Wolfgang Michels weckt Sehnsucht

wolfgang michelsFormal gese­hen reiht sich Wolfgang Michels zwar in die Riege der deut­schen Liedermacher ein; bevor all­fäl­lige Vorurteile und Stereotypen ein­ki­cken, sollte aber sofort rela­ti­viert wer­den: Accoustic Blues als Genrebezeichnung klingt gleich ganz anders — und den Blues hat er, der Wolfgang, auch wenn er sich bei sei­nen Texten an die eigene Muttersprache hält. Aus die­ser Kombination resul­tie­ren sehn­süch­tige, weh­mü­tige Lieder, äußerst unprä­ten­tiös vor­ge­tra­gen und beste­chend bril­li­ant pro­du­ziert. Also kurz gesagt: es besteht über­haupt kein Grund für all­fäl­lige Berührungsängste jeg­li­cher Art!

Die Zwei-Track Single, die ich im Rahmen der Rezension zuge­schickt bekom­men habe, ist bloß ein Vorgeschmack auf den in Kürze erschei­nen­den Longplayer “zuhause”. Produziert wur­den alle Nummern von Franz Plasa, der über jahr­zehn­te­lange Studioerfahrung ver­fügt und des­sen Arbeitsumgebung gerade des­halb so gefragt ist, weil der Soundbastler stark auf “alt­mo­di­sche” Hardware setzt — und genau die­ser warme Tube-Sound lässt die Musiker vor sei­nem Studio Schlange ste­hen. Die Zusammenarbeit zwi­schen Michels und Plasa muss eine sehr inten­sive gewe­sen sein, denn die her­vor­ra­gende Produktion ist eine der größ­ten Stärken der Single: es erfor­dert näm­lich nicht bloß die pas­sende Hardware, son­dern auch mas­siv viel Studio-Erfahrung, um die fei­nen Nuancen im Gitarrenspiel und in der Stimme des Protagonisten so glas­klar abzubilden.

Denn diese fein-ziselierten Zwischentönen machen den Reiz von Songs aus, die eigent­lich so gar nicht in die kon­tem­po­räre deut­sche Poplandschaft pas­sen: so sehr ich das außer­mu­si­ka­li­sche Engagement Xaviers Naidoos schätze, so wenig kann ich mit den meis­ten sei­ner glanz-gelackten Schunkel-Instant Songs anfan­gen — und bei Marius M. Westernhagen kommt sehr nahe an meine Vorstellung von akus­ti­scher Folter heran. Die Pop-Glätte und Format-Radio Optimierung der meis­ten Michel’schen Berufskollegen setzt der 1951 gebo­rene Musiker ein Konzept ent­ge­gen, das den in Pressetexten gerne über­stra­pa­zier­ten Begriff “authen­tisch” zu recht ver­dient. Bereits mit 16 beginnt seine Karriere in Delmenhorst, wenige Jahre spä­ter lan­det er als “One Plus None” mit dem Titel “Desert Walker” auf Platz 2 in den BBC Charts. Nach meh­re­ren Alben und aus­ge­dehn­ten Ausflügen nach Los Angeles kehrt Michels in sein Heimatland zurück und wech­selt in sei­nen Songtexten zur deut­schen Sprache.

Auch wenn so gut wie jedes sei­ner Alben unter Afficionados als Geheimtipp gilt, bleibt Michels der große Durchbruch á la Grönemeyer samt all dem zuge­hö­ri­gen “Markenaufbau” ver­wehrt: das mag mit der kon­se­quen­ten Verweigerung einer strin­gen­ten Einordnung ebenso zu tun haben wie mit kon­se­quen­ter Berührungsangst vor Anbiederung — und nicht zuletzt mit mas­si­vem Distributionspech, denn von den gerne euphe­mis­tisch als Umstrukturierung bezeich­ne­ten Chaos der Musikindustrie wurde der Künstler gleich mehr­fach getrof­fen: der zustän­dige A&R war von einem Tag auf den ande­ren futsch — und nach den bei­den Songs auf der Single und wei­te­ren Hörbeispielen und Videos auf der Homepage des Künstlers muss man zu dem Schluss kom­men: gut, dass mit dem Hamburger Medienmanager Frank Otto der rich­tige Labelbetreiber zum rich­ti­gen Zeitpunkt am rich­ti­gen Ort war, denn er gab Michels nicht nur eine neue Label-Homebase, son­dern spannte ihn auch mit Produzent Franz Plasa zusam­men — und Blues/Pop Fans aller Altersklassen müs­sen nicht län­ger auf einen wei­te­ren poten­ti­el­ler Kultstatus-Longplayer warten!

