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Keine Mauern des Anstands mehr?

Kolumnistenkollege Armin Medosch hat auf oe.orf.at eine Netzkulturkolumne mit dem Titel Mein Facebook-Freund? Nein, danke! verfasst, die als Apologet von Social Networx hochspannend finde. Armin unterstellt nämlich Facebook Datensammelei und Profitoptimierung, und ich denk mir: ja was denn sonst?

Der Flashback in die frühen 90er, als wir auf net.culture.conferences alle von virtuellen Doubles träumten, ist dem Lamentieren über die Durchschaubarkeit unserer virtuellen Personae gewichen. Dabei war’s doch noch nie so einfach, aus Feuer und Bytes den eigenen Golem ganz nach Wunschvorstellung zu formen… die Daten gibt immer noch der User ein, die staatliche Kontrolle *hat* längst versagt, und wer am langen Hebel sitzt und gerne Social Networks kartographieren möchte, kann das genauso bequem über Handydaten tun. (Österreich hat die notwendigen Gesetzesgrundlagen im Dezember ja leider begrüßt, obwohl der Fachmann vom „Verabschieden“ spricht; merk-würdige Terminologie.)

Facebook ist noch nicht so voller data dirt wie myspace, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Marketing-Hans-Meisers dort ihr Unwesen treiben… das längerfristige Überleben der Plattform (+3 Jahre) halte ich persönliche für relativ unwahrscheinlich, Naymz wird mehr als einen Epigonen auf entweder dumme oder kluge (aber das ist ohnehin eine Frage des Betreiberstandpunkts) Gedanken bringen. Deren Valorisierungsmodell müsste Armin noch wesentlich mehr missfallen, denn er schreibt über FB:

Abgesehen davon, dass die angeblich über 50 Millionen User der superschnell wachsenden Plattform größtenteils zu den ökonomisch stärkeren und intellektuell-technisch avancierten Gruppen gehören, bleibt nur noch nüchtern festzustellen, dass hier die persönlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen endgültig zur Ware werden – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Jo mei, da Franck Georg hot’s do scho längscht gwusst, Sakra! Das lächelnde Aas Werbung lächelt nun man gern jedem User persönlich zu… dass eine US-Firma meine „Facebook“-Daten hat (genau wie Xing, Linked-In etc.) macht mir weit weniger Sorgen als die Überwachungspläne der hiesigen Regierung; immerhin kann ich ja selbst bestimmen, wie ich mich dort repräsentiere – und ob ich das überhaupt möchte.

Für mich hat derlei Kritik sehr viel von enttäuschter (Heils)Erwartungshaltung – ich war zwar damals um eine Dekade jünger, aber sozusagen grade noch dabei, als die nettime-Community das Netz als das neue Anarcho-Intello Paradies abfeierte, häufig ohnedies aus gravierender Unkenntnis und/oder Desinteresse für technische Realitäten. („Das Netz ist anonym.“) Was mir fehlt, ist die Alternative: wär’s denn besser, FB gar nicht zu benutzen? Ich glaube nicht. Derlei Networks fungieren im allerbesten Fall als hocheffizienter Durchlauferhitzer für die interkulturelle Kommunikation, als tailor-made Infoprovider und – sie bieten eine Spielwiese mit ungleich niedrigerem finanziellem Einstiegslevel als klassische One-to-many Kanäle. Aber eines wird kein Social Network und kein Web 22.0 jemals leisten können: nämlich dem User media literacy und reflektieren Umgang mit seinen Spielzeugen abzunehmen.

3 comments
MC Whaxxter
MC Whaxxter

Der Titel gefällt mir! Jetzt verstehe ich auch endlich, was Nena mit dem Song damals eigentlich gemeint hat.

nastorseriessix
nastorseriessix

Habe mir das mal durchgelesen was der Armin da so über FaceBook schreibt. Obwohl ich keinen Account bei FaceBook habe, stimme ich dem geschriebenen zu 80% vollkommen zu.