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Anonym kommunizieren: Simkarten tauschen

11.01.2008, geschrieben von , 13 Kommentare

arbeitskreis vorratsdatenspeicherung Anonym kommunizieren: Simkarten tauschenWir leben in Zeiten der Paranoia — und zwar schon eine ganze Weile lang. Als ich noch wesent­lich jün­ger war also heute, hing der mili­tä­ri­sche oder zivile ato­mare Supergau als dräu­en­der Schrecken per­ma­nent über den 80er Jahren, um bald dar­auf vom Thema Waldsterben, das mitt­ler­weile der Sorge um die Klimaerwärmung gewi­chen ist. Die wie­derum hat hart mit der vor­geb­li­chen Bedrohung durch “böse Terroristen” um die Vorherrschaft unter den Schreckens-Szenarien zu kämp­fen. Mit der freien Kommunikation via Handy wär’s in .de ohne­hin schon längst vor­bei, böte nicht der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung ein anony­mes SIM-Karten Tauschservice an.

Hätte der Club of Rome mit sei­nen Wirtschaftswachstumsprognosen Recht behal­ten, dann leb­ten wir längst wie­der alle in stein­zeit­li­chen Höhlen. Hätten die Prognostiker des Waldsterbens sich in den frü­hen 80ern nicht getäuscht, dann stünde heute kein ein­zi­ger Baum mehr in ganz Europa.  — und da ist die Umweltpolitik keine Ausnahme — auf weit­ge­hend unbe­grün­de­ten Katastrophen-Szenarien auf­zu­bauen, ist nie eine gute Idee, mar­ke­ting­tech­nisch aber unvor­stell­bar effek­tiv. Der ach so demo­kra­ti­sche Staat und seine theo­re­tisch der Verfassung ver­pflich­te­ten Innenminister (egal ob .at oder .de) stre­cken schon län­ger ihre gie­ri­gen Finger nach einer lücken­lo­sen der “Untertanen” aus, und dies führte in den letz­ten Monaten zu Gesetzen, mit denen der selige Metternich seine hellste Freude hätte. Glücklicherweise gibt’s Organisationen wie den CCC (der bei­spiels­weise dank des Tor Projekts ech­tes anony­mes Surfen mög­lich macht) oder den Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, der in mit einer smar­ten Tauschaktion die neu ein­ge­führte Registrierungspflicht für Simkarten unterläuft:

Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung bie­tet seit heute eine Tauschbörse für Prepaid-Handykarten an. Ziel des Angebots ist die Umgehung der Registrierungspflicht für Handykarten, die der
Arbeitskreis für ver­fas­sungs­wid­rig hält. “Jeder hat ein Recht auf anonyme Kommunikation”, begrün­det Patrick
Breyer vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung das neue Angebot.

Es ist selbst­ver­ständ­lich, dass man Menschen anspricht, ohne sei­nen Namen zu nen­nen, und Briefe ver­sen­den kann, ohne einen Absender anzu­ge­ben.” Die Tauschbörse soll nun auch Handy-Nutzern wie­der die Möglichkeit bie­ten, anonym zu tele­fo­nie­ren, etwa um unbe­sorgt ver­trau­li­che Beratung in Anspruch neh­men (z.B. Aidsberatung,
Eheberatung), Journalisten infor­mie­ren, sich staats­kri­tisch enga­gie­ren oder sonst unbe­sorgt tele­fo­nie­ren zu können.

Um an der Tauschbörse teil­zu­neh­men, sen­det man eine mit min­des­tens 10 Euro auf­ge­la­dene, frei­ge­schal­tete Prepaid-Handykarte zusam­men mit ihrer PIN und einem fran­kier­ten Rückumschlag an den Arbeitskreis (Adresse: Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, Marcus Brauner, Hilgenborn 22, 34593 Knüllwald Remsfeld). Nach weni­gen Tagen erhält man eine andere, eben­falls mit 10 Euro auf­ge­la­dene Handykarte mit­samt Rufnummer und PIN-Code zurück gesandt. Mit die­ser Karte kann man nun tele­fo­nie­ren, ohne dass die eige­nen Personalien bei dem
Anbieter gespei­chert sind. Auch der Arbeitskreis pro­to­kol­liert kei­ner­lei Daten der Tauschpartner. Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung betont, dass der Tausch von Handykarten voll­kom­men legal ist.

