiskussion tie­fer liegt als die Golf GTI in mei­ner müns­ter­län­di­schen Heimat.

Innerhalb der Blogosphäre führte das “feige-Blogger-Zitat” in kür­zes­ter Zeit zu zahl­rei­chen Reaktionen: über fünf­zig Beiträge in weni­ger als 10 Tagen bestä­ti­gen nach­drück­lich, dass Blogger dem Meta-Diskurs genauso wenig aus dem Weg gehen wie einem Impressum. Der Verursacher des Sturms im Blog-Glas aller­dings bekräf­tigte seine Aussagen gegen­über einem Branchenblatt und erklärte, dass es “nichts zu rela­ti­vie­ren gäbe”, wor­auf Blogger ein neues Zeitwort vor­schlu­gen: “kon­ken — aus Angst ableh­nen, nicht ver­ste­hen (wol­len)”. Bei aller Polemik steckt aller­dings doch eine eher beängs­ti­gende Moral in der Geschichte: Manche Journalisten haben eben doch mensch­li­che Schwächen. Und man­che Blogger viel­leicht sogar jour­na­lis­ti­sche Stärken. Und Schwächen.

Michael Konkens Rede im Volltext
Offener Brief von Thomas Knüwer an Michael Konken
Liste mit Blogreaktionen
Deutsche Blogcharts
Sven Scholz: kon­ken als neues Vokabel

5 comments
Rudi
Rudi

Für jeden Schlechten Blog gibt es auch zumindest eine schlechte Zeitung. Ober glaubt der Professor, dass jeder der studiert automatisch ein besserer Journalist wird? Und wie viele Journalisten haben studiert? Alle bestimmt nicht. Sind die deshalb nicht so gut, oder besser, oder sollte das der Leser entscheiden. Das gleiche gilt doch auch für den Blog. Hierbei gibt es herausragende sowie Schrott. Aber das entscheidende ist doch, liest es jemand?

pressemeldungen
pressemeldungen

Grundsätzlich kann man nicht sagen, dass Blogger an sich keine Journalisten sind. Qualitative Maßstäbe anzusetzen ist schwierig, da müssten nämlich auch viele Print-Schreiberlinge ihre Berufsbezeichnung ändern. Vielmehr ist das Bloggen eine neue Form der Meinungsfreiheit, was eigentlich nur gut ist.

ritchie
ritchie

@MoD: Wöad! Der Hunter S. hat das schon ganz richtig erkannt!

Liliana
Liliana

Die Zeitung hier hat da auch grad so Anwandlungen und nudelt das Thema in sämtlichen Kolummen und in normalen Beiträgen durch - könnte der Neid sein, dass die regionalen Blogs besser informieren als die "Tageszeitung" die immer erst über etwas schreibt, wenn es vorbei ist aber dafür gerne mal Artikel mehrmals bringt :mrgreen:

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  4. Und noch eine weniger…

    Eigentlich hat­ten wir uns gedacht, so eine Tageszeitung kann nicht scha­den, wenn man neu in eine Region zieht — da erfährt man täg­lich alle Neuigkeiten und wird gleich noch über Sehenswertes und Veranstaltungen, neu­deutsch Events, infor­miert. Pustek…