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Die Benzinpreisspirale nach unten drehen

19.08.2008, geschrieben von , 10 Kommentare

friedhofsautos 150x150 Die Benzinpreisspirale nach unten drehenHöchste Zeit für ein paar Anmerkungen zum Thema Benzinpreis, Energiepolitik und Konsumenteneinfluss die mir schon län­ger im Kopf rum­spu­ken: kon­kre­ter Anlassfall ist eine von Baynado ins Leben geru­fene Blogkette, wel­che die Volksboykott.de bekann­ter machen soll. Die Idee dahin­ter: durch gezielte, tem­po­rär beschränkte Blockade ein­zel­ner Ölmul­tis soll ein Preiskampf ent­facht wer­den, der letzt­lich die Benzinpreise für alle senkt. Was ich von Betrügern und Autos, die “mit Wasser fah­ren”, halte, habe ich an die­ser Stelle schon öfter kund getan, die Benzinpreisidee ist ver­gleichs­weise weit weni­ger absurd, wenn auch nicht neu.

Allerdings stimme ich Baynado zu, dass die Erfolgsaussichten in einer Zeit, in der ein Großteil der Konsumenten via E-Mail & Co. ver­netzt ist, grö­ßer sind als je zuvor. Und vor­weg ein caveat: man muss erst­mal wis­sen, wie sich der Spritpreis zusam­men­setzt, ein paar lesens­werte Infos dazu hat das deut­sche Finanzministerium online gestellt: tat­säch­lich lässt sich der gän­gige Vorwurf, der Staat ver­diene am höhe­ren Benzinpreis auf­grund der höhe­ren Steuereinnahmen, leicht entkräften:

Die Rechnung ist ein­fach: Jeder Euro kann nur ein­mal aus­ge­ge­ben wer­den. Was die Verbraucher mehr an Umsatzsteuer an der Tankstelle bezah­len, geben sie an ande­rer Stelle weni­ger für den Konsum aus. Im Endeffekt bleibt das Steueraufkommen aus der Umsatzsteuer für den Staat gleich. Weder im Hinblick auf die Konjunktur, noch auf Steuereinnahmen hat der Staat ein Interesse an hohen Kraftstoffpreisen.

Hauptgrund für die stei­gen­den Preise ist die stei­gende Weltmarktnachfrage bei der­zeit wei­ge­hend gleich­blei­ben­dem Angebot, der zweit­wich­tigste Punkt sind die immer höhe­ren Gewinnspannen der Erdölkonzerne, und genau um die geht’s im vor­lie­gen­den Fall. Die ÖMV etwa, Öster­reichs grö­ßer Mineralölkonzert, hat im ers­ten Halbjahr 2008 1,5 Milliarden Gewinn (nicht Umsatz — Gewinn!) gemacht, das sind 55% mehr als im Vorjahr, wie der ORF am 7. August berichtete.

Was kann man dage­gen tun? Nun, man boy­kot­tiert gezielt einen Anbieter, kauft also bei­spiels­weise kein Benzin mehr bei Shell, nur mehr bei Agip, selbst wenn’s dort ein paar Cent mehr kos­tet. Shell hat keine Kunden mehr, gerät unter Druck und muss den Preis sen­ken, die ande­ren Bewerber zie­hen nach — und alle sind glück­lich über das bil­lige Benzin — nur die Aktionäre nicht. So das ver­ein­fachte Modell, das in der Praxis aller­dings meist daran schei­tert, dass die nötige kri­ti­sche “Boykottmasse” nicht erreicht wird.

Völker, hört ihr die Boykotte

Dieses Prinzip lässt sich grund­sätz­lich auf jedes Produkt anwen­den, das nicht von einem Monopolisten her­ge­stellt und ver­trie­ben wird — und genau die­ser Aufgabe hat sich die Seite Volksboykott.de ver­schrie­ben — .at und .ch blei­ben einst­wei­len außen vor. Aktuelles Projekt ist natür­lich der besagte Benzinpreis, und mag davon hal­ten, was man will: ein wenig “fucking with the free mar­ket” hat zumin­dest inter­es­san­ten Experimentalcharakter. Also gehet hin­aus in die Welt und machet die inverse Crowdsourcing-Plattform bekannt. Ich schließe mich hier­mit also sozu­sa­gen wider bes­se­res Wissen Baynados Blogkette an: wider bes­se­res Wissen des­halb, weil das im deutsch­spra­chi­gen Raum (noch) nicht jenes Leitmedium ist, dass den nöti­gen Impact erzeu­gen konnte. Da müss­ten schon Fernsehen und min­des­tens die Bildzeitung ran.

