Interessiert an Web 2.0, Medientechnik, Bloggig und Popkultur? Dann abonnieren Sie doch einfach datenschmutz News bequem via RSS Feed oder E-Mail! Danke für Ihren Besuch und viel Spaß auf meinem Blog.

Do it yourselfDie DIY (Do it yourself) Bewegung schwappt von den USA nach Europa über: sie lässt Heimwerken unter veränderten Vorzeichen plötzlich wieder en vogue werden. Zu je komplexeren und undurchschaubareren Konfigurationen sich Technologie auf der einen Seite hin entwickelt, desto größer wird auf der anderen Seite offensichtlich das Bedürfnis, einen Blick hinter die Maske namens Oberfläche zu werfen. Denn selbst im Zeitalter der allumfassenden macht es manchmal Sinn, das “Begreifen” wörtlich zu verstehen.

Nicht zuletzt das amerikanische Make Magazine hat den Trend zum Do-it-Yourself entscheidend mitgeprägt. Während die einen in die Disko kroch’n gehen, schrauben die anderen aus purer Entdeckungslust an Klospülungen rum - höchste Zeit also für the gap, einen Blick unter die Haube der zu werfen. Für die derzeit im Druck befindliche Ausgabe habe ich ein Interview mit geführt: der Medienkünstler, und Musiker organisiert in England das Takeaway Festival und hat ganze Generationen von Studenten an der Angewandten in Wien unterrichtet. Eine Biographie findet auf Kunstradio.at. Herzlichen Dank an Klaus Kraigher für die Fotos!

Audiointerview mit

Exklusiv hier auf datenschmutz gibt’s das Interview in voller Länge als Streaming Audio - im Gespräch schneidet Prof. Dudesek einige hochinteressante Themen an, die ich im Artikel aus Platzgründen weglassen musste. Et voilá: Digital Crafts, Kunst und Handwerk und die Entwicklung der der letzten Jahre: Professor im Gespräch mit dem Autor. (Bitte die suboptimale Audioqualität zu entschuldigen; ich hatte meine externe Soundkarte nicht zur Hand und der eingebaute Mic-In besitzt einen nicht abschaltbaren Dynamikfilter aus der Hölle. Trotzdem Hörspielpflicht für alle -Freaks!)

Mach’s dir selber

Die Lust am Basteln erlebt eine digitale Renaissance.

Einen wesentlichen Kristallisationspunkt fand die DIY-Bewegung im us-amerikanischen Make Magazine: die erfolgreiche Printpostille mit stark bevölkerter Community-Seite stellt so etwas wie die moderne Gegenthese zu Tim Taylor dar: Motor und Kraftquelle ist primär die Lust am Sinn-Losen, Anleitungen für effektivere Stauraumgenerierung oder klassische Haushaltstipps wird man hier nur ein Ausnahmefällen finden. Dafür erklären Redakteure etwa anhand eines detaillierten Films, wie man aus Haushaltsmaterialien einen ferngesteuerten Ornithopter baut oder wie man eine Violine ein USB-Instrument umfunktioniert. Natürlich gehört dazu auch ein nahezu täglich aktualisiertes Blog - und in der Tat erscheint kaum ein Thema so unerschöpflich und variantenreich wie der Einsatz von Technik in der und vor allem gegen die Intention ihrer Schöpfer. Das Web 2.0 mit seinen Social Networks wie Facebook, Myspace oder StudiVZ und den zahllosen Mikromedien-Channels von Weblogs über Twitter-Profile bis zu Youtubes Accounts bietet der Do-it-yourself Kultur die perfekte Selbstdarstellungsplattform. Denn die Freude am selbstgebastelten USB-Mini-Heißwasser Boiler respektive die Motivation, ihn überhaupt erst zu bauen, steigen zum Quadrat, wenn eine potentiell interessierte Weltöffentlichkeit zum Voyeur der eigenen Ingenieurskunst wird.

diyDass dieser Paradigmenwechsel am Kunstbetrieb längst nicht spurlos vorüber geht, weiß jeder, der in den letzten Jahren die ars electronica besucht hat. Seit der russische net.artist Alexej Shulgin im Jahr 2000 mit seinen 10 in Steintafeln gravierten Gesetzen das Genre der net.art für verblichen erklärte, wich das analytische Paradigma auch im medien-artistischen Bereich einem Hands-On Ansatz, der den User mehr oder weniger radikal von der passiven Rezipientenrolle in die des Créateurs versetzt.
Universitätsprofessor befasst sich seit mehreren Jahrzehnten mit dem Themenkomplex und organisiert in London das Takeaway Festival, eine Mischung aus Konferenz, und kollektivem Bastelworkshop. Der mittlerweile in England, Deutschland und Österreich tätige Theoretiker und Aktivist gestaltete die ars electronica mit, prägte durch seine organisatorische und/oder kuratorische Tätigkeit zahllose Medienfestival und sensibilisierte Generationen von StudentInnen im Umgang mit diesem eigenartig-immersiven Medien-Dingsda*, das sich sowohl im akademischen als auch im künstlerischen Bereich stets so elegant dem finalen Zugriff des Betrachters entzieht. Medien, das predigte McLuhan Zeit seiner Lehrtätigkeit, bilden einen integrativen Teil des uns umgebenden Lebensraums. Wir können sie nicht im klassischen Sinne analysieren, da der nötige Abstand zwischen Betrachter und Subjekt schlicht nicht herzustellen ist - also bleiben uns nur die sogenannten “Probes”, also Sonden, die einzelne “Medienproben” liefern, aus denen wir Rückschlüsse begrenzter Gültigkeit ziehen können.