Die ganze Sache hat nur einen (gewal­ti­gen) Pferdefuß: was tun, wenn der Empfänger der auf den eige­nen Namen regis­trier­ten Karte Übles treibt? Wie jede Anonymisierungstechnologie und genau wie jedes Gesetz, das dem Bürger Freiheiten ein­räumt, kann auch das SIM-Tauschsystem recht leicht miss­braucht wer­den — auf der Homepage fin­det sich dazu eine aus­führ­li­che Erklärung, das all­fäl­lige Risiko muss jeder selbst abwiegen:

Wenn Sie die ein­ge­schickte Karte auf Ihren Namen regis­triert haben, haben Sie einen Vertrag mit dem Telekommunikationsunternehmen geschlos­sen, der auch nach Weitergabe der Handykarte fort­be­steht. Da es sich um eine Guthabenkarte han­delt, ent­ste­hen Ihnen dar­aus im Normalfall keine Verpflichtungen.

Die von Ihnen ein­ge­sandte Karte wird an eine belie­bige andere Person wei­ter ver­sandt. Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass mit Ihrer Karte Missbrauch getrie­ben wird. Dies kann im Extremfall dazu füh­ren, dass Sie zu unrecht in den Verdacht einer Straftat kom­men. Dieses Risiko besteht aller­dings bei jedem Verkauf eines Handys, Kraftfahrzeugs usw. und dürfte recht gering sein. Zur erhal­ten Sie von uns eine Bestätigung, dass Sie Ihre alte Handykarte ein­ge­tauscht haben (unter Angabe der Rufnummer der Karte) und dass die Karte an eine zufäl­lige Person wei­ter ver­sandt wurde.

Weitere Informationen gibt’s beim Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung.

Update: Risiken des Simkartentausches

Seit ges­tern Heise im Newsticker über die SIM-Tauschbörse berich­tet hat, ver­brei­tet sich die Nachricht inner­halb der Blogosphäre wie das sprich­wört­li­che Lauffeuer. Jens Ferner warnt vor mög­li­chen Missbrauchsszenarien, das Lawblog ebenfalls:

Allerdings trägt jeder Teilnehmer das Risiko, dass der Empfänger sei­ner Karte ins Visier von Ermittlungsbehörden gerät. Die Behörden haben als ers­ten Anlaufpunkt oft nur die Registrierungsdaten der Mobilfunkfirma.

Und Ravenhorst spricht einen zen­tra­len Punkt an — von Anonymität im eigent­li­chen Sinn kann keine Rede sein:

Die gehen davon aus, dass man eine SIM-Karte, die man regu­lär mit Registrierung der eige­nen per­sön­li­chen Daten erstan­den hat, zur Tauschbörse sen­det und dafür die SIM-Karte eines ande­ren Tauschbörsennutzers erhält, die die­ser wie­derum regu­lär mit Registrierung erstan­den hat. Das bedeu­tet im Endeffekt, jeder tele­fo­niert mobil mit den beim Provider gespei­cher­ten per­sön­li­chen Daten eines ande­ren. Das ver­hin­dert zwar die Zuordnung von Gesprächsbeziehungen zur rich­ti­gen Person, aber anonym ist es nicht.

Keine ähnli­chen Beiträge.


Bisher haben meine Lieblingsleser 13 Kommentare zu "Anonym kommunizieren: Simkarten tauschen" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Greg Identicon Icon
    Greg sagte am 11. Januar 2008 um 14:31

    In Öster­reich gibt es ja noch andere Möglichkeiten Anonym zu Telefonieren un Surfen: man geht zum Hofer (in .de als Aldi bekannt) und schnappt sich eine YESSS! Karte. Ohne irgen­wel­che aus­weise, usw. Ganz Anonym eben.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 11. Januar 2008 um 14:34

    Stimmt, das macht’s wesent­lich ein­fa­cher — in Deutschland wurde diese Möglichkeit ja kom­plett gestri­chen, mich wundert’s ja, dass .at hier noch nicht nach­ge­zo­gen hat.

