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Rückblick auf die eDay Podiumsdiskussion

06.03.2009, geschrieben von , 2 Kommentare

podiumritchie Rückblick auf die eDay PodiumsdiskussionAuf his­to­ri­schem Grund und Boden fand ges­tern der von der Wirtschafskammer orga­ni­sierte 2009 statt. Vorträge, Networking und das Tagesprogramm musste ich mir auf­grund ander­wei­ti­ger Terminverpflichtungen lei­der ent­ge­hen las­sen, aber bei der abend­li­chen mit dem Thema “ 2.0 — Wachstumsmotor oder –bremse” hatte ich die Ehre und das Vergnügen, mit auf der Bühne zu sit­zen. Anstatt der übli­chen Fragerunde betei­ligte sich das Publikum live mit –Meldungen an der Diskussion — lus­ti­ges Format, das wär doch mal was für Live-Kritiken wäh­rend Opernaufführungen!

In sei­nem span­nen­den Einführungsreferat erläu­tere Professor (TU Wien) anhand eini­ger Beispiele das schwie­rige und kom­plexe Spannungsfeld zwi­schen Öffent­lich­keit und Privatsphäre — ein Antagonismus, der in der nach­fol­gen­den Diskussion noch öfter auf­tau­chen sollte. Mein Lieblingsbeispiel aus dem Vortrag: ein Zimmermädchen sieht am Hotel-Nachtkästchen des Gastes Hämorrhoiden-Salbe lie­gen, am nächs­ten Tag wird ihm beim Frühstück ein Sitzpolster ange­bo­ten. Service am Gast oder unzu­läs­si­ges Eindringen in pri­vate Bereiche? In genau die­sem Spannungsfeld bewe­gen sich Unternehmen, die Kundendaten aus­wer­ten. Fühlen wir uns von Amazon-Produktvorschlägen beläs­tigt, oder neh­men wir erfolg­reich per­so­na­li­sierte Angebote als erwünsch­tes Zusatzservice wahr? Man hat es mit einer klas­si­schen Trade-Off Situation zu tun, wie Nikolaus Futter vom Compass Verlag rich­tig fest­stellte: ich geb dir gern ein Stück “Privacy” oder ein paar Daten, wenn ich dar­aus einen ent­spre­chen­den Vorteil zie­hen kann.

datenrunde Rückblick auf die eDay Podiumsdiskussion

Diese Fragen tauch­ten in der von Thomas Rottenberg mode­rier­ten Gesprächsrunde natür­lich häu­fig auf. Georg Markus Kainz von den awards ver­trat eine recht strikte Linie, was die Datenauswertung betrifft, aber mein Ex-Studienkollege Bernhard Lehner von 123people gibt ein­fach einen sehr schlech­ten Bühnen-Bösewicht ab :twis­ted: In der Tat darf man, wie Gregor Herzog von der WKÖ fest­stellte, den Faktor “Media Literacy” kei­nes­falls außer Acht las­sen: wir befin­den uns, was das Internet als kul­tu­relle Medientechnik betrifft, in einer rasan­ten Umbruchsphase. Nachfolgende Generationen wer­den ler­nen, die mit den Paradigmen des vir­tu­el­len Raums umzu­ge­hen und die Grenzen zwi­schen öffent­lich und pri­vat bes­ser abzu­schät­zen. Denn tat­säch­lich ent­steht eine ganze Reihe von Privacy-Problemen dar­aus, dass vie­len Surfern über­haupt nicht klar ist, dass das Internet ungern ver­gisst und Google ver­sucht, jede Information zu ver­lin­ken, die öffent­lich im Netz steht. Eine recht aus­führ­li­che Zusammenfassung der Diskussion mit dem Titel” Das Twittern beim E-Day 2009″ hat telekom-press.at veröffentlicht.

