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Mit Bildern gegen die Internetzensur

28.08.2008, geschrieben von , 5 Kommentare

picidae Mit Bildern gegen die InternetzensurTrotz aller Regulierungs– und Über­wa­chungs­be­stre­bun­gen hat sich in den Köpfen des Durchschnittseuropäers das Bild des wil­den, teil­weise gar anar­chi­schen Internet ein­ge­prägt: viele stel­len sich trotz ver­zwei­fel­ter Aufklärungsbemühungen von Datenschützern einen weit­ge­hend unzen­sier­ten, wenn nicht gar rechts­freien vir­tu­el­ler Raum vor, in dem radi­kale Systemkritiker gemein­sam mit Viagra-Spammern fröh­lich chat­ten. Die tech­ni­sche Realität sieht aber völ­lig anders aus: kein ande­res Medium eig­net sich struk­tu­rell bes­ser zur Total– und - als das Netz der Netze. Picidae aller­dings unter­läuft die Zensurversuche der chi­ne­si­schen (und ande­rer Regierungen) äußerst ele­gant mit­tels der Umwandlung von Webseiten in digi­tale Bilder, oder genauer gesagt in Image-Maps.

Was als dezen­trale Struktur begann, um auch nach einem nuklea­ren Angriffs als mili­tä­ri­sches Kommunikationssystem wei­ter funk­tio­nie­ren zu kön­nen, macht vor Grenzen ohne wei­te­res halt: denn wenn sämt­li­che Internet-Wege nach drin­nen und drau­ßen über staat­li­che Zensurproxies lau­fen, dann wird’s schwie­rig mit der unge­hin­der­ten Kommunikation.

picidae02 1219676109 Mit Bildern gegen die InternetzensurOlympiahost China macht ein­drucks­voll vor, dass man das Netz ebenso effek­tiv abschot­ten kann wie reale Landesgrenzen. Doch anders als die reale chi­ne­si­sche Mauer lässt sich die Great aller­dings mit­hilfe eines ver­gleichs­weise sim­plen Tricks umge­hen — trotz anders­lau­ten­der Beteuerungen der Behörden gab es ja bereits erste Beschwerden von Sportlern, denen ein freier zuge­sagt wurde, dass auch vom Olympiazentrum aus bestimmte Websites ein­fach nicht erreich­bar seien. Ohnehin fragt sich so man­cher, wie dik­ta­to­ri­sches Regime und der aus­drück­li­che Wunsch nach “Öffnung” des Landes gemein­sam auf eine Kuhhaut passen.

Bei Christopher Wachter und Matthias Jud hat die­ses Nachdenken zur Schaffung eines Community-Projekts geführt, das sich eine prak­ti­sche Eigenschaft digi­ta­ler Dateiformate zunutze macht: Webseiten las­sen sich nicht bloß als HTML-, son­dern auch als Bilddateien über­tra­gen. Um den genia­len Ansatz von Picidae zu ver­ste­hen, muss man sich ver­ge­gen­wär­ti­gen, wie die Internet-Zensur in China funk­tio­niert: Manche Webseiten wer­den kom­plett geblockt, andere teil­weise; als Filterkriterium dient aller­dings nicht bloß die URL, son­dern auch bestimmte Schlüsselwörter im Content. Google etwa ist zwar zugäng­lich, die Ergebnisliste wird jedoch gefiltert.

Picidae umgeht jeg­li­che Filterung, indem der chi­ne­si­sche User die Adresse, die er zu besu­chen gedenkt, nicht in die Browser-Adresszeile, son­dern in ein ent­spre­chen­des Formularfeld auf Picidae ein­trägt. Der Picidae-Server wan­delt die Original-Homepage in ein Bild um und schickt die­ses zurück, aber das ist noch nicht alles: blei­ben anklick­bar, da ein pixel­ge­naues Abbilder Homepage als soge­nannte “Imagemap” erstellt wird: dabei han­delt es sich um eine über­holte Webtechnologie, die aus der grauen Vorzeit sta­ti­scher Homepages stammt und es erlaubt, bestimmte Bereiche auf einem Bild zu Links zu machen. Simpel und effek­tiv, denn als Bilder gespei­cherte Wörter wer­den vom Zensur– natür­lich nicht erkannt.

picidae03 1219676148 Mit Bildern gegen die InternetzensurAls zen­tra­les System ließe sich Picidae leicht aus­he­beln: die chi­ne­si­schen Verantwortlichen müss­ten bloß die URL des Systems blo­ckie­ren, und vor­bei wäre es mit der Filterung: doch die Software ist als modu­la­res System aus­ge­legt, jeder Zensurgegner kann selbst einen Pici-Server betrei­ben oder seine als Proxy zur Verfügung stel­len. Für Zugänglichkeit sor­gen die loka­li­sier­ten Versionen: die Software ist mitt­ler­weile in zahl­rei­chen Sprachen, dar­un­ter natür­lich auch chi­ne­sisch, verfügbar.

Picidae wurde zwar im Hinblick auf die Internet-Zensur im Land des Lächelns ent­wi­ckelt, kann aber auch als äußerst instruk­ti­ves Beispiel für das Unterlaufen von Repression mit­tels dezen­tra­ler Technologie gel­ten: jede Zensurbehörde kämpft hier gegen die sprich­wört­li­che  — und das Netz ist um zumin­dest einen Beweis rei­cher, dass Crowdsourcing mehr sein kann als zeit­geis­ti­ger Zeitvertreib für gelang­weilte Geeks.

Weitere Informationen über die Funktionsweise, pici-Server Betrieb und Code Contributions gibt’s auf picidae.net.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 5 Kommentare zu "Mit Bildern gegen die Internetzensur" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Aufschnürer Identicon Icon

    Schön, wenn der krea­tive Geist der Menschen Gutes bewirkt. Das ist eine geniale wie auch sim­ple Idee, ich habe es mal getes­tet und man surft recht gut damit. Natürlich ist man ein­ge­schränkt durch die Tatsache, dass aktive Elemente wie Videos, Flash und vor allem Java(Script) in einem Bild nicht bedien­bar sind. Aber immer­hin kön­nen sich “unter­drückte” Völker dann eini­ger­ma­ßen frei im Internet bewegen.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 28. August 2008 um 13:22

    Ja, mir gefällt auch die Simplizität der Idee dran am bes­ten! Wer hätte schon ver­mu­tet, dass Imagemaps je wie­der eine Rolle spie­len würden? :mrgreen:

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  • holgers Identicon Icon

    geniale Idee, das erin­nert fast an die Amerikaner im 2 Weltkrieg, die keine kom­pli­zierte Verschlüsselung brauch­ten son­dern ein­fach in der Sprache der Indianer mit­ein­an­der kom­mui­zier­ten, kein ande­rer Land hatte Personen die die Sprache ver­stan­den, das war dann die Lösung, eine Lösung die so ein­fach ist.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 30. August 2008 um 12:05

    Stimmt… die ein­fachs­ten Ideen sind of t die bestechendsten!

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    holgers Identicon Icon

    Ja das lus­tigste ist, auf die ein­fachs­ten kommt man meis­tens nicht.

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