Wie frei sind Österreichs Medien wirklich?

illu-zensurDie österreichische Journalisten Ute Fuith hat etlichen Kollegen und mir ein paar konkrete Fragen zum „unabhängigen“ Journalismus in Österreich geschickt. Natürlich sehe ich mich nicht primär als Journalist, sondern als Blogger – ich hab zwar am Aufbau diverser Online-Redaktionen mitgearbeitet und verdiene als freier Journalist seit über 10 Jahren kein äußerst bescheidene „Anerkennungshonorare“, verfüge also durchwegs über rudimentäre Primär-Erfahrungen in der österreichischen Profi-Schreiberlings-Szene. Dass beim Bloggen jegliche externe Zwänge wegfallen, gefällt mir natürlich besonders gut: die einzige Schere befindet sich in *meinem* Kopf, und die lässt sich gut verbiegen und an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen. Und ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich datenschmutz überhaupt nicht als aufklärerisches, sondern als rein kommerzielles Projekt betrachte und betreibe – für mich persönlich stellt sich also die Frage nach externer Einflussnahme nur sehr begrenzt. Dennoch habe ich mich sehr über die Fragen gefreut und bin schon gespannt auf den resultierenden Artikel.

Ute Fuith: Wie frei sind Österreichs Medien wirklich?

ritchie: Ich denke, es gibt keine wirklich „freien“ Medien: mit ökonomischen Sachzwängen ist jedes (semi)professionelle Medium konfrontiert, politische Einflussnahmen (nicht selten über parteinahe Anteilseigner) stehen wohl auf der Tagesordnung. Informell und in geselliger Runde weiß fast jeder langjährige Journalist hochinteressante Geschichten zu erzählen – doch ich vermute mal ganz stark, dass die handelnden Personen ihre Agreements weitgehend mündlich treffen und konkrete Recherchen wenig Anhaltspunkte und stichhaltige Beweise fänden. So etwas wie ausgewogene Berichterstattung kann meiner Meinung nach nur eine gewisse Vielfalt von Standpunkten gewährleisten: der Medienkonsument muss sich sozusagen aus verschiedenen „Biases“ seinen persönlichen Mittelwert bilden. Nicht nur aufgrund der verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl hat Österreich in diesem Bereich allerdings tatsächlich einige Kuriositäten aufzuweisen: angefangen von einem äußerst halbherzigen implementierten dualen System im elektronischen Bereich bis hin zur weitreichenden Dominanz eines einzigen Printmediums.

?: Welche Tabuthemen gibt es?

!: Tabus ändern sich im Lauf der Zeit – aus Konsumenten-Sicht allerdings habe ich den Eindruck, dass im ORF diese Tabus direkt und unübersehbar mit der jeweiligen Regierungskoalition zusammenhängen, was sich in lächerlich-überdeutlicher Art und Weise an der Personalpolitik abzeichnet: der Legende eines vorgeblich „objektiven“ Staatsfunks ist dies sicherlich nicht gerade förderlich.

?: Haben Sie in Ihrer journalistischen Karriere jemals inhaltliche Einschränkungen erlebt, wenn ja welche?

!: Keine drastischen – ich war allerdings zu keinem Zeitpunkt meiner beruflichen Laufbahn Vollzeit-Journalist, sondern habe immer nur als freier Autor gearbeitet; da kann man die Aufträge entsprechend auswählen und auch mal die Ablehnung eines Textes verkraften. Vor rund zehn Jahren wollte ich für die Presse Kulturredaktion einen Bericht über Graffiti schreiben (damals waren gerade drei Sprayer zu sehr hohen Geldstrafen verurteilt worden); ich bekam zuerst das ok und einen Tag später die Ergänzung: „Graffiti muss aber schon negativ und als Sachbeschädigung dargestellt werden.“ Den betreffenden Bericht habe ich nicht geschrieben. In der politischen Berichterstattung ist das Problem sicherlich virulenter, in diesem Bereich war ich allerdings nie redaktionell tätig.

?: Sind Ihnen Fälle vorauseilenden Gehorsams in Punkto Inhalt bekannt? Welche?

!: Ich denke, die Grenzen zwischen vorauseilendem Gehorsam und der Einhaltung der Blattlinie sind fließende; man spricht ja häufig von der „Schere im Kopf“. Ich kenne keine konkreten Fälle, schreibe aber selbst Texte über dasselbe Thema beispielsweise für mein Blog recht anders als etwa für eine Tageszeitung; das hat allerdings mehr mit formellen als mit inhaltlichen Kriterien zu tun. Im Kulturjournalismus tritt dieses Problem allerdings, behaupte ich mal, seltener auf als in anderen Genres.

?: Wurden Ihre Artikel jemals so umgeschrieben, dass sie sie nicht wiedererkannt haben? Oder kennen Sie Fälle, wo das passiert ist?

!: Es gab eine relativ irrelevante Geschichte, bei der ein Festivalbericht, den ich über Holzstock geschrieben hatte, einen meiner Meinung nach etwas sexistischen Titel, den ich so nie gewählt hätte, bekam. Ganze Artikel wurden jedoch nie derart umgeschrieben. Ich erwarte mir zumindest eine „Feedbackschleife“; auch wenn das auktoriale Prinzip ein Relikt der Vor-Postmoderne sein mag, soviel Professionalität und Respekt, gegebenenfalls nochmal nachzufragen, erwarte ich mir auf jeden Fall. Bei jenen Medien, für die ich regelmäßig tätig bin oder war, hab ich in dieser Hinsicht allerdings durchwegs positive Erfahrungen gemacht.

1 comments
martinwaiss
martinwaiss

Als ein "Ost-Block-Kind" kann ich nur sagen, daß die Meinungsäußerungsfreiheit in Ö hervorragend ist, immerhin kann ich schon auf 10 Jahre zurückblicken und das schlimmste was hier einem m.E.n. passieren kann, ist daß man halt nicht "gepublished" wird - so what - mit Internet sind die "constrains" um eigener Publisher zu werden praktisch auf Null gesunken, man muss es nur wahrnehmen. Klar, kann man die Reichweite, Bedeutung und Einfluss eines Standards, ORFs oder Presse selten mit einem Blog ausgleichen, aber es steht einem trotzdem praktisch Nichts im Weg, um die "eigene Wahrheit" an die Öffentlichkeit zu bringen, wenn's hart auf hart kommt... Was das "Informations-Trends(-Pushing)", die von den (auch öffentlich-staatlichen) Medien, resp. Nachrichtenagenturen betrieben wird, halte ich eigentlich für gar nicht soooo falsch, da man leider immer wieder auf Mitmenschen trifft, die nicht bis vier zählen können und diesen muss man halt "den Weg zum Glück" einfach zeigen und vorgeben. Alle anderen wissen ja, daß man sich wichtige Infos nicht nur aus einer - am besten gleich der überall-gebotenen Quelle (sprich 'Heute', 'Österreich', 'Krone', etc.) - holt, sondern daß man nachschauen und vergleichen muss, wenn man einen Schritt "hinter die Bühne" wagen will ... Anyway, schon alleine die Tatsache, daß wir uns hier frei darüber austauschen können ist sehr erfreulich, dem ist nicht überall auf der Welt gleich so...