Zu Abstrakt? Genau um dieses invasive Hinter-die-Maske-Schauen einerseits und um ein altes Spannungsfeld zwischen Kunst und Kunsthandwerk andererseits dreht sich der aktuelle Diskurs der , wie erklärt: “Was komplexer wird, kommt von Natur aus auch in die Krise. Und in dieser Krise modifizierte sich die zu einer Art Designkunst. Die ars electronica und andere Festivals mutierten zu Design-Präsentationen; ob Open Source oder nicht, sei mal dahingestellt. Das hat natürlich dazu geführt, dass in der Spannung zwischen Kunst und Design - also zwischen Kunst und Handwerk, diese Spannung gibt es ja nach wie vor - die handwerkliche Seite in Form der ‘digital crafts’ plötzlich sehr stark die Oberhand gewonnen hat.”

Die digital-crafts Bewegung existiert seit rund fünf Jahren und zeigt neue Varianten interaktiver Interfaces, die in der “klassischen” schlicht keinerlei Beachtung mehr fanden: “Designer haben per definitionem keine politische oder kulturelle Selbstaufgabe. Daher auch dieser Begriffsbogen von wegen ‘knitting’, ‘do-it-yourself’ und so weiter. Diese neue technologische Situation erlaubt einem viel weiteren Personenkreis, eigene Projekte zu entwerfen und in weiterer Folge auch Geld damit zu verdienen, was natürlich völlig legitim ist. Die Universitäten in Europa haben diese Entwicklung weitgehend verschlafen und beschäftigen sich nach wie vor mit einem tradierenden Kunstbegriff, der mit dieser neuen Form der medienkulturellen Produktion einfach nicht mehr funktioniert.”

loetenTechnologien beziehungsweise Werkzeuge formen stets den mit ihnen generierten Output: das Vektor-Grafikformat Flash von Adobe etwa gibt bis zu einem hohen Grad das mit ihm realisierbare Endprodukt vor - eine scheinbar paradoxe Situation, die Prof. Dudesek mit dem in Europa lange Zeit sehr beliebten “Stricken nach Zahlen” vergleicht. Studenten sollen an Kunsthochschulen für diese Situation sensibilisiert werden und durch den Blick unter die Oberfläche ihre Werkzeuge im Flusser’schen Sinne als Dispositive des Kunsthandwerks verstehen. “Tools framen die Ästhetik,” erklärt Dudesek, “und die Beschäftigung des Künstlers endet ja nicht an der Oberfläche, sondern es geht darum, diese Interface-Systeme von der intellektuellen Seite her zu kapieren: denn dieses Verständnis spielt ja wieder eine beträchtliche Rolle im kreativen Bereich.”

Für die Einwohner des klassischen Kunstestablishments müssen die Credos der jungen Medienkünstler-Generation wie Altarfrevel erscheinen: wo das Establishment Sicherheit an Ölgemälden in historischen Säulenhallen festmacht, richtet sich die Aufmerksamkeit der jungen auf iPhones, digitale Klospülungen und so ziemlich jede Blackbox, deren unter der Haub verborgener Hard- oder Software-Schaltplan sich neu verdrahten lässt. Was im Bereich elektronischer Musik modifizierte Klangerzeuger-Hardware bedeutet, davon weiß jeder Synthie-Sammler ein Lied zu singen - ob der Do-it-Yourself Schock als nachhaltiger künstlerischer Paradigmenwechsel gelten wird, das kann aber nur eine entscheiden: und zwar die Nachwelt.

