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Abschied von friedlicher Koexistenz?

29.03.2008, geschrieben von , 1 Kommentar

In der Frankfurter Rundschau erschien am 28. März ein Reprint eines über­setz­ten Artikels von Louis Bayard über des­sen aktu­elle Einschätzung der poli­ti­schen Position des . Nix gegen Kritik am Oberhaupt der bud­dhis­ti­schen Religion, aber Abschied vom Dalai Lama ver­folgt eine sehr selt­same Argumentationslinie:

Die tibe­ti­sche Exil-Regierung wird von kei­ner ein­zi­gen Nation aner­kannt, und nach jah­re­lan­ger Politik der Anpassung und Passivität — der Dalai Lama for­dert kei­nen sepa­ra­ten tibe­ti­schen Staat mehr, son­dern nur noch die fried­li­che Koexistenz mit den Chinesen — sind die Besatzer um kei­nen Millimeter zurück­ge­wi­chen.
[…]
Das dürfte vor allem daran lie­gen, dass er (der Dalai Lama) so wenig von uns ver­langt. Für das west­li­che Publikum gibt seine Botschaft nicht viel mehr zu ver­ste­hen als ein Benetton-Plakat: Seid nett und lebt glück­lich. Es wird kein ernst­haf­tes Glaubensbekenntnis gefor­dert, ja nicht ein­mal ordent­li­che Geldgaben schei­nen zu inter­es­sie­ren (zum Glück hat der Schauspieler Richard Gere die Badezimmer des Dalai Lama bezahlt). Es wer­den keine (Selbst-)Opfer gefor­dert, füh­len Sie sich ein­fach frei, Ihr “Free ”-Banner vor irgend­ei­ner chi­ne­si­schen Botschaft auf­zu­stel­len. All das ist nicht gerade viel ange­sichts der mehr als sechs Millionen Tibeter, die unter der Gewaltknute Chinas zu lei­den haben. Aber was for­dern, wenn der Dalai Lama selbst der Volksrepublik ver­zie­hen hat? Das sagte er: “Unsere wirk­li­chen Feinde sind unsere schlech­ten Gewohnheiten, die uns den­ken las­sen, dass wir Feinde haben… Den Terror, den wir erle­ben, haben wir selbst angerichtet.

Die FR erlaubt keine Kommentare, son­dern nur soge­nannte “Leserbriefe” mit der Option auf Veröffentlichung… eine Frage zum Artikel konnte ich mir jeden­falls unmög­lich ver­knei­fen; denn eine Religion dafür zu ver­ur­tei­len, dass sie “kein ordent­li­ches Glaubensbekenntnis for­dert”, zeugt wirk­lich von gra­vie­ren­der Unkenntnis der Lehre Buddhas: im Gegensatz zu den meis­ten Religion gehen Buddhisten von den soge­nann­ten “Fahrzeugen” (klei­nes, mitt­le­res, gro­ßes) aus: im Wesentlich geht’s darum, die Leudde dort abzu­ho­len, wo sie ste­hen — und eben nicht um die ulti­ma­tiv rich­tige Wahrheit, aber das nur am Rande. Mir stieß der sug­ges­tive Subtext des Artikels sauer auf:

Ich bin immer wie­der aufs Neue über­rascht, auf wel­che ten­den­ziöse die Lehren Tenzin Gyatsos im Westen sto­ßen. Die “Weltanschauung” der Dzog Chen Religion lässt sich nun mal, im Gegensatz zu Slogans von Firmen wie Benetton, nicht auf wenige Worter redu­zie­ren; ver­sucht man das trotz­dem, dann kommt so ein “gut gemein­ter Stuss” raus wie im vor­lie­gen­den Artikel. Ja natür­lich kann man jeden Aufruf zur fried­li­chen Koexistenz als “Billigung” (von was auch immer ver­ste­hen)… aber das wäre eine lange Diskussion. Eine Frage inter­es­siert mich aller­dings bren­nend nach der Lektüre die­ses Artikels: was wäre denn nach Meinung des Autors die ? Dass der Dalai Lama zur Gewalt gegen die chi­ne­si­schen Besatzer auf­for­dert? Und über­all ver­kün­det, dass fried­li­che Koexistenz eben doch keine Option sein, weil Menschen halt ab und an ein paar aufs Maul brauchen?

