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Petition: Das selbstfördernde Fördersystem

Kaum hat die Stadt Wien einen vergleichsweise lächerlichen geringen Teil ihres Kulturbudgets mit großem Tamtam der Wiener Netzkulturszene zur „Selbstverwaltung“ zur Verfügung gestellt, macht die Kulturpolitik auch schon wieder einen energischen Fall-Rückzieher. Die Vergabe (natürlich theoretisch vollkommen politische unabhängiger) Fördergelder auf der einen und das Kuratorensystem auf der anderen Seite hören plötzlich auf, miteinander zu kuscheln, wenn die Kuratierten ihre Kuratoren selbst kuratieren. Eine Petition soll dies ändern.

Um ein Nataschakampuschzitat (ich finde, das sollte ein zusammengeschriebenes Wort sein) aus der aktuellen Njus Titelstory zu paraphrasieren: „Die Wiener Netzkunst empfindet sich als System, das sich als System empfindet.“ (1) Mit anderen Worten: seit das angesprochene Selbstverwaltungsmodell seit 2 Jahren in Kraft ist, wird es auch heftig kritisiert, sowohl in- als auch extern:

Seit jeher gab und gibt es aber auch Bedenken gegen ein solches Modell bei verschiedensten Stakeholdern der angesprochenen Communities. So wurde sowohl durch ein mangelndes öffentliches und positives Bekenntnis zum selbstentwickelten Fördersystem durch die Communities selbst, aber auch durch Eingriffe der mittelaufbringenden Magistratsabteilung in die Förderentscheidungen der Prozess in den vergangenen Monaten zunehmend desavouiert.

Also soll es nun wieder vorbei sein mit den halbfetten Tagen, der neue Entwurf sieht sehr eingeschränkt Selbstverwaltungsoptionen vor. Die InitiatorInnen der Petition (whoever that is, dazu später mehr) wollten der ertrinkenden Selbstregulierung ein medienwirksames Rettungsringlein zuwerfen:

In dieser Situation möchten die hier Unterzeichneten ein positives Zeichen – für den Fortbestand selbstbestimmter Kuratierung – im Bereich der Förderung der Wiener Netzkulturen setzen. Insbesondere steht die Unterstützung dieser Petition für:

  1. den unbedingten Erhalt der gesamten Fördersumme für den Bereich der Netzkulturen, bzw. dessen Erhöhung
  2. die Aufforderung an die mittelaufbringende Magistratsabteilung, nach den einmal von ihr vorgegeben Rahmenbedingungen nicht mehr in die Ergebnisse der selbstbestimmten Kuratierung einzugreifen
  3. die Bereitschaft, mit einem erweiterten Kreis an Netzkulturschaffenden bzw. NetzkünstlerInnen an substanziellen Innovationen (i.e. Jury) zu arbeiten
  4. die Bereitschaft, weiter an der strukturierten Entwicklung der selbstbestimmten Kuratierung teilzunehmen

An der Petition stören mich vor allem zwei Faktoren – nennt mit pingelig, aber Netzkulturalisten sollten noch elaboriertere Möglichkeiten der Meinungsabgabe kennen als den Service „petitiononline.com“ mit dauernd eingeblendeten Parship-Banner. Und die Impressums-Zeile lässt auch alle denkbaren Fragen offen:

The Weiterentwicklung des Fördersystem für die Wiener Netzkulturen Petition to Wiener Stadtrat für Kultur, Dr. Andreas Mailath Pokorny, sowie die Communities der Netzkulturen was created by and written by Committed Community – BrainX.

Ich habe die Petition trotzdem unterzeichnet – zwar fehlt mir völlig der Einblick ins Detail-Prozedere, ich halte die üblichen Verdächtigen allerdings für ausgesprochen förderwürdig und die Idee der Selbstverwaltung in diesem Bereich für hochgradig sinnvoll. Im besten Fall überbrückt selbige nämlich die breite Spalte zwischen zahnlos-gefälliger Corporate Sponsoring Kunst und politischer motivierter Fördervergabe. Die (Netz)Kunst sollte halt keineswegs alleiniger Spielball von Telecom-Future-Labs sein… und in Relation zu den Subventionen jeder einzelnen Staatstheater-Inszenierung handelt sich’s bei der diskutierten Summe wirklich um die berühmten Erdnüsse.


(1) Im Original lautet das Zitat: „Ich empfinde mich als jemanden, der sich als alterslos empfindet.“
4 comments
kris
kris

Das Problem, das ich mit Netznetz habe, ist die Verteilungsprozedur*). Wer hat die sich ausgedacht? Wenn es die Stadt war, dann hätte sie keinen Grund, jetzt zu meckern. Wenn es allerdings die Netzkünstler selbst waren, dann hätten sie damit beweisen, dass sie nicht in der Lage sind, Fördergelder zu verteilen. *) Jeder Wahlberechtigte kann 100 Punkte verteilen und viele geben diese 100 Punkte ihren Freunden. Anschließend korrigiert zwar eine Jury die Werte, aber wer in der ersten Runde raus ist, geht leer aus. (Man könnte das Verfahren beispielsweise verbessern, wenn ein Wähler pro Projekt nur maximal 40 Punkte vergeben darf.)

rip
rip

Die Ausdifferenzierung zwischen Menschen und Menschen, die sich inhaltlich tief in die wabbernde Materie der Wiener Netzkultur integriert fühlen, findet wohl nicht ohne Grund mithilfe der von kris angesprochenen und für Aussenstehende offenkundig unverständlichen Dialektik statt. Ein Umstand, den ich bedauere. Möchte man auf die Kommentare derzeit noch unbeteiligter, aber interessierter Förder(an)suchender hören, liese sich diesen Aussagen das Image, oder besser - der gewisse "Charme eines sowjetischen Ältestenrates" nicht abschütteln. Und um mit einer weiteren freien Variation eines Nataschakampuschzitats zu antworten: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Oder so.

michaela
michaela

hab das eher so verstanden, dass das netznetz verfahren eben nicht geaendert werden soll, weil es ja so selbstbestimmt ist. kann aber auch ganz falsch liegen. am netznetz wiki hab ich jetzt auf die schnelle nichts dazu gefunden. beweist eigentlich nur, dass sie sich "so ausdrücken, dass es keiner verstehen kann" ;-)

kris
kris

Wieso müssen die sich eigentlich so ausdrücken, dass es keiner verstehen kann? Geht es um die Netznetz-Sache? Soll ich da unterschreiben, wenn ich meine, dass das Wahlverfahren und der Verteilungsschlüssel geändert gehören? (Letztendlich bekommt derjenige Geld, der die meisten Leute mit zur Wahl bringt. Am Wahltag selber hörte kaum einer den Projektpräsentationen zu, weil eh klar war, dass jeder Wahlberechtige nur für seiner Haberer stimmt.)