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Warum digitale Kultur keine Geburtsstätte hat

Wie(n)Web2.0Anfang Dezember überbrückt die Eröffnungsfeier zum Wie(n)Web2.0 die Wartezeit bis zum nächsten Digitalk im Jänner. Ab 10. Dezember aggregiert das Ding aus einer selben Welt (Wir schicken Russell Crowe da rein!) ein ganzes Portfolio von Wiener Initiativen. Der bunte Web-Spartenkanal dokumentiert vollautomatisch Barcamps, Webmontage, Webpläusche, Digitalks, Bloegger-Treffen und die Stammtische. Die Mission ist dabei klar definiert:

Ziel ist es, den Initiativen im Umfeld, die weder Verein noch Institution sind, ein Sprachrohr zu geben und ihre Anliegen und ihr Dasein einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren bzw. zugänglich zu machen.

Breit bezieht sich in diesem Fall rein auf quantitative Aspekte. Die technische Realisierung erinnert durchwegs an Yahoo Pipes:

Mit Hilfe von RSS-Feeds wird ein Strom an Eindrücken der in Wien stattfindende Veranstaltungen erzeugt. Dazu werden die Schlagworte, im Web2.0 Jargon “Tags” (engl. für Kennzeichnung), die auf die Veranstaltungen zutreffen auf den Services wie flickR, youtube etc. und die Blogosphäre gesucht und zu einer sich immer wieder erneuernden Präsentation des Web-Lebens in Wien zusammengefügt.

Und wie wir wissen, bietet die automatische Portfolio-Generation bekanntlich ganz neue Diskursanknüpfungspunkte – wir schicken Crowe da wirklich rein:

Die Installation selbst ist nicht interaktiv. Wer mit in den Datenstrom kommen will, muss die Veranstaltungen besuchen, darüber berichten, zumindest aber die gleichen Bezeichnungen (Tags) verwenden, die die Installation speisen.

Der Umkehrschluss, dass jeder, der nicht “in den Datenstrom kommen möchte”, allen aggregierten Veranstaltung fern bleiben muss, ist durchwegs zulässig, trotzdem muss niemand Angst vorm Big Brother Award haben: Geeks lieben Selbstdarstellung. Ein beträchtlicher Teil des Ankündigungstextes ist allerdings Realsatire etwas unglücklich gewählt, zumindest mir ist neu, dass “die digitale ” erst mit dem Bau des MQ begann:

Zu diesem Zweck wird die Wandinstallation “WienWeb2.0″ entwickelt und für diese als Raum MQ / quartier21 gewählt, da hier die Geburtsstätte und das Zentrum der digitalen Medien und digitale liegen.

Denn erstens weiß jeder, dass die Geburtsstätte der digitalen Medien in der Brünnerstrasse 34 bei Herrn Hausmeister Vyslozil im Schlafzimmer liegt (dort wurde 1996 das erste Stück gefunden), und zweitens ist sowieso alles dezentral-gecloudet, also wozu eigentlich ein Zentrum? Schließlich ist das quasi ein in sich geschlossenes Universum, welches sich zusammenzieht – und damit möglicherweise irgendwann im absoluten Nullpunkt in sich selbst kollabiert. Oder Vielleicht doch im Quartier21. Aber dass digitale Vernetzung außerhalb des Rechners stattfindet, habe ich definitiv noch nie erlebt. Die Leute dort kommen ja immer voll analog daher, mit Körper und so. Andererseits haben uns diverse Partnerbörsen beigebracht, dass sich Beziehungsanbahnung ganz gut irrationalisieren lässt:

Wie(n)Web2.0 will zeigen, dass digitale Vernetzung nicht nur am Rechner stattfindet. Gerade in Österreich und speziell in Wien, gibt es eine Reihe von Veranstaltungen, bei der sich virtuelle Gemeinschaften in reale Treffen verwandeln. Digitalks, BarCamps, Webmontage und Webpläusche sind Beispiele einer Diskurskultur, die sich aus einer virtuellen Realität in eine reale Virtualität verwandeln. Denn bei den Veranstaltungen wird dann wieder für das Internet dokumentiert, fotografiert und berichtet, dass die Tastaturen nur so krachen. Damit wird greifbar, was es mit dem User Generated Content auf sich hat.

Wie(n)Web2.0 will mit zwei Bildschirmen diesen “geschlossenen Kreislauf durchbrechen”. Ich bin mir nicht sicher, ob die Aktion damit nahtlos an die Musealisierung des Trivialen anschließt, die im 20. Jahrhundert sozusagen den Diskurswert der modernen Kunst saniert hat, oder ob die Parallelgesellschaft “richtiges Leben” durch dünnwandige LCDs effektiver ins gesogen werden kann. Spannend finde ich jedenfalls die Idee einer Bottom-Up-Initiativen-Aggregation. Schade, dass die Installation nicht interaktiv ist: ich wär für ein “Social Voting”, der Sieger darf eine Woche lang im Zentrum der - und Medienkultur wohnen und schlafen: und zwar im gemeinsamen Doppelbett mit Russell Crowe. Two Thumbs Up – wir sehen uns am 10. Dezember im MuQa.

7 Kommentare zu „Warum digitale Kultur keine Geburtsstätte hat“

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