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Bisher haben meine Lieblingsleser 1 Kommentar zu "Abschied von friedlicher Koexistenz?" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Mikee Identicon Icon

    Ich geb’ Dir völ­lig recht, die Argumentationslinie ist selt­sam, aller­dings spie­gelt der Artikel — viel­leicht unbe­ab­sich­tigt — das Dilemma, in dem sich die Institution der Dalai Lamas seit ihrer Machtübernahme durch den “Großen Fünften” befin­det: Einerseits ist der Dalai Lama zwar das poli­ti­sche Oberhaupt und somit abso­lu­ter Herrscher des alten Tibets, ande­rer­seits kann aber keine Rede davon sein, daß er das reli­giöse Oberhaupt der Tibeter oder gar “der Buddhisten” ist. In Wirklichkeit ist er nicht ein­mal das Oberhaupt sei­ner eige­nen “Gelugpa”-Schule (die “Gelbmützen”, über­setzt “die Tugendhaften”). Das ist näm­lich der Abt des Klosters Ganden (Ganden Tripa Rinpoche) und der wird kurio­ser­weise nicht reinkar­niert, son­dern jeweils für eine bestimmte Zeit ernannt. Traditionellerweise war die Position des Dalai Lama also poli­tisch ein sehr starke, wäh­rend sie sich spi­ri­tu­ell nicht wesent­lich von ande­ren reinkar­nier­ten Meistern unter­schied, und von die­sen Reinkarnationslinien gibt es hun­derte. Heute hat sich diese Position ins Gegenteil ver­kehrt: Der Dalai Lama wird von vie­len als spi­ri­tu­el­les Oberhaupt der Tibeter ange­se­hen, ver­fügt aber über kei­ner­lei poli­ti­sche Macht. Es bleibt ihm also nichts ande­res übrig, als als bud­dhis­ti­scher Meister zu han­deln und ent­spre­chende Ratschläge zu geben. Und dazu gehört eben auch der bedin­gungs­lose Verzicht auf Gewalt, auch wenn die­ses Mantra schon vie­len in der Exilregierung und im Tibetan Youth Congress sauer auf­stösst. Tatsächlich gibt es aber auch keine Alternativen, denn nur abso­lute Gewaltlosigkeit sichert den Tibetern die nötige mora­li­sche Über­le­gen­heit, mit der sie zumin­dest inter­na­tio­nal argu­men­tie­ren kön­nen — denn sonst wäre es nur ein Bürgerkrieg unter vie­len.
    Der Autor hat aber durch­aus nicht unrecht, wenn er meint, daß die Zeit des Dalai Lama abge­lau­fen sei — wenn auch wie­der aus einem völ­lig ande­ren Grund: Für die Chinesen ist der Dalai Lama kein Verhandlungspartner, denn der Gesichtsverlust, mit ihm an einem Tisch zu sit­zen wäre zu groß, die­ser Zug ist mitt­ler­weile ange­fah­ren. Sie gehen ja schon so weit, daß sie den jun­gen Panchen Lama seit Jahren an einem unbe­kann­ten Ort gefan­gen hal­ten, offen­sicht­lich nur um zu ver­hin­dern, daß im Falle des Ablebens des der­zei­ti­gen Dalai Lama ein neuer ernannt wer­den kann — denn für die Auffindung der Reinkarnation des Dalai Lama ist der Panchen Lama zustän­dig (und umge­kehrt). Mittlerweile müs­sen ja über­haupt schon alle Reinkarnationen von den Chinesen bewil­ligt wer­den — etwas kurios für einen vor­geb­lich säku­la­ren Staat (siehe ). Eine Lösung des “Tibet-Problems” wird also letzt­end­lich wohl so aus­se­hen wie es sich der Dalai Lama vor­stellt — eine Art von Autonomie im gro­ßen China. Aber er wird nicht mehr der­je­nige sein, der diese ver­han­delt, son­dern wohl viel eher ein gewähl­ter Vertreter des tibe­ti­schen Volkes aus dem Exil.

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