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Web 2.0: Werben nach dem Bottom-Up Prinzip

Die deutschsprachige Blogosphäre wächst weiter – und mit der steigenden Zahl an Blogs und LeserInnen wird der Ruf nach lukrativen Werbeformaten immer lauter. Wenn der Markt keine adäquaten Werbe-Modelle anbietet, müsse man eben selbst aktiv werden, fordern immer mehr Blogger – und präsentieren Ideen für innovative Bottom-Up Werbenetzwerke. [Ö1 Netzkulturkolumne, veröffentlicht auf oe1.orf.at]

Zahlreiche Weblog-Autoren gehen ihrer Publikationstätigkeit aus ganz und gar nicht ökonomisch motivierten Überlegungen nach, andere sind von Beginn an darauf bedacht, Einnahmen zu erzielen. Affiliate-Netzwerke bieten ersteren ihre Vermittlungsdienste an, auch das Google AdWords System kommt häufig zum Einsatz. Beide Werbeformen allerdings beruhen auf Pay-per-Click oder Pay-per-Conversion Modellen. Das bedeutet, dass für den Seitenbetreiber erst dann Gewinne anfallen, wenn tatsächlich jemand auf die betreffende Anzeige klickt oder das beworbene Produkt kauft. Wirklich lukrativ ist diese Form der Werbung daher nur für wenige Nischenseiten – wer beispielsweise kontinuierlich über den deutschen ADSL-Markt schreibt, wird viele passende Partnerprogramme finden, bei thematisch breit angelegten Blogs erweist sich dies aber in der Regel als schwierig: über den Daumen gepeilt sind je nach Thema rund 150-500 Besucher am Tag erforderlich, um die Kosten eines dedizierten Servers zu refinanzieren. Im Durchschnitt weisen deutschsprachige Blogs aber gerade mal ein Zehntel dieser Leserschaft auf.

Im Bereich professioneller Online-Medien dagegen spielt die beschriebene Pay-per-Click Werbung eine untergeordnete Rolle: Schaltagenturen kaufen in der Regel bestimmte Bannerkontingente ein, zugrunde liegende Maßzahl sind die Einblendungen – man spricht von Pay-per-View Modellen. Ähnlich wie bei klassischen Printeinschaltungen respektive Radio- oder Fernsehwerbung bestimmen also Auflage beziehungsweise Quote den Preis. Solche Banner-Einblendungen oder im Fachausdruck „Pageviews“ (engl. für Seitenaufrufe) werden in der Regel in größeren Paketen eingekauft, die je nach Branche in Österreich bei einer halben Million Pageviews, also Homepage-Besuchern, pro Monat beginnen.

Um diese Zahl zu erreichen, müssten die Schaltagenturen also nicht mit einem einzelnen Blogger, sondern mit mehreren Betreibern sprechen – und genau dieser organisatorische Overhead hält bisher Pay-per-View Vermarkter zuverlässig von einer solchen Bündelung zahlreicher kleinerer Seiten ab. Technisch allerdings gestaltete sich die Schaffung einer Syndikationsplattform relativ trivial – de facto reicht dazu eine gut konfigurierte Installation des Freeware-Adservers Open-Ads völlig aus. Daher überrascht es auch nicht weiter, dass immer mehr (semi)private Publikationen gerne von diesem größeren Werbekuchen mit naschen möchten. Während in der Schweiz einzelne Blogger sehr früh begannen, sich mit zunehmendem Erfolg zu Vermarktungsnetzwerken zusammen zu schließen und in Deutschland einige bekannte Online-Tagebuch-Schreiber das bisher eher glücklose Adical-Programm starteten, scheint die österreichische Bloggerszene erst jetzt jene (wenn auch immer noch sehr bescheidene) Größe zu erreichen, die Blogautoren ernsthaft über Synergieeffekte nachdenken lässt.

Auf absehbare Zeit jedenfalls müssen traditionelle Massenmedien keine ernsthafte Konkurrenz durch Weblogs fürchten – die umfassende Berichterstattung über Web 2.0 und die neuestens Trends und Hypes aus dem Netz mag zwar manchmal einen anderen Eindruck vermitteln, aber in der Praxis sind im deutschsprachigen Raum die Online-Tagebücher nach wie vor ein Minderheitenprogramm, aber so hat schließlich jedes neue Medienformat begonnen. Oder, wie Kollege Riepl es einst so treffend und zeitlos, weil mit maximalem Interpretationsspielraum, formulierte:

… die einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und für brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauerhaft verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur daß sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen.
aus: Riepl, Wolfgang: Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer. Leipzig: Teubner, 1913.

weiterführende Links:

Adical – deutsches Blogvermarktungsnetzwerk von Sascha Lobo
Logcut – Schweizer Blog-Verlagshaus von Peer Dittmar
OpenAds – frei verfügbare Adserver-Software

9 comments
cms
cms

Also Gewerbeschein ist sicherlich keiner notwendig. Einkünfte bis 7.500€ können ohne weiteres einfach so "eingesackt" werden. Und Umsatzsteuerpflichtig ist man ohnehin erst ab 17.000€ glaub ich.

hurerei
hurerei

da wird sich in nächster zeit einges ändern. word up and down.

houserocker
houserocker

Die beste Möglichkeit für gute Blogs Geld zu verdienen ist meiner Meinung nach immer der direkte Weg zu guten Werbepartnern und nie der Weg über Affiliate, Pay-Per-Click oder Pay-per-view Anbieter. Generiert im Umfeld eines starken potentiellen Werbekunden einen Hype um euren Blog/Website, so dass dieser auf euch Aufmerksam wird und dann nehmt ihn mit einer guten und innovativen Strategie/Idee in euer Boot!! Ist nicht einfach und erfordert viel Zeit aber lohnt sich tausendmal mehr als einer von vielen kleinen Usern in einem riesen ausgelutschten Werbeprogramm zu sein!

Jörg
Jörg

Und, gäbe es da deinerseits Interesse was hochzuziehen? :cool:

SuMu
SuMu

etwas Werbung/Textlinks wären für Blogs, die keinen Gewerbeschein haben, auch schön. Aber extra deshalb einen Gewerbeschein anschaffen, dass kann und sollte es doch nicht sein. Da wäre der Aufwand doch zu groß?