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Wahltotal.at: Direktdemokratie auch nach dem Urnengang

21.10.2008, geschrieben von , Keine Kommentare

wtlogo 1224079557 Wahltotal.at: Direktdemokratie auch nach dem UrnengangFrustriert sind viele, die Strategien des Umgangs mit der Angefressenheit auf “die da oben” unter­schei­den sich indes gra­vie­rend: der eine wählt gar nicht, der zweite rechts und der dritte grün­det eine Online-Videoplattform, auf der Wähler Videofragen an ein­zelne Parteien und/oder Kandidaten rich­ten kön­nen. Der Launch der in der hei­ßen Wahlschlachtkampf-Zeit half natür­lich immens, zu Antworten zu ani­mie­ren, wie die beacht­lich vie­len Clips auf Wahltotal.at zei­gen. Nach dem Urnengang soll nicht Schluss sein mit die­ser Form der direk­ten  — die Betreiber wol­len die Seite wei­ter aus­bauen und ver­schie­dene Politiker und Vertreter aus den Bereichen , Kunst und Kultur zu regel­mä­ßi­gen –Kolumnisten machen.

Auch ich habe als fall­weise über poli­ti­schen Themen reflek­tie­ren­der Blogger die Ehre und das Vergnügen, neben so schil­lern­den Figuren wie Alf Poier und Thomas Schäfer-Elmayer eine unre­gel­mä­ßige Video-Kolumne auf Wahltotal zu bespielen.

Mit Markus Kienast, einem der Konzeptionisten und Betreiber von Wahltotal.at, habe ich ein über die bis­he­rige Story hin­ter der Seite und wei­tere Zukunftspläne geführt — es han­delt sich quasi um die Fortsetzung mei­ner Serie über Wahlkampf abseits des ORF, die mit einem Interview mit Alexandra Damms (ATV) begann.

Interview: “Neue Politik braucht neue Kommunikationsformen”

daten­schmutz: Wie ist die Idee zu Wahltotal.at ent­stan­den und was sind die Intentionen hin­ter der Seite?

wahltotalbild 1224079593 Wahltotal.at: Direktdemokratie auch nach dem Urnengang
Markus Kienast

Markus Kienast: Die Politik scheint seit gerau­mer Zeit fest­ge­fah­ren zu sein. Nichts bewegt sich mehr. Schwarz-Blau kann als Versuch gewer­tet wer­den, aus die­sem “Dead-Lock” aus­zu­bre­chen. Die Strukturen auf­ge­bro­chen hat das aber nur inso­fern, als SPÖ und ÖVP seit­dem auch zu den Kleinparteien zäh­len.
Dass also unab­hän­gig von der Besetzung einer Regierung doch alles beim Alten bleibt, hat wohl eine sys­te­mi­sche Ursache. Neue Politik braucht neue Kommunikationsformen. Das Fernsehen hat eben kei­nen Rückkanal. Laut der Wissenschaft von der Funktion kom­ple­xer Systeme, der Kybernetik, ist die stän­dige Rückkopplung, ein Feedback-Loop, aber für ein über­le­bens­fä­hi­ges System uner­läss­lich.
Eine Wahl alle 5 Jahre als Feedback-Loop ist aber ein­fach zu wenig. Die Politik kann so vom Volk nicht aus­rei­chend gesteu­ert wer­den und fährt gegen die Wand, auch wenn alle diese kom­men sehen. Mich erin­nert das ein wenig an die berühm­ten 5-Jahres-Pläne der UdSSR.
Aus der Grundmotivation her­aus, den Bürgern eine Möglichkeit zu geben, die Politik auch nach der Wahl noch beein­flus­sen zu kön­nen, ist www.wahltotal.at ent­stan­den. Unsere Plattform darf gerne als Reaktion auf den Stillstand in der Politik gewer­tet werden.

?: War es schwie­rig, Politiker zum Antworten zu moti­vie­ren, oder hat sich nach den ers­ten Antworten eine gewisse “Eigendynamik” entwickelt?

