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Lienz und das MA99: Ein Lehrstück in Stadtentwicklung

06.02.2009, geschrieben von , 3 Kommentare

lienz und das ma99 Lienz und das MA99: Ein Lehrstück in StadtentwicklungIm sonst so friedlich-beschaulichen Dolomitenstädtchen herrscht Krieg. Die bei­den Fronten kämp­fen und jenes Stück Land, auf dem der­zeit die alte Kunstmühle steht. Dieses Areal sowie einige umlie­gende Grundstücke sol­len nach dem Willen der Projektbefürworter das größte Osttiroler aller Zeiten, genannt M99, beher­ber­gen. Die Gegner bezeich­nen das Bauprojekt als Monster, befürch­ten erhöh­tes Verkehrsaufkommen und eine Austrocknung der Innenstadt. Jene, die so schnell wie mög­lich bauen möch­ten, spre­chen von einer essen­ti­el­len Investitionsspritze in Krisenzeiten.

Die Gräben sind tief, angeb­lich ist ein Teil der Gelder bereits geflos­sen und einige Genehmigungen wur­den erteilt und ver­mut­lich wäre längst der Spatenstich erfolg, befände sich nicht der Lienzer Dr. Hibler von der Mehrheitspartei ÖVP auf der Seite der Projektgegner, die sich in der unab­hän­gi­gen “Stoppt Monster 99″ orga­ni­siert haben. Sie tre­ten gegen eine sel­tene Allianz aus SPÖ, FPÖ und den Grünen an — man wun­dert sich. Argumentative Annäherungen sind längst geschei­tert, am 8. Februar fin­det daher in Lienz eine statt — eine Premiere für die Dolomitenstadt, deren Bürger noch nie ihre Meinung kund­tun soll­ten. Eine sol­che auf loka­ler Ebene hat, anders als Kommunalwahlen, zwar kei­nen recht­lich bin­den­den Charakter, würde dem Bürgermeister jedoch im Fall groß­flä­chi­ger Ablehnung ein star­kes Argument in die Hand geben.

Entnommen habe ich diese Kurzfassung der aktu­el­len Ausgabe des Osttiroler Boten, in der Günther Bachmann, Geschäftsführer der Brauneck-Gruppe, die als Investor auf­tritt, und Dr. Hibler ihre Sicht der Dinge jeweils in einem ein­sei­ti­gen Interview kund taten. Außerdem flat­ter­ten den Lienzer Haushalten in den ver­gan­ge­nen Tagen weit mehr Flugblätter ins Haus als üblich. Was den Bauplänen beson­dere Brisanz ver­leiht, ist in ers­ter Linie die Lage: das geplante Einkaufscenter soll als sie­ben­stö­cki­ges Monument das Lienzer Stadtbild aus­ge­rech­net am Beginn der Altstadt prä­gen. In der Innenstadt ansäs­sige Kaufleute befürch­ten wohl zurecht die Austrockung der Altstadt, Anrainer rech­nen mit gra­vie­rend erhöh­tem Verkehrsaufkommen.

Um die Vertracktheit der Situation bes­ser zu ver­ste­hen, lohnt es sich, einen Blick auf demo­gra­phi­sche Statistiken zu wer­fen: der Bezirk Osttiroler schlägt sich nicht nur mit dem bur­gen­län­di­schen Oberwart um die Krone der Arbeitslosenstatistik — ökono­mi­sche Kennzahlen beschei­ni­gen der Gegend auch extrem nied­rige Durchschnittseinkommen. Die Befürworter erhof­fen sich von der Investition einen Belebung der ein­hei­mi­schen Wirtschaft, über 100 Arbeitsplätze sol­len durch das Center geschaf­fen wer­den. Dass die 300 geplan­ten Stellplätze für den Auto-Ansturm aus­rei­chen wer­den, bezwei­feln wie­derum die Gegner. Die Verkaufsfläche von knapp 9.000m2 soll zur Hälfte mit drei Großmietern aus den Bereichen Lebensmittel (da kommt wohl nur Interspar oder Merkur infrage, ers­te­rer betreibt aller­dings einen Großmarkt knapp außer­halb von Lienz), Elektro/HiFi (ver­mut­lich wohl Saturn oder Media Markt) und Bekleidung. Gastronomie und diverse Filialen bis­her noch nicht in Lienz ver­tre­te­ner Ketten sol­len den rest­li­chen Platz füllen:

das geplante ma99 einkaufszentrum Lienz und das MA99: Ein Lehrstück in Stadtentwicklung

