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Browser-Krieg: Von Chrome und anderen Übergangsmetallen

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chromemasterGoogle launcht einen neuen Browser – aber die Begeisterung ist längst nicht mehr so ungeteilt, wie sie einst war. Als alter Sack kann ich mich noch gut erinnern, wie damals 1830 die Rede war vom Microsoft-Anti-Monopol Prozess und man schon befürchtete, M$ schicke sich an, die Netzwelt zu erobern. O tempora o mores! M$ maßte sich damals an, seinen ID mit Windows zu bundeln, was die Kartellwächter auf den Plan rief. Aber das war ja alles Kinderkram im Vergleich zu Big G’s World Domination Plans, und eines darf man nie vergessen: als Eric Schmidt mal gefragt wurde, wie „Don’t be evil“ eigentlich in der Praxis definiert wird, lautete die Antwort: „Evil is what Larry Page and Sergej Brin think is evil.“[1. nachzulesen im Buch Die Googlefalle] Dabei gibt’s sogar einen Comic über die Vorteile von Chrome – aus dem stammt übrigens auch nebenstehender „Remix“.

Ist Chrome giftig?

Chemiker ordnen das silbrig-metallische Chrom im Periodensystem der Elemente der Gruppe der Übergangsmetalle zu. Im industriellen Einsatz spielt Cr, so die Kurzbezeichnung, vor allem in der Lackherstellung eine beträchtliche Rolle – karzinogene physiologische Auswirkungen der stabilsten Form CR3 werden derzeit noch untersucht, CR(VI) dagegen wurde sogar in „Erin Brokovich“ diskutiert, wie die Wikipedia weiß:

Metallisches Chrom und Chrom(III)-Verbindungen sind gewöhnlich nicht gesundheitsschädigend. Oral aufgenommene Chrom(VI)-Verbindungen sind im Gegensatz dazu als äußerst giftig einzustufen. Die letale Dosis entspricht einem halben Teelöffel. Chrom(VI)-Verbindungen sind seit langem als krebserregend bekannt. Sie werden unter anderem in Kühlsystemen als Korrosionsschutzmittel verwendet. Die meisten Chrom(VI)-Verbindungen verursachen Irritationen an Augen, Haut und Schleimhäuten. Chronischer Kontakt mit Chrom(VI)-Verbindungen kann bei unterlassener Behandlung zu bleibenden Augenschäden führen.

Was sagen die Erbauer des Internet G3.0 selbst dazu? Googles Statement zur Notwendigkeit der Datenübertragung ist, wie Eric Cartman so schön sagen würde, ganz einfach Bullcrap:

Immerhin: Der Suchmaschinen-Gigant verschweigt den Daten-Transfer nicht, sondern weist während der Installation sogar ausdrücklich darauf hin. Die Daten würden – laut Google-eigenen Angaben – unter anderem für Suchfunktionen im Programm benötigt. Nur so werde es möglich, eingetippte Begriffe direkt in Internet-Adressen umzuwandeln.

Oder wie lässt sich sonst erklären, dass beispielsweise das Live Search Plugin die gleiche Funktion beherrscht, ohne dass man pro Blog einen speziellen Browser installieren muss… dass bei Google noch niemand was von Access-Hierarchien und Ajax gehört hat, darf wohl als unwahrscheinlich gelten.

Anonym surfen: unmöglich mit Chrome

Die Qualität der gewonnen Daten dürfte allerdings in der Tat steigen: denn Google erfasst mit seinem neuen Browser nicht zuletzt einen beträchtlichen Teil jener User, die Google nutzen, ohne eingeloggt zu sein – die Surfgewohnheiten des restlichen Kundenstocks kennt man ohnehin zur Genüge. Chrome umgeht mit der eindeutigen ID-Nummer, die jeder Browser zugewiesen wird, sämtliche Mechanismen, die man derzeit nutzen kann, um einigermaßen unerkannt zu surfen: gelöschte Cookies und über Proxys umgebogenen IDs kann man sich mit Chrome sparen – immerhin telefoniert der Browser ganz ohne lästigen Usereinfluss nach Hause und hat in Deutschland sofort den Spitznamen „Schäuble Browser“ bekommen. Das hält aber nur wenige User von der Benutzung ab: bereits kurze Zeit nach dem Start konnte sich Chrome in der Clicky 30-Tages-Statistik nach IE, FF und Safari auf Platz vier vorschieben:

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Mein Hauptbedenken gilt aber keineswegs dem Datenschutz – hier sind, grob vereinfachend ausgedrückt, im Fall von Google das Floß nicht nur abgetrieben, sondern längst am Wasserfall zerschellt. Außerdem dürfte es in punkto Privacy auf den ersten Blick sehr schwierig werden, Matt Cutts‘ Open Source Argument zu widersprechen: jeder Verschwörungstheoretiker ist eingeladen, einen Blick in den offenen Source Code des Browsers zu werfen – ob sich die OS-Policy in der Praxis als Feigenblatt herausstellt, muss erst die Zukunft zeigen. Details über die tatsächlich ans Headquarter geschickten Daten kennt das datenschutzblog.

Tu felix Google nube

An personenbezogenen Tracking-Daten haben Regierungen in der Tat mehr Interesse als Suchmaschinenbetreiber. Google richtet sich mit Chrome primär das idealen Adsense-Biotop ein, wie am Finblog nachzulesen ist – wer weiterhin selbständig im Netz arbeiten möchte und so wie ich nur Nachteile darin sieht, Google als einzigen und exklusiven „Businesspartner“ zu haben. Und daher mache ich eine Ausnahme und schreibe in diesem Posting über eine Software, die niemals den Weg auf meine PCs finden wird. Wer immer noch zweifelt, dem rate ich, einen Blick auf die Sieben Gründe, Chrome nicht zu verwenden zu werfen.

Ich bin mit Firefox 3 zwar nicht völlig zufrieden, aber Browsen ohne Statuszeile und SEO-Tools geht gar nicht – mein Desktop bleibt Chromefrei.[2. Ich will die Trolle ja nicht noch zusätzlich mit dem Aussterben bedrohen.] Einer der sich allerdings garantiert freuen wird, ist wohl Panacea: ich würde drauf wetten, dass sein Label „Position Chrome“ in den letzten Tagen einige zusätzliche Hits bekommen hat…

4 comments
Francis Drake
Francis Drake

Konsequent bist Du. Erst Adsense/Analytics verbannen, dann auf Chrome freiwillig verzichten (immerhin das kommende Web-OS). Nicht übel :) Bezgl. Firefox: Warte mal ab auf die neue JavaScript Engine, das wird auch nochmal wesentlich schneller alles. Ausserdem tut sich auch auf jquery Ebene immer wieder was. Ich bin btw. auch immer noch bei FF3, *aber* ich halte Chrome für sehr sehr interessant und vielversprechend, grade im Hinblick auf den kommenden Wegfall von Windows/Office durch den Einsatz von Chrome/Gears/Docs. Und ich werde derweil einen Teufel tun und mich diesen neuen Entwicklungen verschliessen. Hast Du Dir schon de WP/Gears Geschichte angesehen? Will mir das für Drupal mal genauer ansehen in den nächsten Wochen. Piratengruss, Francis :grin:

Luca
Luca

Wie wäre es mit einem Fork, bei dem die ID tagesbezogen gewechselt werden. Soll heißen bekommt jeden Tag Daten von "einem" Browser, der ein paar hundert Stunden gesurft hat. Alternativ kann man das ganze Zeug auch ganz rauslöschen. Aber ich bin ja kein Programmierer. Vielleicht auch gefakte Daten. Die Ideen wären ja da, jetzt muss sie nur noch jemand umsetzen.

ritchie
ritchie

WP/Gears hab ich mir angeschaut, allerdings bringt das echt nur was bei GPRS Verbindung, ansonsten lädt das Backend bei mir auch standardmäßig sehr schnell.

ritchie
ritchie

Ich bin gespannt, ob sich da Forks bilden... in der Praxis stell ich mir das recht schwierig vor mit der Weiterentwicklung.