Ich halte die Frage des staat­li­chen Umgangs mit Daten für das eigent­li­che Probleme: denn nur staat­li­che Institutionen kön­nen die Zentralperspektive ein­neh­men, viel bes­ser, als dies Google je mög­lich wäre. Und vor Spam und per­so­na­li­sier­ten Newsletter habe ich weit weni­ger Angst als vor einem Big-Brother-Staat im Sinne Orwells — und der Data Retention Act tritt dem­nächst in Kraft. Wer wei­ter­hin Wert auf Briefgeheimnis legt, wird also nicht umhin kom­men, sich mit Verschlüsselungstechniken ver­traut zu machen, womit man schon wie­der beim Thema Literacy ange­langt wäre. Ohne Öffent­lich­keit keine Privatsphäre und umge­kehrt — die bei­den Antagonisten bedin­gen, benö­ti­gen und defi­nie­ren sich gegen­sei­tig, wer­den stän­dig neu ver­han­delt, und zugleich ver­läuft die tech­no­lo­gi­sche Entwicklung wesent­lich zu rasch, als dass tra­di­tio­nelle Rechtssysteme legis­la­tiv Schritt hal­ten könnten.

Auf jeden Fall kann es nicht scha­den, sich ab und an ins Gedächtnis zu rufen, dass die bei­den Gegenspieler “Privatheit” und “Öffent­lich­keit” eng mit grie­chi­schen Vorstellung von Staatsorganisation ver­knüpft sind und aus loka­len geo­gra­phi­schen Verhältnissen resul­tier­ten: was am öffent­li­chen Platz, der Agora, geschah, war Öffent­lich­keit und damit Teil des staat­li­chen Lebens, wäh­rend die “Privatsphäre” an der Haustür begann. Mich erin­nert diese etymologisch-historische Herleitung an die in den 90er Jahren sehr gän­gige Bezeichnung des Netzes als “Cyberspace”, als vir­tu­el­len Raum: und mir scheint, des­sen Grenzen müs­sen erst ver­han­delt, defi­niert und ver­stan­den wer­den. Dass eines der erfolg­reichs­ten Fernsehformate der letz­ten Jahre aber den semi-ironischen Titel “Big Brother” trägt, zeigt wohl über­deut­lich, dass media­ler Exhibitionismus im Zeitalter der B-Liga Stars einen eigen­ar­ti­gen Wertekanon per se dar­stellt, der Andy Warhol (“In the future, ever­y­body will have their fif­teen minu­tes of fame.”) und Georg Franck (“Die Ökono­mie der Aufmerksamkeit”) recht gibt.

Danke noch­mal an Gerhard Laga für die zu die­sem span­nen­den Gespräch auf der Bühne und den sehr gemüt­li­chen anschlie­ßen­den infor­mel­len Teil mit groß­ar­ti­gem Buffet und her­vor­ra­gen­dem Rotwein — und vom eDay 2010 werd ich hof­fent­lich mehr mitbekommen.

PS: Gefreut hat mich übri­gens auch die Tatsache, dass ich mit mei­ner Meinung, die aufs pro­ji­zier­ten Hoffnungen und Erwartungen seien weit über­trie­ben, kei­nes­wegs allein dastehe. Denn woran gerade aus­ge­feilte seman­ti­sche Modelle schei­tern wer­den, ist der gute alte Entropie-Faktor, sozu­sa­gen das Salz in der Suppe der Kommunikation, kurz: uner­war­tete, aber den­noch wert­volle Informationen, Futter für krea­tive Geistesblitze!

PPS: Ein ers­tes Rückblicks-Video auf den eDay ist bereits online, eine Fotogallerie ebenfalls.

Fotocredits: Die Fotos zu die­sem Beitrag hat Stephan Kuzmanov / Vollwertmedia geschossen.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 2 Kommentare zu "Rückblick auf die eDay Podiumsdiskussion" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • MMO-Joe Identicon Icon

    Sehr schön geschrie­ben! Schade dass ich nicht selbst dabei­sein konnte. War sicher inter­es­sant. Aber was meinst du damit, dass Bernhard Lehner von 123people einen schlech­ten Bühnenbösewicht abgibt?

    mfg
    joe

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  • hobbit Identicon Icon

    denke genauso wie du — die seman­tic web pro­je­zier­ten Hoffnungen und Erwartungen sind übertrieben

    Like or Dislike: Thumb up 0 Thumb down 0

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