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Gert Lovink propagiert den digitalen Nihilismus

28.12.2007, geschrieben von , 6 Kommentare

lovink Gert Lovink propagiert den digitalen NihilismusGert Lovink beweist ein­mal mehr unvor­stell­ba­ren Scharfblick und Analysetalent: er hat erkannt, dass das Internet kein Expertenmedium mehr ist, son­dern inzwi­schen bereits von einer Milliarde Menschen benutzt wird. Ergo bewe­gen wir uns auf den digi­ta­len Nihilismus zu, erklärt der hol­län­di­sche Medientheoretiker beim Interview mit Die Zeit.

Sobald die Netzavantgarde nicht mehr unter sich ist, kann ja nur Nihilismus die Folge sein, oder? Man ist ver­sucht, mit Sly Stallones Zitat aus Demolition Man zu kon­tern: Ihr wer­det ler­nen müs­sen, ein wenig sau­be­rer zu sein, und wir wer­den ler­nen müs­sen, ein biss­chen schmut­zi­ger zu werden.

Aber Lovink sim­pli­fi­ziert nicht, er spricht in dem einige mei­ner Meinung nach sehr zen­trale Punkte an. Vor kur­zem erschien mit “Zero Comments” der Abschluss sei­ner Trilogie, der “Dark Fiber” und “My First Recession” vor­an­ge­gan­gen waren. Lovink, der die lange Zeit den eng­lisch­spra­chi­gen Netzkultur-Duktus prä­gende Liste mit gegrün­det hat, kennt die “vor­kom­mer­zi­elle” Phase also ganz genau aus eige­ner Erfahrung:

Nach einer vor­kom­mer­zi­el­len Phase, die von Experten domi­niert wurde, und einer Zeit der Euphorie und der Spekulation, die mit dem Zusammenbruch der New Economy endete, befin­den wir uns heute im Stadium der Vermassung von Internetanwendungen. Man braucht keine tech­ni­schen Fähigkeiten mehr, jeder, der in der Lage ist, ein biss­chen herum zu kli­cken, kann mitmachen.

Was mich an dem Interview über­rascht hat, ist das wohl­tu­ende Nicht-Einhacken auf die Bürgerjournalismus-Kerbe: Blogs sind nun mal nicht die bes­se­ren Lokalzeitungen und Blogger nicht (nur) Journalisten:

Mein Verständnis des Bloggens ist trotz­dem ein ande­res, es ori­en­tiert sich an dem, was Michel Foucault “Technologien des Selbst” nennt. Das Entscheidende im Netz von heute sind nicht Nachrichten und Meinungen, son­dern Selbstdarstellung und Selbstreflexion: Wer bin ich? Was mache ich? Wer befin­det sich in mei­ner Gegend? […] Es geht also um eigene Erfahrungen, die gespie­gelt sind in der Konfrontation mit einem Text, einem Bild oder Video, das vor­ge­fun­den wurde.

Und bekannt­lich geht doch nichts über ein wenig “Konfrontation mit dem Selbst”, oder? Auch wenn diese in Lovinks auf eine sehr flüch­tige Art und Weise geschieht:

Obwohl Blogging Schrift ist, hat es etwas Informelles: Wie ein Gerücht ver­blasst und ver­geht es sehr schnell. Und das hat es noch nicht gege­ben. Bis vor Kurzem noch herrschte eine äußerst starke Trennung zwi­schen dem Gespräch, das ver­weht, und dem schrift­lich Notierten.

Das zen­trale Branding-Word des Interviews, der ange­spro­chene digi­tale Nihilismus, resul­tiert laut Lovink aus einem gene­rel­len Misstrauen gegen­über Utopien, das “nichts mit einer Religion und wenig mit einer ethi­schen Über­zeu­gung zu tun hat”. Die Abwesenheit von Kommunikation, das Abarbeiten am Selbst, die Reflexion an der 100% absor­bie­ren­den Fläche, also ein Widerspruch in sich selbst?