Fazit: Deutschland ist ja grund­sätz­lich alles andere als arm an groß­ar­ti­gen Liedermachern: Franz Josef Degenhardts “Spiel nicht mit den Schmuddelkindern” gehört wohl unbe­strit­ten zu den pro­mi­nen­tes­ten Beispiel polit-kritischer Popkultur und inspi­rierte Dekaden spä­ter sogar die deut­sche Hip Hop Band Anarchist Academy zu einem Remake. Mit Wolfgang Michels gibt’s end­lich wie­der einen deutsch­spra­chi­gen Musiker, an des­sen sehr per­sön­li­cher Interpretation von Liedermacher-Blues sogar ein alter Hip Hop Head wie ich ganz und gar nix aus­zu­set­zen hat.

Addendum / Über diese Rezension

Ein paar abschlie­ßende Worte noch über diese Kampagne: ich war direkt erstaunt, dass bis­lang noch nie­mand aus der down­load­be­dingt recht dar­nie­der­lie­gen­den Pop-Industrie auf die Idee kam, via tri­gami im Longtail zu wer­ben. Popmusik ist ein groß­ar­ti­ges Thema für User-Generated Reviews… wen lässt Musik schon kalt? Über die zu schrei­ben sei aller­dings so ähnlich wie über Literatur tan­zen, hat mal ein klu­ger Mann gesagt: und in der Tat bleibt jede Beschreibung, so sie auch nur ansatz­weise die rein ana­ly­ti­sche Ebene ver­lässt (und worin genau sollte die eigent­lich im Pop-Journalismus beste­hen?), pure Spekulation und ist mei­ner beschei­de­nen Meinung nach eher im Reich der Literatur als im Bereich des Journalismus anzu­sie­deln. War eine aus­ge­spro­chen gute Idee, die Single an alle teil­neh­men­den BloggerInnen zu ver­schi­cken, und auch die Vergabe von 20 Limited Alben gefällt mir ganz hervorragend:

Gesucht sind the­men­spe­zi­fi­sche Blogs, die die Rezension pas­send zum Thema ver­fas­sen. Der Kreativität sind hier­bei keine Grenzen gesetzt, lass Dir etwas beson­de­res für die Rezension ein­fal­len und Du hast die Chance auf ein signier­tes Limited-Edition Album, dass wir an die 20 aus­sa­ge­kräf­tigs­ten und krea­tivs­ten Blogger ver­schen­ken wollen.

Aber natür­lich bin ich ein alter Meckerer und des­we­gen folgt das “Aber” auf den Fuß: bei einer Kampagne zum Albumlaunch würd sich’s extrem anbie­ten, ein oder zwei Tracks — bzw. 1 bis 2 Minuten Parts — zum Download bzw. Streaming frei­zu­ge­ben. So sehr wir Blogger uns auch bemü­hen, ich glaub die beste Werbung für die Musik von Wolfgang Michels ist… die Musik von Wolfgang Michels. Als klei­ner Beleg für diese These hier ein Live-Video von “Sehnsucht”, das ich auf youtube gefun­den habe:

YouTube Preview Image

Mehr Hörbeispiele gibt’s wie erwähnt auf http://www.wolfgang-michels.de und am Myspace Profil des Künstlers.

3 comments
Jens
Jens

Hallo, die Mucke ist echt cool. Und wie Du bereits gesagt hast. Es gibt wirklich sehr viele gute deutsche Liedermacher. Also nicht nur Reinhard Mey und Udo Lindenberg, die aber auf jeden Fall sehr herausragende Künstler sind. Den ganzen Artikel finde ich persönlich sehr gut, denn deutsche Lyrik geht im Track und ganz besonders im Konzert, doch etwas mehr unter die Haut. Man fühlt sich einfach persönlich angesprochen. Als weiteres ganz großes Highlight dieses Genres sehe ich da Peter Licht, der in mir in seinen eigenen Projekten eigentlich am besten gefällt. Klar die Sachen, die er für die Toten Hosen geschrieben hat sind auch ganz nett, treffen mich als Zielgruppe nicht so sehr. Da bevorzuge ich ganz klar Johnny Freedom Wäre toll, wenn Du auch mal über Peter Licht oder Johnny Freedom berichten könntest. Die CDs von Johnny Freedom sind übrigens (leider…) viel zu günstig. Reinhören lohnt sich auf jeden Fall. Viel gut. Gruß. Jens

m.o.m.
m.o.m.

Ich hatte bei meiner auch darüber gegrübelt bzw. gegrummelt, dass es jetzt doch vielleicht Klasse wäre ein Stückchen MP3 einzubinden. Das mit dem Video wollte ich nicht machen, da ich das schon woaders gesehen hatte.

ritchie
ritchie

Ja, ich hätt ja schon fast einfach eine Minute von der Single hergenommen... also falls da jemand vom Label mitliest: gebt mir ein okay und ich stell sehr gern zwei 1min Parts dazu! Grad bei Michels fragiler Sound leidet vergleichsweise sehr stark unter der miesen youtube Audioqualität.