Die Nackerten Flash-Mobber von der Lobau

Lobaustrand„Herr Blogger, lehren Sie Geschichte“, hat nie ein österreichischer Bundeskanzler gesagt. Aber in Zeiten pressierender Neuwahlversprechungen kann man Politikern bekanntlich ohnehin nix glauben, und nicht jeder publizistischen Handlung geht ein gut gemeinter Ratschlag oder ein dämlicher Leserbrief voran. Aber schnell zu etwas Erfreulicherem, und zwar der Lobau: über diesen wunderschönen Nationalpark hat Joseph Gepp im aktuellen Falter [Nr.29/2008] unter dem Titel „Der Zauberwald“ ein würdiges Portrait geschrieben. In den Wiener Auen findet sich eine Subkultur, über die in keinem Krocha-Magazin etwas zu lesen ist:

„Die Wildnis steht für etwas Irreguläres und zieht irreguläre Existenzen an,“ sagt der Lobau-Experte Fritz Keller, der sich in seinem Buch Lobau – Die Nackerten von Wien mit der Sozialgeschichte der Au beschäftigt hat. „Im Dschungel kann man sich verstecken. Jugendbewegungen und politische Aktivisten nutzten das für ihre Zwecke. Gesellschaftliche Experimente konnten hier ungestört durchgeführt werden.“

Das kann ich nur bestätigen, auch wenn ich gegenüber der Lobau alles andere als unvoreingenommen bin – verbringe ich dort doch seit Jahren einen beträchtlichen Teil des Sommers: ein unglaublicher Boost auf meinem persönlichen Lebensqualitätsindex. Manchmal bei den „Nackerten von der Dechantlacke“, häufig auch an abgeschiedeneren Plätzen, von denen es viele gibt. Dort kann ich auch besser als überall sonst einem meiner Lieblingshobbys nachgehen und ausgedehnte Frog-Watching Sessions abhalten. Dank meiner neuen Digicam mit fettem Teleobjektiv werden einige der kleinen grünen Spaßmacher sicherlich noch zu FlickR-Fotoehren kommen :mrgreen:

Joseph Gett hat bei seiner Recherche auch mit Jenny Strasser, 95, gesprochen: sie war 1934 beim sozialdemokratischen Schutzbund aktiv, die Treffen fanden hauptsächlich auf der Hirscheninsel in der Lobau statt. Dort wurden die Protestaktionen gegen die faschistische Politik geplant – und was mich besonders verblüfft hat:

Flashmobs sind keine Erfindung der Internetgeneration!

Wie sahen diese Blitzaktionen aus? Jenny Strasser redet klaren Blickes und voller Begeisterung: „Sie dauerten meistens nur fünf Minuten. Verschiedene Aktivisten kamen über verschiedene Straßen an einem bestimmten Platz, zum Beispiel am Nestroyplatz, zusammen. Alles war vorab abgesprochen. Dann hielt einer eine schnelle Rede, zwei rollten ein Transparent aus, Flugzettel wurden ausgeteilt. Wenn die Polizei gekommen ist, waren wir schon wieder weg, in verschiedene Richtungen. Auch das war vorher ausgemacht.“

Freilich konnte damals von „Spaßfaktor“ wenig Rede sein: die Aktivisten riskierten eine Menge, um gegen den Austrofaschismus zu protestieren. Nach dem Einmarsch der Nazis floh Jenny Strasser, seit ihrer Rückkehr nach Österreich hat sie die Lobau nie mehr betreten. An manchen Stellen befinden sich alte Bunker, fast komplett überwachsen – dort wohnten die Zwangsarbeiter, die den Donau-Oder Kanal errichten sollten. Viele Jahre später entstand in der Lobau eine Art Ghetto, die Armensiedlungen am Biberhaufenweg sind längst verschwunden. Die Lobau zum Nationalpark zu erklären war eine goldrichtige Entscheidung – ich hoffe, dass dieser grandiose Mikrokosmos intakter Natur, so unglaublich nahe an einer Millionenstadt, noch vielen Generationen von WienerInnen erhalten bleiben möge. Und wer wissen will, auf welch historischem Boden er da den nackten Popo gegen Sonne reckt, sollte unbedingt einen Blick in den Falter werfen.

Lobaufrosch
2 comments
weirdsista
weirdsista

jetzt würden wir natürlich auch gern wissen, ob du dort auch nackert rumliegst :roll:

ritchie
ritchie

Aber selbstverständlich doch! Ich meide Schwimmbäder und vor allem deren Chlorbecken wie der Teufel das Weihwasser - und ich würd mich nie explizit in eine Nudistenkolonie bewegen, aber wenn ich die Wahl hab, lieg ich in freier Natur natürlich lieber nackt rum.