!: Die ers­ten Antworten zu bekom­men war eigent­lich ver­blüf­fend ein­fach. Die SPÖ ist da vor­ge­prescht.
Die Grünen und ver­blüf­fen­der­weise die ÖVP haben dann aber schnell die SPÖ über­holt und nut­zen der­zeit unsere Plattform am effek­tivs­ten. Die haben schnell kapiert, dass ihre Videos bei uns öfter gese­hen wer­den als auf Youtube. Für Interessierte in die­ser Sparte sind wir ein­fach die Anlaufstelle Nummer eins. Wir haben gerade erst ange­fan­gen und das prak­tisch mit­ten in der Wahl und ohne große Werbung. Trotzdem konn­ten wir bei wei­tem mehr face-to-face Sendeminuten aus­lie­fern als die Youtube-Aktivitäten aller Parteien zusammen.

?: Wie schät­zen Sie per­sön­lich den Einfluss der Plattform auf die Meinungsbildung der Wähler ein?

!: Wir bekom­men von unse­ren Nutzern immer wie­der kom­mu­ni­ziert, dass unser Angebot gro­ßen Einfluss auf ihre Wahlentscheidung hat. Das liegt ihren Aussagen zu Folge vor allem am per­sön­li­chen Kontakt zu den Kandidaten. Wer sich die Zeit nimmt, auf eine Frage wirk­lich ein­zu­ge­hen und sei­nen Standpunkt nach­voll­zieh­bar dar­zu­le­gen, des­sen Meinung schenkt man leich­ter sein .
Die Qualität die­ses Kontakts ist gleich­zu­stel­len mit einem per­sön­li­chen Gespräch nach einem Wahlkampfauftritt, nur dass die­ser Dialog auf wahltotal.at außer­dem noch von einer Vielzahl ande­rer
nach­voll­zieh­bar ist, was einen nicht uner­heb­li­chen Seiteneffekt mit sich bringt.
Durch die Menge an Fragen zu ver­schie­dens­ten Themen auf wahltotal.at kön­nen sich die Wähler auch dann noch ein recht genaues Bild von den Persönlichkeiten machen, denen sie da ihre Stimme zu geben
geden­ken, wenn sie per­sön­lich gar keine Frage hoch­la­den.
Wenn Sie mich also fra­gen, was mehr Wähler beein­flusst, ein Gespräch auf einer Wahlkampfveranstaltung oder auf wahltotal.at, dann ist die Zeit ganz klar bes­ser auf wahltotal.at investiert.

?: Wie sind Sie mit der bis­he­ri­gen Entwicklung der Plattform zufrieden?

wtposter 1224079693 Wahltotal.at: Direktdemokratie auch nach dem Urnengang!: Im Vergleich zu den Initiativen von ATV und puls4 ste­hen wir aus­ge­spro­chen gut da. Bei uns haben mehr User ihre Clips hoch­ge­la­den und es wur­den auch um ein Vielfaches mehr Fragen beant­wor­tet. Bedenkt man, wel­che Mittel uns im Vergleich zu ATV und puls4 zur Verfügung stan­den, kann man wohl nur von einem vol­len Erfolg spre­chen.
Aber ich möchte unsere Initiative nicht zu sehr mit ATV und puls4 ver­glei­chen, weil deren Format eigent­lich ein ganz ande­res ist. Während deren Aktivitäten in einem –Event im Fernsehen ende­ten, ist unsere Plattform auf ste­ti­gen Dialog aus­ge­rich­tet. Es wur­den bei uns lau­fend Fragen beant­wor­tet und das wird sich auch jetzt nach der Wahl nicht ändern.
Wir sind sehr stolz dar­auf, was wir erreicht haben, ganz beson­ders auch des­halb, weil wir von der Idee bis zum Launch nur drei Wochen gebraucht haben.
Die Resonanz unse­rer Politiker ist auch sehr zufrie­den­stel­lend. Es wird uns auch von ihrer Seite immer wie­der die Frage gestellt, ob es eh nach der Wahl noch wei­ter geht.