In der Tat eine schwie­rige Entscheidung — zumin­dest aller­dings schei­nen die Befürworter des ame­ri­ka­ni­sche Studien nicht zu ken­nen, die gro­ßen Einkaufscenter eine kata­stro­phale Wirkung auf umlie­gende klei­nere Einkaufsstrukturen nach­wei­sen. Ich kenne im Detail die Position der Tiroler Wirtschaftskammer nicht. Deren Wiener Pendant respek­tive Brigitte Jank beteu­ern aller­dings (zu Recht) bei jeder Gelegenheit die Bedeutung von KMUs für den Wirtschaftsstandort Öster­reich. Dass die Ruine der alten Kunstmühle, die dem wei­chen soll, ein archi­tek­to­ni­scher Schandfleck deluxe ist, des­sen zer­bors­tene Fenster an ein post­a­po­ka­lyp­ti­sches Szenario erin­nern, bleibt unbestritten.

kunstmuehle lienz Lienz und das MA99: Ein Lehrstück in Stadtentwicklung

Das sieht aber auch die Bürgerinitiative so, die kei­nes­wegs als Verhinderer auf­tre­ten wol­len. Unter Mitwirkung des Münchner Städteplaners Eckart Zurmöhle arbei­te­ten diverse Lienzer Architketurbüros einen Alternativentwurf aus, des­sen Fokus auf Nahversorgung und Erhaltung der alt­städ­ti­schen Lebensqualität liegt. Wie die Finanzierung die­ses Umbaus erfol­gen soll, bleibt indes offen.

architektonischer denkanstoss Lienz und das MA99: Ein Lehrstück in Stadtentwicklung

Am Sonntag jeden­falls soll die Lienzer Bevölkerung erst­mals ihre Stimme bei einer Volksbefragung abge­ben. Bedauerlicherweise hab ich meine Glaskugel nicht im Reisegepäck, aber ich würde mal stark drauf tip­pen, dass die Lienzer dem für lokale Verhältnisse wahr­haft gigan­to­ma­ni­schem Vorhaben eine deut­li­che Absage erzie­len. Wenn ich meine Hauptwohnsitz in Lienz hätte, würd ich auch dage­gen stim­men — denn es wär schade um die Lienzer Altstadt, die ist wirk­lich hübsch.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 3 Kommentare zu "Lienz und das MA99: Ein Lehrstück in Stadtentwicklung" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • effha Identicon Icon

    Man kann dazu ste­hen wie man will. Tatsache ist, dass neben der Verschandelung der Stadt die beste­hende Gewerbelandschaft ster­ben wird. Das ist keine Unkerei, ich hab es jetzt schon meh­rere Male erlebt. In mei­ner Heimatstadt kann man die halbe Fußgängerzone mie­ten, das rie­sige Einkaufszentrum hat das Publikum fast völ­lig abge­zo­gen. Zur Belohnung gibt’s dann den Einheitsmatsch zu kau­fen, in jedem die­ser Center hocken die glei­chen Läden der immer glei­chen Ketten…

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  • Christoph Identicon Icon
    Christoph sagte am 6. Februar 2009 um 22:49

    Da braucht man wahr­lich keine ame­ri­ka­ni­schen Studien dafür. Das konnte man, lei­der, schon oft genug in Öster­reich beobachten.

    Ähnlich wird es bei uns in der Nähe wer­den. Allerdings wurde das Volk bei uns gar nicht ein­mal befragt. Da wurde nur vor­ge­stellt. Die umlie­gen­den Gemeinden, inklu­sive Wien, waren nicht sehr erfreut, konn­ten aber offen­sicht­lich nichts ver­hin­dern, denn die Zu– und Abfahrten wer­den bereits asphal­tiert.
    So wird nun ein Einkaufszentrum ent­ste­hen, dass grö­ßer als SCN oder Donauzentrum wer­den soll.

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 9. Februar 2009 um 13:34

    So, das Ergebnis der Volksbefragung fiel wesent­lich knap­per aus, als ich mir erwar­tet hätte. Die Wahlbeteiligung lag bei 51%, 47% stimm­ten dafür, 53% dage­gen: http://www.stadt-lienz.at/syst.….=220259081

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