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Was ist Life Streaming?

lifestreaming

lifestreamingEin neuer Begriff macht die Runde in der Blogosphäre: Life Streaming lautet das Zauberwort, das alle anderen personal publishing Formate in den breiten Hintern treten soll, Blogs inklusive. Die technische Grundlage bilden – wie könnte es anders sein – RSS Feeds und diverse offene Schnittstellen, die eine Aggregation aller möglichen Web 2.0 Aktivitäten erlauben: nach Eingabe des Usernamens basteln solche Services aus sämtlichen eigenen Tweets, FlickR-Uploads, Blogbeiträgen etc. einen einzigen mehr oder weniger gigantischen Feed, dessen Einzelbeiträge zu allem Überfluss manchmal auch noch kommentierbar sind.

Die Frage „Wer hat den längsten?“ könnte also im 2. Nullerweb durchaus wieder an Relevanz gewinnen, gäbe es nicht das Endlos-Scrolling Feature von Soup.io. Was bei aller Life-Streaming Begeisterung in der Regel aber meist vergessen wird, sind die lästigen menschlichen User… Stalker freuen sich andererseits sehr über das automatisierte Auskunftsbüro: denn bei soviel automatischer Aggregation übersieht man schon mal geflissentlich das eine oder andere Mosaiksteinchen der sonst so sorgfältigen Selbstinszenierung. Richtig spannend wird das also dann, wenn’s endlich die ersten Web 2.0 Porno-Communities gibt.

Derzeit finde ich persönlich vor allem die autogenerativen Möglichkeiten sehr spannend: es gibt doch nichts spannenderes, als wenn sich zwei Feeds bis in alle Ewigkeiten drüber unterhalten, dass der jeweils andere grade was gepostet hat. Wobei mein perpetuum webile leider bereits nach relativ kurzer Zeit dem Gesetz der induzierten Entropie anheim fiel.

Wer darf mein Leben aggregieren?

Ich hab immer ein mieses Gefühl dabei, meine Web-Existenz in die Hände eines einzelnen Anbieters zu legen: daher würde ich nie ein „ernsthaftes“ Blog bei WordPress.com oder einem anderen Anbieter hosten. Inzwischen existieren aber auch bereits Plugins, die eine Art self-hosted FriendFeed generieren: ich hab bisher ein wenig mit RSS Stream experimentiert, das von Plugin-Autor Rick derzeit rasant weiterentwickelt wird.

Das noch nicht ans Layout angepasste und bei deutschen Sonderzeichen unzufriedenstellende Ergebnis finden Beta-Kiebitze unter /Actionstream/ – denn bei der Terminologie halt ich mich gern an Vorreiter Monsieur Phreak, der sein gesamtes Ex-Blog in einen Text/Bild-lastigen Actionstream umgewandelt; das werde ich gewiss nicht tun, denn was mir persönlich an anderen Blogs am meisten Spaß macht, sind KILL-Beiträge (Keep it long & lovely). Semi auto-generative Feeds haben zwar einen gewissen Technologie-Studien-Wert, rezipieren im engeren Sinn tu ich die diversen Friendfeeds im Gegensatz zu Tweets so gut wie gar nicht.

Corporate Life Streaming nennt sich trotzdem neuerdings jene Art von Social Marketing, die ich für einige meiner Kunden schon seit geraumer Zeit konzipiere. Mit dem kürzlich erfolgen Relaunch gewichtet Facebook den persönlichen Feed ebenfalls sehr hoch, mit Dipity und Lifestream.fm drängt die Konkurrenz für Friendfeed mit Nachdruck auf den Markt. Wer die meisten und populärsten Services unterstützt (Lifestream ist im deutschsprachen Web 2.0 gut aufgestellt), gewinnt die Gunst der exhibitionistischen User, und in den nächsten Monaten wird das Web von Lifestreams geradezu überflutet werden.

Eines allerdings sollte kein (Selbst)Vermarkter im Taumel der Strömungs-Euphorie aus den glänzenden Augen verlieren: ein riesiger Haufen Nichtigkeiten wird durchs Zusammenwürfeln nicht besser. Nicht jede Botschaft und jede Art von Corporate Culture eignet sich für diese Art des Marketing: Fokussierung ist sozusagen der Antagonist dieser Version von „All inclusive Buffet Aggregation“. Und eine untote oder scheintote Company kann nun mal keinen Lifestream produzieren, das wusste schon Graf Dracula.

Trotzdem ist Sarah Perez vom Read/Write Web ganz außer sich vor Verzückung und fabuliert von einer neuen Ära, in der wir alle nur mehr Lifestreams konsumieren (siehe dazu auch den unvergleichlichen Scobleizer in „why techno blogs failed“). Ich halt’s da eher mit einem der Kommentatoren:

I don’t really care where you folks eat lunch, what you do on the weekends, what you’re inner thoughts are, whether your friend just found a cool site or posted some new pictures on FlickR.
In fact, I just unsubscribed from a Twitter feed which talked of NOTHING but that person’s personal life. She has a good rep in an area that intrigued me and her site’s full of good posts on it… with the occasional post on personal stuff. That’s cool. But her Twitter stream was nothing BUT personal streaming. And the sad thing is that she very rarely posts on her area of expertise on her blog.

Ich bilde mir sogar ein zu wissen, wer damit gemeint ist :mrgreen: Zumindest kenn ich eine „sie“, auf die diese Beschreibung haargenau zutrifft. Aber immerhin bin ich auf zwei interessante Projekte gestoßen: Sweetcron wird mal eine dedizierte Self-hosted Lifestreaming Software (good luck!), ist aber noch nicht erhältlich. Und SimpleLife ist kein Paris Hilton Plugin, sondern die Alternative zum oben genannten RSS Stream, auf die ich mal einen näheren Blick werfen werde.

Um also doch noch zu einem Ende zu kommen: Friend-, Life-, Action- und sonstige Infoflut-Feeds landen bei mir auf einer Subpage oder im Sidebar: ich will ja so nem blöden Aggregationsscript nicht mehr Aufmerksamkeit einräumen als meiner eigenen Schreibe.

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