Dass (digitale) Re- und Produktionstechniken den Fokus ästhetischen Schaffens auf die Beschäftigung mit den Implikationen der Hard- und Software lenken würde, erkannte in den zwanziger Jahren bereits Walter Benjamin in seinem hellsichtigen - und vielfach zu Unrecht als kulturpessimistisch bezeichneten - Kunstwerksaufsatz (Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeialter seiner technischen Reproduzierbarkeit). Ein berechtigter Zweifel an der Hoffnung auf lustvolle Aneignung der mediengesellschaftlichen Infrastruktur macht sich aber trotzdem breit: noch nie wurden so viele Kochbücher und -sendungen produziert und konsumiert wie in den Nuller-Jahren des neuen Jahrtausend - während zugleich noch nie in der Geschichte Westeuropas privat so wenig gekocht und soviele Fertigprodukte konsumiert werden. Anstatt die guten alten Zeiten elitärer Kunstproduktion zurück zu sehnen, bleibt also nur zu hoffen, dass der hohe Spaßfaktor der Do-it-yourself Philosophie auf breiter Ebene nicht bloß verkleidete Kapitulation vor znunehmend undurchschaubareren Blackboxes symbolisiert.

* Unter anderem auch den Herausgeber des Pamphlets; sowas kommt also dabei raus, wenn man zu lange über dieses Medienzeugs nachdenkt.


Fotocredits:
Bild 1 - Alix-Gehäuse: Roland Alton Scheidl, net culture lab
Bild 2 - Ncl_Radicla Chic: Telekom Austria TA AG
Bild 3 - Löten: David Cuartielles


1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (3 Stimmen, Durchschnitt: 3.33von 5)
Loading ... Loading ...

veröffentlicht am 08. May anno domini 2008.
Tags: , , , , , ,


  1. Klaus Identicon Icon
    Klaus schrieb am 9. May 2008 [Direktlink]

    Hoffe nicht zu sehr Blog-Spam, aber es passt zum Thema:

    DIY kommt nach Wien, im net.culture.space im MQ kann jeder mitbasteln, löten und programmieren.

    Siehe http://lab.netculture.at/diy

    Do It Yourself-Workshops
    Make your own: 3D Plot – fab@home | 28. Mai bis 10. Juni
    Make your own: Physical Computing – Arduino | 28. Mai bis 10. Juni
    Make your own: Home Media Server | 28. Mai bis 3. Juni
    Make your own: Wii controlled Whiteboard | 3. Juni
    Make your own: Radical Chic – Wearable Computing | 4. Juni bis 7. Juni
    Make your own: Wearable Computing … | 30. Mai bis 1. Juni und 6. Juni bis 8. Juni

    Wo:

    net.culture.space – quartier21/MQ
    Museumsplatz 1 | 1070 Wien

    Freier Eintritt!

    [direkt antworten]

    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 10. May 2008: [Direktlink]

    Da werd ich sicherlich auch mal vorbeischauen. Bin ja gespannt, ob das eher die Nerd-Fraktion anzieht oder ob Löten plötzlich Pop-Appeal bekommt und ich meine Zinnrolle wieder auspacken muss :mrgreen:

    [direkt antworten]

  2. www.angelboot.org Identicon Icon
    www.angelboot.org schrieb am 13. May 2008 [Direktlink]

    Ich glaube nicht das Löten plötzlich Pop-Appeal wird, eher werden es mal wieder die Nerds seien die mit der Zinnrolle und der Lötpistole am Gürtel kommen werden.

    [direkt antworten]

  3. ritchie Identicon Icon
    ritchie schrieb am 13. May 2008 [Direktlink]

    Aber vielleicht werden Lötkolben demnächst ein unverzichtbare Accessoire auf Modeschauen :-)

    [direkt antworten]

  4. Robert Identicon Icon
    Robert schrieb am 14. May 2008 [Direktlink]

    Wie habe ich das früher geliebt mit meiner Lötstation die komischsten Sachen zusammen zu löten :roll:

    Mittlerweile benutz ich den nur noch, wenn meine Lüftersteuerung mal wieder spinnt.

    Nen Besuch wäre es aber dennoch wert denke ich. :mrgreen:

    [direkt antworten]

  5. Mario Identicon Icon
    Mario schrieb am 15. May 2008 [Direktlink]

    Ich hab mit mit dem Lötkolben früher immer die Leiterbahnen rampuniert. Seitdem lass ich die Finger von diesen Ungetümern:)

    [direkt antworten]

 

Kommentar schreiben:




oder optional:


Bei Antworten am laufenden bleiben: klicken Sie die Checkbox an, um via E-Mail über weitere Antworten informiert zu werden.
Erlaubte XHTML-Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
verzögerte Veröffentlichung von Beiträgen: Möglicherweise erscheint Ihr Beitrag aufgrund eines unberechtigen Spamverdachts nicht sofort. Er wird später manuell moderiert und freigegeben - ich bitte um ein wenig Geduld.
Werbliche Einträge und Spam-Kommentare sind zu unterlassen. Wenn Sie auf meinem Blog werben möchten, so können Sie mich bezüglich Bannereinschaltungen direkt kontaktieren. Ansonsten werden gewerbliche Einträge pauschal mit 2,3 Fanstastilliarden Francs berechnet - die Rechnung bringt ein bissiger Storch.