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Wenn Scheiben in Schlitzen klemmen…

Frage an Radio Eriwan: muss binäre Datenspeicherung umweltfeindlich sein? Antwort: Im Prinzip ja, es sei denn, man benutzt Steinhöhlenwände. Egal ob CD oder DVD: unsere allgegenwärtigen Silberscheibchen bestehen aus massig Polykarbonaten, und die bekommen kein Gütesiegel vom grünen Engel. Eine deutsche Firma bietet mit der Eco-Disc nun eine löbliche, schlankere Alternative an – aber die wiederum verheddert sich gern in Slot-In Laufwerken.

Für die Frühjahrsausgabe des unvorstellbar bewusst-nachhaltigen Biorama Magazins hab ich einen Artikel über die besagte klassische Misere geschrieben: der Held unserer Geschichte, in dem Fall der Herausgeber eines Printprodukts mit beiliegender DVD, steht vor der schwierigen Entscheidung: soll ich die Umwelt retten oder die Apple Laufwerke? Naja, Dilemmata lassen sich bekanntlich nicht lösen… es sei denn, durch spezifikationsgemäße Hardware.

Die Eco-Disc: Umweltfreundlichkeit mit Warnhinweis

Die Informationsgesellschaft benötigt immer mehr nicht-flüchtige Speichermedien: waren es vor rund einer Dekade noch vorwiegend CDs, die für die Datenspeicherung zum Einsatz kamen, wurden diese inzwischen längst von den rund sechsmal soviel Bits und Bytes fassenden DVDs abgelöst. Deren Öko-Bilanz stimmt allerdings im Fall eines Wegwerf-Mediums mehr als nachdenklich. Eine norddeutsche Firma bietet mit der Eco-Disc nun eine umweltfreundlichere Alternative – doch die ist mit einem gravierenden Nachteil behaftet: Slot-In Laufwerke verschlucken sich beim Auswurf an den extra-dünnen Silberscheiben.

Ob als Magazinbeilage, in der Computerspieldistribution oder im Videoverleih: DVDs sind allgegenwärtige Gebrauchsgegenstände, und ihre Herstellung ist alles andere als umweltfreundlich: das verwendete Polykarbonat bürgt für hohen CO2-Ausstoß, die verwendeten Kleber verschlechtern die Ökobilanz zusätzlich gravierend. Allein im Covermount-Geschäft (CDs und DVDs als Magazinbeilagen) wurden im Jahr 2005 18.000 Tonnen Polykarbonat verbraucht, Tendenz stark steigend. Die Lebensdauer der meisten Covermount-Datenträger ist ebenso kurz wie die der Magazine, mit denen sie vertrieben werden: doch im Gegensatz zum vergleichsweise geduldigen Papier kann bei der herkömmlichen DVD gar nichts recycelt werden.
Auch nicht bei der Eco Disc, aber die besitzt andere Vorteile: In erster Linie setzt der Hersteller auf den Faktor Dicke. Während die handelsübliche DVD 1,2 Millimeter stark ist, begnügt sich die umweltfreundliche Variante mit nur 0,6 Millimetern. Dadurch entfällt schon einmal die Hälfte des Trägermaterials Polykarbonats, zusätzlich kann der Hersteller aufgrund einer speziellen Oberflächenbehandlung auf die sonst erforderlichen Klebstoffe generell verzichten.
Es handelt sich also um eine Art Gegenthese zu jenen „selbstzerstörenden“ Datenträgern, die in den USA im Videothekenbereich seit längerem zum Einsatz kommen. Die luftdicht verpackten Filme werden nach dem Entfernen der Hülle innerhalb 48 Stunden unlesbar, sodass das Zurückbringen entfällt – Bequemlichkeit auf Kosten von zusätzlichen Müllbergen also.
Im Gegenzug versucht der norddeutsche Hersteller Optical Disc Service, die Ökobilanz der Silberschreiben zu verbessern anstatt zu verschlechtern. Hohe Marktchancen rechnet sich der Hersteller dabei in erster Linie aufgrund der günstigen Produktionskosten aus: Zeitschriften beiliegende DVDs sind meist ohnehin Wegwerfprodukte und die geringere Dicke erweist sich nicht nur in punkto Rohstoffverbrauch als äußerst vorteilhaft, sondern sorgt auch für leichteres Handling im Produktionsprozess: die Eco-Discs sind vergleichsweise biegsam und kann von gängigen Magazin-Produktionsgeräten recht problemlos verarbeitet werden

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Zu den oben aufgezählten Vorteilen gesellt sich allerdings ein gravierender Nachteil des Produkts: die Eco-Disc ist nicht für Slot-In Drives geeignet: im Gegensatz zu herkömmlichen CD-Laufwerken verfügen diese nicht über einen „Plattenteller“, sondern der Datenträger wird durch einen dünnen Schlitz eingezogen bzw. ausgeworfen. Aufgrund der geringeren Dicke kann der Einsatz der Eco-Disc in solchen Laufwerken zu gravierenden Problemen führen: zwar lässt sich die Disc problemlos ins Drive einführen, aber nur genau einmal: denn der Auswurf will danach partout nicht mehr klappen, da sich der Datenträger verhakt. Derartige Slot-In Drives kommen einerseits bei Apple-Rechnern und andererseits bei der Playstation 3 zum Einsatz. Ist die Misere erstmal angerichtet, so werden teure Reparaturkosten fällig… da freut sich gewiss die Kundenbindungsabteilung jeder Zeitschrift.

Das Problem ist dem Hersteller mittlerweile bekannt und eine kleine Warnung auf der Disc weist darauf hin, dass der Datenträger für Slot-In Laufwerke nicht geeignet ist. Kein Wunder, dass derartige Warnhinweise ganz gern übersehen werden: hunderte unvorsichtige Mac-User sahen sich bereits gezwungen, ihre Laufwerke „reparieren“ zu lassen – es gibt keinerlei Möglichkeit, mittels Eject-Button oder Notfallmechanismus die feststeckende Disc wieder aus dem Laufwerk zu befreien. Gerade bei Massenprodukten wie Zeitschriften und Magazin möchte man meinen, dass dieser gravierende Fehler die Ecodisc völlig abqualifiziert; bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch schnell, dass nicht der Hersteller der Datenträger, sondern Apple bei der korrekten Umsetzung der Spezifikation geschludert hat – zumindest laut Ecodisc. Denn der Auswurfmechanismus entspräche schlicht nicht den Vorgaben des DVD Forums.

Wer auch immer die Schuld trägt: grundsätzlich wäre eine ressourcenschonendere Herstellungsalternative gerade für Zeitschriftenbeilagen äußerst wünschenswert. Die Silberscheibe einfach im Laufwerk zu behalten, stellt natürlich auch eine Art der Müllvermeidung dar, wenn auch keine sehr nachhaltige: und solange Mac-User um die Gesundheit ihrer Laufwerke fürchten müssen, wird sich’s wohl kein Verlagshaus mit einem beträchtlichen Teil der eigenen Leserschaft verscherzen wollen – trotz alle Umweltbedenken.

ODS, Hersteller der Ecodisc

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