?: Wie beur­tei­len Sie die Wahlberichterstattung von puls4 und ATV im Vergleich zum ORF? Beide Privatsender bie­ten ja eben­falls über das Internet die Möglichkeit an, direkt Fragen zu stellen.

!: Ich finde es gut, wenn sich unsere Spitzenpolitiker nun auch auf puls4 und ATV strei­ten. Die Formate diver­gie­ren glück­li­cher­weise ein wenig, sonst wär’s dann doch etwas lang­wei­lig. User-Fragen in eine sol­che Runde ein­flie­ßen zu las­sen ist löb­lich, aber lei­der auch nur eine halbe Sache, für puls4 und ATV mehr ein Marketing-Gag.

?: Wie geht es mit der Plattform nun nach der Wahl wei­ter? Eigentlich wäre eine sol­che Form des doku­men­tier­ten, direk­ten Austausches ja auch in Nicht-Wahl-Zeiten äußerst interessant.

!: Natürlich wird wahltotal.at nach der Wahl wei­ter beste­hen. Mehr noch, es wird wach­sen, sich ver­brei­tern und in die Tiefe gehen. Wir arbei­ten gerade mit Hochdruck an den neuen Features für den Permanent-Modus, der in Zukunft viel­leicht unter einem ande­ren Namen fir­mie­ren wird. Es wird ver­bes­serte Interaktionsmöglichkeiten und –Features geben. Aber auch was den Content anbe­langt, wer­den wir das Angebot verbreitern.

Auf wahltotal.at wer­den dann wei­ter die jeweils aktu­el­len Wahlen behan­delt und das Feedback der Bürger nach der Wahl ein­ge­sam­melt. Die nächs­ten Wahlen, die wir im Auge haben, sind die anste­hen­den
Landtagswahlen 2009 in Kärnten und Salzburg, sowie die Europawahlen.
Grundzüge unse­res neuen “Programms” für den Permanent-Modus sind jetzt schon auf wahltotal.at zu sehen. Das wären Stimmen von Künstlern und der Prominenz und Stimmen aus der Blogger-Szene zur poli­ti­schen Lage der Nation. Der erste Beitrag aus der Blogger-Szene stammt ja von Ihnen, Herr Pettauer, was uns sehr freut.
Außerdem wer­den Politiker in Zukunft ver­mehrt über ihre aktu­el­len Initiativen berich­ten und zum Diskurs über ihre Ideen und Vorhaben auf­ru­fen.
Die ers­ten Politiker nut­zen diese Möglichkeit bereits. Von der Prominenz konn­ten wir als erste Herrn Thomas Schäfer-Elmayer und Herrn Alf Poier für einen Kommentar gewin­nen. Weitere Kabarettisten haben
bereits Interesse bekun­det.
Wie ein­gangs schon erwähnt, unsere Plattform ist kon­zi­piert für den per­ma­nen­ten Austausch zwi­schen Bürgern und Politik. Um die anste­hen­den Probleme zu bewäl­ti­gen, muss die Politik begin­nen, die Intelligenz der Masse anzu­zap­fen, sonst wer­den wir kläg­lich unter­ge­hen.
Die Lösungsansätze aus der Politik selbst kom­men ein­fach zu spät und pas­sen dann gar nicht mehr zu den Problemen. Damit “” in der Politik mög­lich wird, braucht es fort­wäh­rende und vor allem auch ver­zö­ge­rungs­freie Rückkanäle wie wahltotal.at.
Wir wol­len Bürgern und Politik hel­fen sich kurz­zu­schlie­ßen, Ideen aus­zu­tau­schen und zu bewer­ten. Es ist unser urei­ge­nes Interesse, zu hel­fen, den poli­ti­schen Prozess so effek­tiv wie mög­lich zu gestal­ten. Wer auch immer das Feedback und die Ideen auf unse­rer Plattform ernst nimmt, wird die nächste Wahl gewin­nen.
Es wird also auf alle Fälle span­nend blei­ben auf www.wahltotal.at.


Fotocredits:
Foto: Weihbold, OÖ. Nachrichten

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