Es ist eine Position, die von einem ima­gi­nä­ren Nullpunkt aus­geht, dem “Zero” in Zero Comments. Denn die Mehrzahl der Blogs wird ja gerade nicht gele­sen, sie spie­len in einer Grauzone der Öffent­lich­keit, von der sich einige wenige Spitzen-Blogger abhe­ben. Die Null, die in der Software auf­scheint — kein Verkehr, nie­mand da gewe­sen, das “Nihil” von Nihilismus -, ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Dieses Setup gelingt laut Lovink aber nur des­halb, weil die Blogger das gute alte inter­es­se­lose Wohlgefallen zum Stigma ihres Kreuzzuges für das Nichts erho­ben haben:

Blogs fra­gen nicht mehr nach Alternativen, sie tra­gen keine Ziele vor sich her, auch keine revo­lu­tio­nä­ren. Sie beschrän­ken sich ganz auf den affek­ti­ven Raum, den sie flüch­tig beset­zen. Medienphilosophisch gese­hen, han­delt es sich um deka­dente Artefakte, die den Schritt von der Wahrheit ins Nichts wagen.

Das Interview liest sich span­nend, lässt aber am Ende eine scha­len Nachgeschmack zurück: denn letzt­end­lich fällt Lovink selbst in die Grube, die er ande­ren gräbt: genauso wenig wie sich das Phänomen Bloggen aufs Thema Bürgerjournalismus redu­zie­ren lässt, dürfte diese Beschreibung auf die Gesamtheit der Blogosphäre zutref­fen. Das Blogger “keine Ziele vor sich her­tra­gen” klingt im aka­de­mi­schen -, der Gert Lovinks beruf­li­ches Heimatbiotop dar­stellt, sicher­lich gut: ein John Chow oder ein Jeremy Shoemaker wären aber wohl ebenso wie Robert Basic nicht bloß gering­fü­gig ande­rer Meinung.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 6 Kommentare zu "Gert Lovink propagiert den digitalen Nihilismus" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • michaela Identicon Icon

    hm, ich denke nicht, dass es gert um eine “Beschreibung, die auf die Gesamtheit der Blogosphäre zutrifft,” geht — also weder um eine beschrei­bung noch um eine gesamt­heit von blogs…

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 28. Dezember 2007 um 18:59

    Naja, dann hätte er zumin­dest andeu­ten kön­nen, dass er nicht über “blogs an sich” redet. Für mich kommt im Interview schon ein ziem­lich all­ge­mein­gül­ti­ger Anspruch rüber.

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  • Urlaubswerk Identicon Icon

    Es ist m.E. recht sim­pel. Die Menge an Traffic im Web ist unge­fähr kon­stant. Die Menge der Blogs ist in den letz­ten Jahren exor­bi­tant gestie­gen. Es kris­tal­li­sie­ren sich gute und somit besuchte Blogs her­aus, die große Menge aber düm­pelt vor sich hin und wird einen lang­sa­men Tod ster­ben. Wenig User, wenig Cash, wenig Pflegeaufwand, noch weni­ger User etcetc.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 3. Januar 2008 um 21:12

    Ja, da ist was dran — obwohl ande­rer­seits die Menge der Internetbesucher (und auch Blogleser) nach wie vor auch stark ansteigt.

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  • Thinkabout Identicon Icon

    sich ein­mal pro Woche Gedanken zu machen über den Fortbestand von Blogs — das ist in Ordnung. Sogar dar­über blog­gen ist in Ordnung. Die rest­li­che Zeit der Woche und auch an die­sem einen Tag aber gitl dane­ben: Sich Gedanken machen über die eige­nen Postings, das eigene Schreiben. Damit tut man am meis­ten für “die Blogs” — an sei­nem eige­nen win­zi­gen Platz.
    Generelle Aussagen zu Blogs sind da schlüs­sig, wo sie das Grundphänomen beleuch­ten: Was ist mit Blogs mög­lich? Wie leicht kommt Kreti und Pleti als Leser und Betreiber an Blogs?
    Ansonsten ist eine Vereinheitlichung etwa so gül­tig, wie wenn wir von den Deutschen oder den Schweizern schrei­ben (bei den Schweizern ganz beson­ders! :wink: )

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 2. Februar 2008 um 13:22

    da kann ich mich nur voll & ganz anschließen!

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