Eine andere Über­le­gung betrifft die gesamt­wirt­schaft­li­chen Folgen der­ar­ti­ger Aktionen: solange ein paar Aktionäre weni­ger Rendite bekom­men, bleibt der Schaden über­schau­bar, wird eine Firma aller­dings in grö­bere Schwierigkeiten gebracht, so zieht dies unwei­ger­lich wie­derum den Verlust von Arbeitsplätzen nach sich… eröff­net aber ande­rer­seits einem neuen Anbieter Markteintrittschancen oder Expansionsmöglichkeiten — hier kann man also getrost von einem Nullsummenspiel ausgehen.

Ein paar Anmerkungen zur Energiepolitik

@: im Zusammenhang mit der Neuwahlberichterstattung habe ich irgend­eine Grün-Politikerin sagen gehört, die momen­tan Erdöl-Preisentwicklung zeige, dass , die schon in den 80ern einen Literpreis von 25 Schilling (oder waren’s drei­ßig, das weiß ich nicht mehr genau), ihrer Zeit weit vor­aus waren. w00t? Was für eine ver­quere Logik ist denn das?

Die der­zei­tige ener­gie­po­li­ti­sche Situation zeigt doch vor allem eines deut­lich: , die effi­zi­en­teste aller Energiegewinnungsformen (thx Meister Pelton!), ist bei wei­tem nicht über­all ein­setz­bar, und Strom lässt sich bekannt­lich nur mit sehr viel Aufwand und ordent­li­chem Konversionsverlust spei­chern. (Wasserkraftwerke lösen übri­gens auch die­ses Problem mit­hilfe von Stauseen, die mit “über­schüs­si­gem” Strom wie­der voll­ge­pumpt wer­den, ver­gleichs­weise sehr ele­gant.) Ein beträcht­li­cher Teil unse­res Energiebedarfs wird von Verbrennungskraftwerken, die vor­wie­gend ver­hei­zen, erzeugt. Dieser Strom wird immer teu­rer, also folgt ein Ausweichen auf zweit­bil­ligste, wenn auch extrem gefähr­li­che und unsi­chere Alternative: Atomkraftwerke, das Schreckgespenst der Tschernobyl-Generation.

Die eine Alternative wäre, Strom zu spa­ren: but that’s just not gonna hap­pen. Technische Fortschritte in punkto Verbrauch wer­den locker vom Mehrbedarf auf­ge­fres­sen, das Stromnetz ist der Blutkreislauf unse­rer Informations-/Industriegesellschaft. In die­ser Situation for­dern die Grünen, ver­stärkt auf soge­nann­ten erneu­er­bare, alter­na­tive Energieformen zu set­zen: kurz gesagt, Solar und Windkraftwerke. Zweitere sind nur lokal ein­setz­bar, aber durch­aus eine punk­tu­elle Lösung, ers­tere stin­ken immer noch auf­grund wahn­wit­zi­ger Herstellungskosten und schlech­ter Effizienzraten ab. Die Menge an Solarzellen und Windkraftwerken, die benö­tigt wür­den, um ernst­haft Öl– und Atomenergie abzu­lö­sen, ist rie­sig: und bevor man diese Energieformen pro­mo­tet, wär’s erst­mal höchste Zeit für Langzeit-Feasibility Studien: wer sagt denn, dass Windkraft– und Solarenergienutzung in wirk­lich gro­ßem Maßstab kei­nen gra­vie­ren­den Einfluss aufs Ökosys­tem hat? Genau genom­men ist der Ausdruck “Energieerzeugung” kom­plet­ter Schwachsinn: wir erzeu­gen über­haupt keine Energie, wir trans­for­mie­ren bloß vor­han­dene Energie(n) mit­tels ver­schie­de­ner Methoden in andere Formen, zum Beispiel die im Erdöl gespei­cherte Wärmeenergie in Fortbewegung… wär wirk­lich zu schön, wenn wir Energie “erzeu­gen” könnten.