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  • Jens Ferner Identicon Icon

    Ich denke, man sollte die Finger davon las­sen:
    http://jens.familie-ferner.de/.….e-Lasst-es!.html

    Gerade jün­gere Menschen sind unkal­ku­lier­bar, man denke an den 16 Jährigen der aus Frust über eine gerade erteilte 5 im Sekretariat sei­ner Schule anruft und ein “Massaker” ankün­digt — wohl­wis­send das nie­mand seine genutzte SIM-Karte ihm zuord­nen kann.
    Die pani­sche Reaktion unse­rer Presse bei sol­chen “ver­hin­der­ten Amokläufen” lässt mich ganz böses ahnen, was dann auf den­je­ni­gen zukommt des­sen Karte da genutzt wurde.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 11. Januar 2008 um 17:32

    Da muss ich dir durch­wegs zustim­men — man darf ja nie ver­ges­sen, dass die Karte auf einen sel­ber regis­triert ist; schwer zu sagen, wie­viel im Ernstfall die schrift­li­che Bestätigung, dass die Karte getauscht wurde, was bringt… das war auch mein ers­ter Gedanke. Ich hab im Artikel ein klei­nes Update gemacht und die von dir zitier­ten Berichte verlinkt.

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  • Van Dango Identicon Icon

    Wer nix zu ver­ber­gen hat, braucht auch keine Anonymität”.… soviel zum Thema Freiheit und Bürgerrechte.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 11. Januar 2008 um 18:22

    Ja, lei­der den­ken viel zu viele Politiker so. Oder spre­chen das auch noch laut aus… eine über­aus per­fide Argumentation sei­tens Big Brother.

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  • Sahib Identicon Icon
    Sahib sagte am 11. Januar 2008 um 22:58

    Anonymität ist teil eines freien demo­kra­ti­schen Staates… aber die Tauschsache finde ich keine gute Idee, mir wär das alle­mal zu riskant.

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  • Simlock Identicon Icon
    Simlock sagte am 11. Februar 2008 um 21:31

    Es gibt auch noch simonym.com für anonyme SIM Karten, schein­bar PrePaid von T-Mobile.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 11. Februar 2008 um 21:34

    Die Crux dabei ist halt, dass man dem Verkäufer ver­trauen muss, was die Zuordnung betrifft; de facto wider­spricht das ange­bot aber deut­schem Recht, oder? (ich kenn die Rechtslage im Nachbarland nicht genau.)

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  • Simlock Identicon Icon
    Simlock sagte am 19. Februar 2008 um 12:45

    Hallo rit­chie,

    hab mal ein wenig recher­chiert. simonym.com ver­kauft quasi gebrauchte SIM-Karten, was durch­aus legal in Deutschland ist. Ist halt ein grö­ße­rer Trödel-Stand-Aufkäufer oder so ;)

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  • Xkwadrat Identicon Icon
    Xkwadrat sagte am 21. Juni 2008 um 0:40

    Mich würde mal inter­es­sie­ren wie sicher denn simonym.com ist. Auf der Gulli Seite wird sogar damit gewor­ben. Im Zweifel hat der Verkäufer ja meine Adresse und per­so­nen bezo­ge­nen Daten. Hat jemand mal geprüft wer hin­ter der Site steht?

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  • Tina Identicon Icon

    Naja, ich find’ jetzt auch, dass man nicht irgend wel­che anony­men SIMs braucht. Zwar habe ich eben­falls schon wel­che auf ‘n fik­ti­ven Namen regis­triert, aber nut­zen tut man es ja doch nicht, warum auch?
    Und wenn ich nur ein­fach so jeman­den anru­fen will um zu wis­sen wer mich da ange­ru­fen hat oder so, dann kann ich die Rufnummer auch noch unterdrücken.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 14. Februar 2009 um 17:25

    Es geht aller­dings weni­ger um die Rufnummernunterdrückung, son­dern um die prin­zi­pi­elle Nicht-Nachverfolgbarkeit sol­cher Anrufe auch durch den Betreiber (Sender/IMEI ja, aber eben keine zuge­ord­ne­ten Personendaten bzw. die falschen.)

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2 Track- und Pingbacks zu diesem Beitrag

  • newstube.de (13. Januar 2008)
    Anonym kommunizieren: Simkarten tauschen... Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung bietet ein Deutschland ein neues Service an: mittels anonymem SIM-Kartentausch rückt die Überwachung jeglicher Kommunikation ein kleines Stück weiter in die totalüberwachende Metternich-Ferne....
  • fakeland.de (13. Januar 2008)
    Anonym kommunizieren: Simkarten tauschen auf datenschmutz.net... Coole Story.Hoffe nur das es auch wirklich nur die Leute nutzen,die nix böses im Schädel haben....
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