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Veranstaltungstipp: Flexible Cities

flexiblecitiesArchitekten und Baumeister bauen gemeinhin unsere Städte, und die wiederum produzieren ein charakteristisches Klangbild. Beim aktuellen Sound/Visualisierungs/Konzept von Wolfgang „Fadi“ Dorninger und Dr. Dietmar Bruckmayr geht’s allerdings um eine Umdrehung des klassischen Kausalverhältnisses: Sound wird zum Konstrukteur und Baumeister virtueller, vielschichtiger Pixel-Stadtlandschaften. Wer die Klang/Bildräume live durchschreiten möchte, sollte am kommenden Mittwoch in der Klosterneuburger Essl Museum besuchen.

Konzeptionell gehen die beiden Linzer Multimedia-Künstler damit ein ganzes Stück weiter als jene net.artists, die in den späten 90er Jahren die 3D-Welten von Spielen wie Unreal als virtuelle Ausstellungsräume nutzten. Die virtuellen Städte werden zwar innerhalb eines dreidimensionalen Koordinaten-Referenzsystems dargestellt, „Taktgeber“ und vierte Dimension allerdings ist die Musik: manifeste und latente Komponente werden umgekehrt, anstatt statisch determinierter Environments lässt Musik die Städte nicht nur pulsieren, sondern überhaupt erst entstehen: Geräusche kreieren und bebildern die künstlichen Stadträume. In der Ankündigung zur Performance schreiben Bruckmayr (Musik) und Dorninger (Visualisierung):

In den Flexible Cities herrschen verschiedene Gravitationszustände, Tektoniken und Lichtverhältnisse gesteuert von Klängen. Durch neue Gravitationszustände oder das völlige Fehlen von Gravitation tritt die Tektonik als ästhetischer Ausdruck der Gravitation in den Hintergrund. Ihre Aufgabe ist nunmehr die Sichtbarmachung von Licht in seinen vielfältigen Erscheinungsformen von Licht, Schatten, Schattierungen, Gradienten und Transparenzen. Unterschiedliche Lichtquellen, die in Form und Position wechseln, illuminieren, erzeugen und manipulieren Räume und Sektoren. Mehrere künstliche Sonnen ziehen ihre Bahnen und erhellen eine Dunkelheit, die Strukturen beständig ausspuckt und wieder verschluckt.

flexible citiesMit der Revolution der „Technischen Bilder“, die der Kommunikationsphilosoph und Foto-Theoretiker Vilém Flusser bereits vor Jahrzehnten so treffend voraussagte, entstehen völlig neue bildgebende Verfahren: im technische-medizinischen Bereich steht längst nicht mehr die Abbildungsfunktion, sondern die Konstruktion visuell-virtueller Realitäten im Vordergrund. Die „Flexible Cities“ orientieren sich an derartigen neuen bildgebenden Verfahren wie Mehrperspektivenprojektion und Schichtröntgen: es handelt sich nicht um Landschaften, in den sich „Spielfiguren“ orientieren: eben keine klar definierten, abgegrenzten Formen, sondern Dichteverteilungen, Transformationsvektoren und Skalierungen im beständigen autogenerativen Fluss.

Zum mathematischen Grundgerüst tritt weißes Rausches Zufallsmatrizen als „Störfaktor“ hinzu – aber natürlich sind Zufallszahlen aus dem Hauptprozessor ebenso formel-determiniert, bloß komplexer, oder wie die Künstler schreiben

Korrekterweise muss in Zusammenhang mit dem Computer als deterministisches System von Pseudozufallszahlen gesprochen werden. Entwürfe als absichtsvolles, zweckgerichtetes Tun werden durch aleatorische Prozesse in Form von ganzen Serien formaler Transformationen ersetzt, aus denen der Programmierer und Künstler nach ästhetischen Kriterien auswählt. Er lässt die Maschine rechnen und ist dabei wachsam genug, die eigenen Zwecke zu erkennen, wenn sie ihm im Fluss der Formen begegnen.

Für die Errechnung pseudo-organischer Funktionen tritt im Konzept die Superformula des belgischen Mathematikers Johan Gielis sozusagen als Antipode der Zufallsgeneratoren auf: mittels dieser spezifisch erweiterten Kreisformel lassen sich eine Vielzahl in der Natur vorkommender Formen berechnen:

superformula

Bei den Sounds handelt es sich einerseits um binaurale Tonaufnahmen aus München und andererseits um komponierte Teile. Um die komplexe Klangwelt für die Besucher der Installation erlebbar zu machen, kommen zwei verschiedene Tonanlagen mit unterschiedlichem Schall-Abstrahlverhalten zum Einsatz. Das insgesamt 6-kanalige System erlaubt den Besuchern, die Klangkonstruktion zu durchschreiten und sich selbst akustisch im Raum zu verorten.

Die Multimedia-Performance „Flexible Cities“ beginnt am 16. April pünktlich um 19:30 im Museum Essl, der Eintritt ist gratis.

Anfahrtsinfo

Die Performance findet ihm Rahmen der Serie KlangRausch statt; von Wien aus muss man um diese Uhrzeit je nach Verkehrslage zwischen 25 und 45 Minuten für die Fahrt nach K-Neuburg einplanen. [Ich werd, wenn’s nicht regnet, über die Kahlenberg-Höhenstraße mit dem Bike hinfahren. Wird eh Zeit für die 2008er Erstbefahrung.]

Adresse: Essl Museum – An der Donau-Au 1, Klosterneuburg bei Wien [Anfahrtsplan] Weitere Infos zur Performance gibt’s auf Fadis Blog und beim SRA.

2 comments
gabba
gabba

super artikel! großartiges projekt! werde mich auf den weiten weg nach Klosterneuburg machen. gabba