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Billy Baypack: da draußen ist Leben!

Der Schöpfungsmythos findet sich in der Literatur in vielgestaltiger Form: vom Golem bis zum Roboter bereiten die künstlichen Kreaturen ihren Schöpfern meist mehr Ärger als Arbeitserleichterung. Nicht anders Billy Baypack: die erfundene Figur soll nun nämlich von der Rundfunkbehörde zur Kasse gebeten werden.

Und das kam so: der in Münster ansässige Aktionskünstler Ruppe Koselleck generierte vor zwei Jahren eine fiktive Identität rein zu datenforscherischen Zwecken. telepolis schreibt:

2005 erschuf Kosellek die Figur Billy Baypack, eine „frei erfundene Person, die weder in Deutschland, der EU noch den USA gemeldet ist.“ Der Name des „organisierten Werbelisten- und Datenschrotplatzes“ ist eine erkennbare Anspielung auch die Payback-Karte. Dort und auf vier weiteren Werbelisten ließ Kosellek den Namen auch eintragen: Von McDonalds, Beate Uhse, Happy Digits und der Rewe Handelsgruppe. Wie nicht anders zu erwarten, erhielt Billy Baypack daraufhin jede Menge Post von „Werbefirmen, Agenturen und sonstigen Netzwerken der freien Wirtschaft.“ Als Kosellek seinen Billy zum Doktor promovierte, erhielt dieser auch Post von Banken, die ihm Kredite anboten.

Nicht wahnsinnig überraschend – bis im November vorigen Jahres die GEZ (in Deutschland zuständig für die Einhebung der Rundfunkgebühren) bei Billy meldete. Damit waren sie an den richtigen geraten, denn Koselleck packte die Aktionismus-Gelegenheit beim Schopf:

Er (Koselleck) meldete seine Figur wie von der GEZ verlangt an. In der Anmeldung teilte er neben der Nichtexistenz auch mit, dass Billy Baypack weder über ein Konto noch über einen Pass oder ähnliches verfügt. Dann gönnte sich Koselleck den Spaß und beglich die Radiogebühren – in kleinen Münzen.

Das alte Gangstarap-Motto „Blood in, blood out“ trifft hier allerdings nicht zu. Vielmehr erinnert die Taktik der GEZ an die guten allen wasserdichten Radios: Wasser kommt einmal rein, aber dann garantiert nie wieder raus:

Außerdem versuchte er zu erfahren, wer der GEZ die Daten von Billy Baypack verkauft hatte, scheiterte aber an der gut eingeübten Auskunftsverweigerung der Behörde. Die betonte lediglich immer wieder, dass alles den Datenschutzbestimmungen entspreche. Allerdings gibt es, da Billy Baypack ja nicht existiert, nur den Weg des Ankaufs von Werbelisten durch die GEZ.

So richtig schwierig wurde es dann allerdings erst, als das Empfangsgerät wieder abgemeldet werden sollte, frei nach dem Motto: „eine abgebrochene Antenne macht noch kein statisches Rauschen“:

Bei der nächsten Zahlung kürzte der neue Radiohörer Dr. Billy Baypack die Gebühren – mit der Begründung, dass ihm das Programm nicht mehr gefiel. Die GEZ reagierte darauf mit einer Mahnung. Darauf wollte Koselleck Billy Baypack als Radiohörer abmelden. In einem ersten Versuch schickte er der Behörde, die seit einigen Jahren dafür bekannt ist, Abmeldungen nach Möglichkeit zu verweigern, zusammen mit einer formalen Kündigung eine abgebrochene Radioantenne zu. Die Reaktion überraschte selbst den Aktionskünstler: Die GEZ schrieb zurück, dass sie die Abmeldung nicht akzeptieren würde, weil Billy Baypack ja weiterhin über ein Empfangsgerät verfüge – mit allerdings schlechtem Empfang.

Gestern zerstörte der Aktionskünstler in einer öffentlichen Aktion direkt vor der Hauptpost in Münster für ein und allemal – die Einzelteile sollen der GEZ zugestellt werden, um die Abmeldung zu bestätigen. Besuch von der Ausländerbehörde und/oder der Polizei bekam U-Boot Billy Baypack allerdings bis dato nicht – immerhin würde die Behörde, wie der Schöpfer der Experimentalfigur meint, durch die Ausweisung ja einen weiteren Gebührenzahler verlieren.

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