Fotocredits: Autofriedhof von fa.sommaruga / Pixelio.de

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Bisher haben meine Lieblingsleser 10 Kommentare zu "Die Benzinpreisspirale nach unten drehen" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Peter Identicon Icon

    Das ver­meint­lich “bil­lige” hoch­pum­pen von Wasser in Stauseen ist aber nur für die Konzerne bil­lig. Die ver­rech­nen sich näm­lich bil­lige Preise fürs hoch­pum­pen (sehr oft Atomstrom), las­sen dass Wasser dann noch­mal durch die Turbine und ver­kau­fen den Strom als “teu­re­ren” Ökostrom. War vor kur­zem in einem Beitrag in schweiz­weit (3sat) wun­der­bar dargestellt.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 19. August 2008 um 13:23

    Ja, da hast du natür­lich recht — die Geschäftspraktiken sind eine andere Sache. Aber poten­ti­ell glei­chen Stauseen sehr gut die Leistungsspitzen aus; der Stromverbrauch in der Nacht etwa ist ja *viel* gerin­ger, man kann also (zumin­dest theo­re­tisch) sämt­li­che Über­ka­pa­zi­tä­ten des­sel­ben Kraftwerks zum Hochpumpen ver­wen­den, dann macht das hoch­gra­dig Sinn.

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  • eft Identicon Icon

    Das glaubt ja wohl nie­mand das sich die Preise lange auf die­sem Nivaue hal­ten werden,oder?

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 20. August 2008 um 11:20

    Nein, wird wohl eher noch teu­rer werden.

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  • Thomas Wanhoff Identicon Icon

    Zum Thema Boykotte: Einfach mal drü­ber nach­den­ken, warum die ver­bo­ten sind? Sind wir Verbraucher wirk­lich so dumm, dass wir jeman­den brau­chen der uns sagt, dass wir nicht tan­ken sol­len, oder machen wir das ein­fach schon, weil der Preis eben gestie­gen ist?
    Immer weni­ger neue Ölfel­der und immer mehr Verbrauch schafft nun­mal höhere Preise. Deshlab ein­fach mal ein klei­nes Auto kau­fen, zuhause auf Solar umstel­len ist tau­send­mal bes­ser als ein unsin­ner Boykott, der ja auch nicht mehr Öl aus dem Boden holt.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 24. August 2008 um 19:13

    Es geht ja nicht um die Ölmenge, son­dern um die Gewinnspannen der Konzerne… warum sollte man daran nix ändern können?

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  • Manuel Identicon Icon

    Also, mei­nes Erachtens ist das gro­ßer Quatsch, die gesamte Diskussion auch. Ein Waren-Boykott wird nie funk­tio­nie­ren und hat auch nie funktioniert.

    Und Konkurrenten aus dem Rennen wer­fen, treibt den Preis auch nicht nach unten.

    Der Benzinpreis ist wie alles, was auf dem Markt ist, eine Sache von Angebot und Nachfrage.

    Nur wenn weni­ger Auto gefah­ren wird, wird sich der Benzinpreis senken.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 24. August 2008 um 19:13

    Man könnte das auch als ein Mittel gegen Kartellbildung ansehen.

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  • Thomas Wanhoff Identicon Icon

    @ritchie: Die Gewinnspanne? Wenn die Nachfrage gerin­ger wird, dann wer­den die Konzerne was machen? Kosten spa­ren. Und zwar bei der Ölför­de­rung. Von Umweltschutz ist dann eine Rede mehr. Boykotte brin­gen gar nichts, wir müs­sen unse­ren Energieverbrauch sen­ken bzw. andere Quellen erschließen

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  • UMTS Karte Identicon Icon

    Neue ener­gie Quellen zu erschlie­ßen ist natür­lich das Thema zur ein­spa­rung unse­rer ver­gäng­li­chen ener­gie res­sour­cen. Und auch nur neue Quellen füh­ren zur preis­sen­kung des ben­zin prei­ses wie bekannt sein sollte. Doch ich finde das wenn sich die gro­ßen Konzerne jeg­li­cher art zusam­men schlie­ßen wür­den könnte man schnel­ler auf eine neue Energiequelle in hin­sicht auf die fort­be­we­gung eines Autos set­zen. Dies könnte auch für jeden teil­ha­ber die­ser neuen Energiequelle auch bedeu­ten ein erschlie­ßung des Kapitals der kon­su­men­ten zu sichern. Also nicht stän­dig zich ver­schie­dene Mittel zur treib­stoff­ge­win­nung aus­pro­bie­ren son­dern mehr das Augenmerk auf ein gewählte Teibstoff art zu gewin­nen und dann das gemein­same erwi­ckeln und opti­mie­ren an die­ser zu täti­gen ist sinn­vol­len als die vor­her erwähnte. Doch um die­sen Schritt ein­zu­ge­hen müs­sen noch einige dinge getan wer­den um sich dies­be­züg­lich durch zu setzen. :!:

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