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Warum digitale Kultur keine Geburtsstätte hat

28.11.2008, geschrieben von , 9 Kommentare

wienweb2 1227875779 Warum digitale Kultur keine Geburtsstätte hatAnfang Dezember über­brückt die Eröffnungsfeier zum Wie(n)Web2.0 die Wartezeit bis zum nächs­ten Digitalk im Jänner. Ab 10. Dezember aggre­giert das Ding aus einer sel­ben Welt (Wir schi­cken Russell Crowe da rein!) ein gan­zes Portfolio von Wiener Initiativen. Der bunte Web-Spartenkanal doku­men­tiert voll­au­to­ma­tisch Barcamps, Webmontage, Webpläusche, Digitalks, Bloegger-Treffen und die Stammtische. Die Mission ist dabei klar definiert:

Ziel ist es, den Initiativen im Web 2.0 Umfeld, die weder Verein noch Institution sind, ein Sprachrohr zu geben und ihre Anliegen und ihr Dasein einer brei­ten Öffent­lich­keit zu prä­sen­tie­ren bzw. zugäng­lich zu machen.

Breit bezieht sich in die­sem Fall rein auf quan­ti­ta­tive Aspekte. Die tech­ni­sche Realisierung erin­nert durch­wegs an Yahoo Pipes:

Mit Hilfe von RSS-Feeds wird ein Strom an Eindrücken der in Wien statt­fin­dende Veranstaltungen erzeugt. Dazu wer­den die Schlagworte, im Web2.0 Jargon “Tags” (engl. für Kennzeichnung), die auf die Veranstaltungen zutref­fen auf den Services wie flickR, youtube etc. und die gesucht und zu einer sich immer wie­der erneu­ern­den Präsentation des Web-Lebens in Wien zusammengefügt.

Und wie wir wis­sen, bie­tet die auto­ma­ti­sche Portfolio-Generation bekannt­lich ganz neue Diskursanknüpfungspunkte — wir schi­cken Crowe da wirk­lich rein:

Die Installation selbst ist nicht inter­ak­tiv. Wer mit in den Datenstrom kom­men will, muss die Veranstaltungen besu­chen, dar­über berich­ten, zumin­dest aber die glei­chen Bezeichnungen (Tags) ver­wen­den, die die Installation speisen.

Der Umkehrschluss, dass jeder, der nicht “in den Datenstrom kom­men möchte”, allen aggre­gier­ten Veranstaltung fern blei­ben muss, ist durch­wegs zuläs­sig, trotz­dem muss nie­mand Angst vorm Big Brother Award haben: Geeks lie­ben Selbstdarstellung. Ein beträcht­li­cher Teil des Ankündigungstextes ist aller­dings Realsatire etwas unglück­lich gewählt, zumin­dest mir ist neu, dass “die digi­tale ” erst mit dem Bau des MQ begann:

Zu die­sem Zweck wird die Wandinstallation “WienWeb2.0″ ent­wi­ckelt und für diese als Raum MQ / quartier21 gewählt, da hier die Geburtsstätte und das Zentrum der digi­ta­len Medien und digi­tale Kultur liegen.

Denn ers­tens weiß jeder, dass die Geburtsstätte der digi­ta­len Medien in der Brünnerstrasse 34 bei Herrn Hausmeister Vyslozil im Schlafzimmer liegt (dort wurde 1996 das erste Stück Web 2.0 gefun­den), und zwei­tens ist sowieso alles dezentral-gecloudet, also wozu eigent­lich ein Zentrum? Schließlich ist das Web 2.0 quasi ein in sich geschlos­se­nes Universum, wel­ches sich zusam­men­zieht — und damit mög­li­cher­weise irgend­wann im abso­lu­ten Nullpunkt in sich selbst kol­la­biert. Oder Vielleicht doch im Quartier21. Aber dass digi­tale Vernetzung außer­halb des Rechners statt­fin­det, habe ich defi­ni­tiv noch nie erlebt. Die Leute dort kom­men ja immer voll ana­log daher, mit Körper und so. Andererseits haben uns diverse Partnerbörsen beige­bracht, dass sich Beziehungsanbahnung ganz gut irra­tio­na­li­sie­ren lässt:

Wie(n)Web2.0 will zei­gen, dass digi­tale Vernetzung nicht nur am Rechner statt­fin­det. Gerade in Öster­reich und spe­zi­ell in Wien, gibt es eine Reihe von Veranstaltungen, bei der sich vir­tu­elle Gemeinschaften in reale Treffen ver­wan­deln. Digitalks, BarCamps, Webmontage und Webpläusche sind Beispiele einer Diskurskultur, die sich aus einer vir­tu­el­len Realität in eine reale Virtualität ver­wan­deln. Denn bei den Veranstaltungen wird dann wie­der für das Internet doku­men­tiert, foto­gra­fiert und berich­tet, dass die Tastaturen nur so kra­chen. Damit wird greif­bar, was es mit dem User Generated Content auf sich hat.

Wie(n)Web2.0 will mit zwei Bildschirmen die­sen “geschlos­se­nen Kreislauf durch­bre­chen”. Ich bin mir nicht sicher, ob die Aktion damit naht­los an die Musealisierung des Trivialen anschließt, die im 20. Jahrhundert sozu­sa­gen den Diskurswert der moder­nen Kunst saniert hat, oder ob die Parallelgesellschaft “rich­ti­ges Leben” durch dünn­wan­dige LCDs effek­ti­ver ins geso­gen wer­den kann. Spannend finde ich jeden­falls die Idee einer Bottom-Up-Initiativen-Aggregation. Schade, dass die Installation nicht inter­ak­tiv ist: ich wär für ein “Social Voting”, der Sieger darf eine Woche lang im Zentrum der - und Medienkultur woh­nen und schla­fen: und zwar im gemein­sa­men Doppelbett mit Russell Crowe. Two Thumbs Up — wir sehen uns am 10. Dezember im MuQa.

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