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Naymz: wieviel ist mein Netzwerk wert?

Fast täglich sprießen neue Social Networks aus dem Boden, und zahlreiche Experten prognostizieren für die nähere Zukunft eine deutliche Marktkonsolidierung. Dennoch tauchen immer wieder Netzwerk-Ideen auf, die weit über untereinander verlinkte Visitenkarten mit Suchfunktion hinausgehen. Die Betreiber des amerikanischen Business-Netzwerks Naymz etwa scheinen die aufmerksamkeitsökonomischen Theorien Georg Francks zu ihrem Credo gemacht zu haben. [Ö1 Netzkulturkolumne, veröffentlicht auf oe1.orf.at]

Als der Wiener TU-Professor im Jahr 2005 seinen Nachfolge-Band zu der von ihm als „Aufmerksamkeitsökonomie“ bezeichneten virtuellen Daten-Wirtschaft veröffentlichte, erklärte er, dass erst noch Modelle gefunden werden müssten für die direkte Umrechnung von Aufmerksamkeit in „harte“ Währung , also Barvermögen. Dass in einer komplexen und hoch differenzierten Mediengesellschaft Ruhm und Aufmerksamkeit per se einen gewaltigen Wert darstellen, wissen interessierte Betrachter nicht erst seit Supermodel- und Pop-Castingshows. Abseits des Starsystems etablierten sich im Internet zwar eine ganze Reihe von Free-Services – die tatsächliche Umrechnung von Mikro-Aufmerksamkeit in ökonomische Werte ist allerdings nach wie vor ein weitgehend unbeackertes Feld.

Die Plattform Naymz.com mag noch nicht vollständig ausgereift sein, spannend wird die Seite aber durch ihr Businessmodell, das in eine gänzlich andere Richtung als Facebook und Co. zielt. Denn während letztgenanntes Netzwerk und seine Epigonen versuchen, über umfassende und ansprechende Features eine riesige User-Community aufzubauen, die nach freiwilliger Angabe möglichst vieler persönlicher Daten in weiterer Folge zielgenau mit Werbung torpediert werden kann, lockt Naymz potentielle Kunden mit direkter Valorisierung ihrer wertvollen privaten Daten und ihrer Netzwerkkontakte. Wie Xing richtet sich die Seite dabei nicht in erster Linie an Privatpersonen, sondern an „Professionals“ und Freiberufler auf Auftragssuche.

Zwar existieren für Facebook diverse Rating-Applikationen, die den „populärsten“ Freund des eigenen Netzwerks küren sollen oder ähnliche Bewertungs-Systeme implementieren. Und natürlich sind User mit überdurchschnittlich vielen Kontakten bei fast allen Spielen und Applikationen im „Vorteil“, da die meisten Zusatzprogramme Bonusfeatures erst nach dem Versand möglichst vieler Einladungen freischalten. Doch was bei Facebook auf der spielerischen Ebene verbleibt, wird von Naymz in handfeste Währung verwandelt. Das gesamte Netzwerk beruht auf der altbekannten Empfehlungsmechanik: je mehr registrierte User eine bestimmte Person „empfehlen“, desto höher deren Punktestand. Zusätzliches virtuelles „Kapital“ lässt sich durch Einladungen und die möglichst vollständige Komplettierung des eigenen Kapitals erwerben. Aus den insgesamt erzielten Punkten errechnet Naymz den sogenannten „RepScore“ (Abk. für Reputationswertung), aus dem sich wiederum der RepLevel errechnet, eine Bewertung zwischen eins und zehn. Wer nun – sei es aufgrund vieler Einladungen oder Empfehlungen – Level 10 erreicht, kann Premium-Features der Plattform nutzen, die ansonsten nur zahlenden Pro-Usern vorbehalten bleiben: dazu gehört etwa ein genaues Tracking der Besucher auf der eigenen Profilseite sowie von Naymz geschaltene und bezahlte Google-Anzeige, die bei einer Suche nach dem eigenen Namen oberhalb der Suchergebnisse erscheint – eine einfache Möglichkeit, in Zeiten der Jobsuche für aktuelle Daten und steuerbare Webpräsenz zu sorgen. Ganz gemäß den beiden Credos der Seite: „Establish your good name. Promote your good name.“

Wie sich die in Chicago ansässige Firma in den nächsten Monaten entwickelt und ob das Konzept auf breiter Basis aufgeht, wird zu einem hohen Grad von den angebotenen Zusatzfeatures abhängen. Derzeit sind vergleichsweise wenige europäische User registriert, diese Demographie kann sich aber erfahrungsgemäß rasch ändern. In punkto geschäftliche Online-Präsenz und Valorisierung von Kontakten bringt Naymz die Konkurrenz durch innovative Ansätze auf jeden Fall gehörig ins Schwitzen.

5 comments
wozzek
wozzek

Mir gefällt es gar nicht, weder von der Idee, noch von der Umsetzung. Öffentliche Befürwortungsschreiben sind als Währung fragwürdig, anders als konkrete Bewertungen bei amazon oder ebay. Naja, und das es schiach ist, wurde eh schon gesagt.

Delirant
Delirant

Zuerst dachte ich, die Seite ist aus den späten Achtzigern. Aber die Features sind wirklich ziemlich einzigartig, danke für den Tipp.

steeze
steeze

hm... am layout der seite müssen die typen (oder typinnen, von wegen deinem letzten artikel zu splitting + co) aber noch eine weile rumfeilen. mehr als 2 farben wären auch ganz okay.

henri
henri

Naja, okay, ein social network & login mehr... aber wenn du sagst, dass man sich das mal anschauen sollte, dann werd ich das wohl machen... obwohl ich das gefühl hab, dass man sich momentan quasi 3x am tag bei neuen networks anmelden müsste.