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Vom Ungleichgewicht medialer Einkommensverhältnisse

30.05.2008, geschrieben von , 2 Kommentare

eurogeld Vom Ungleichgewicht medialer EinkommensverhältnisseGestern war ich Gastvortragender in Frank Hartmanns Multimedia Vorlesung. Auf der Agenda stan­den einer­seits aktu­elle Trends im Bereich und ande­rer­seits ein wenig Plauderei aus dem Berufsalltags-Nähkästchen — nicht nur das klas­si­sche Berufsbild des Journalisten bzw. Medienarbeiters ändert sich: Inhalte-Produzenten, egal ob Schreiber, Filmer oder Radiomacher, ver­die­nen zuneh­mend weni­ger mit ihrer Arbeit, wäh­rend die klas­si­sche Umwegrentabilität durch immer höhere Bedeutung gewinnt.

Derzeit sind in Europa allen­falls die ers­ten Vorbeben zu spü­ren, die sich aller­dings mit beein­dru­cken­den Zahlen unter­mau­ern las­sen: wäh­rend Ende der neun­zi­ger Jahre für ein län­ge­res Feature meh­rere hun­dert Euros bezahlte*, gibt’s mitt­ler­weile deut­lich weni­ger als einen Hunderter — unab­hän­gig von der Artikellänge. Am Abend habe ich dann noch fol­gen­des Tweet von Luca gelesen:

Gerade erfah­ren, dass ich für einen Trigami-Beitrag mehr bekomme als jemand mit Magister für einen Telepolis-Artikel. Aua. #zukunft?

Dieser Gedanke kam mir auch schon häu­fi­ger — für einen trigami-Review hier auf daten­schmutz bekomme ich mehr als dop­pelt soviel wie für eine mei­ner Ö1 Kolumnen. Das ist auf den ers­ten Blick hoch­gra­dig skur­ril — dass Blogger für ver­gleichs­weise sehr unauf­wän­dige Werbetexte beträcht­lich mehr Geld erhal­ten als Freelance-Profischreiber, die ihre Artikel an “pro­fes­sio­nelle” Medien ver­kau­fen. Und diese Beispiele sind bei­leibe keine Einzelfälle: am gesam­ten euro­päi­schen Medienmarkt ist ein gra­vie­ren­der Preisverfall zu beob­ach­ten, der diverse Gründe haben mag: ein Über­an­ge­bot an Arbeitnehmern, gene­rell stär­kere Konkurrenz im Medienbereich… aber ver­die­nen die Produzenten weni­ger? Keineswegs, im sel­ben Zeitraum stie­gen alle Werbepreise ganz beträcht­lich. Man könnte nun durch­wegs behaup­ten, dass Inhalte sozu­sa­gen das nötige Übel dar­stel­len, mit dem man die läs­ti­gen Whitespaces zwi­schen den lukra­ti­ven Anzeigen fül­len muss: Content fol­lows Adverts á la form fol­lows function.

Auf der ande­ren Seite aller­dings gewinnt für jeden Medienarbeiter das Konzept der Selbstvermarktung radi­kal an Bedeutung: wäh­rend für Zeitungen und Zeitschriften Artikel immer weni­ger wert wer­den, stellt Unique Content im Netz eine wahre Goldgrube dar: für jede/n JournalistIn bie­tet sich ein ideal als Pressespiegel an. Ich sel­ber arbeite schon wesent­lich län­ger als Journalist als ich blogge, und der Wunsch nach einem eini­ger­ma­ßen kom­plet­ten Pressespiegel war damals mit­ent­schei­dend für den Start von daten­schmutz — dass die Publikation eige­ner Artikel auf mit­tel­fris­tige bis lange Sicht ökono­misch wesent­lich attrak­ti­ver ist als der ein­ma­lige Verkauf von Texten über­se­hen aller­dings nach wie vor die meis­ten Schreiber. Und bei den in Öster­reich übli­chen, hart an der Lächerlichkeitsgrenze krat­zen­den Honoraren für freie Journos würde ich nie­mals einen Text exklu­siv ver­kau­fen — es sei denn, jemand ist bereit, auch adäquat zu bezah­len. Ansonsten betrachte ich all­fäl­lige Abdruck-Honorare mitt­ler­weile eher als Nebeneinkommen — und die­sem Shift von Quantität (Auflage) zu Qualität (Visibility), von Massen– und Mikromedien, kann ich sehr viel abge­win­nen: denn erst­mals in der Geschichte der Massenmedien kön­nen die Produzenten selbst, natür­lich mit ent­spre­chen­dem Zeit– und Energieaufwand, selbst direkt von der guten alten Werbe-Umwegrentabilität profitieren.


* Mein ers­ter Beitrag war ein Interview mit DJ Spooky in Linz, das Frank und ich gemein­sam geführt haben. Der Text ist auch hier auf daten­schmutz publi­ziert und in Franks Medienphilosophie Buch Vom Ungleichgewicht medialer Einkommensverhältnisse, das die­ser Tage in korea­ni­scher (!) erschien… somit ist der Text sozu­sa­gen meine erste Publikation in Schriftzeichen, die ich über­haupt nicht ent­zif­fern kann frog6 Vom Ungleichgewicht medialer Einkommensverhältnisse


Foto-Credits: Euros von tom­myS [pixelio.de]

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Bisher haben meine Lieblingsleser 2 Kommentare zu "Vom Ungleichgewicht medialer Einkommensverhältnisse" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Susanne Identicon Icon
    Susanne sagte am 30. Mai 2008 um 13:37

    weil du schreibst “Content fol­lows Advert” — das bekomme ich in mei­ner täg­li­chen Medienarbeit zu spü­ren. Man muss oft mit sei­nem gewis­sen hadern, ob man von Anzeigenkeilern das für den Kunden ver­lo­ckende Angebot annimmt — 1 Inserat, 1 Advertorial und dazu 2 Seiten redak­tio­nelle Berichterstattung. Wie frei sind Medien bzw. Journalisten? Und auch wenn laut PRVA Ehrenkodex http://www.prva.at/aktuell/aktuell_20080306.html sol­che Angebote abzu­leh­nen sind, so kann man es mitt­ler­weile nur mehr sehr schwer dem Kunden gegen­über argumentieren.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 30. Mai 2008 um 14:25

    Ja, das stimmt defi­ni­tiv — die Lücke zwi­schen Codex und Praxis klafft immer wei­ter auseinander.

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