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Rückblick auf die eDay Podiumsdiskussion

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podiumritchieAuf historischem Grund und Boden fand gestern der von der Wirtschafskammer organisierte eDay 2009 statt. Vorträge, Networking und das Tagesprogramm musste ich mir aufgrund anderweitiger Terminverpflichtungen leider entgehen lassen, aber bei der abendlichen Podiumsdiskussion mit dem Thema „Datenschutz 2.0 – Wachstumsmotor oder -bremse“ hatte ich die Ehre und das Vergnügen, mit auf der Bühne zu sitzen. Anstatt der üblichen Fragerunde beteiligte sich das Publikum live mit Twitter-Meldungen an der Diskussion – lustiges Format, das wär doch mal was für Live-Kritiken während Opernaufführungen!

In seinem spannenden Einführungsreferat erläutere Professor Peter Purgathofer (TU Wien) anhand einiger Beispiele das schwierige und komplexe Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre – ein Antagonismus, der in der nachfolgenden Diskussion noch öfter auftauchen sollte. Mein Lieblingsbeispiel aus dem Vortrag: ein Zimmermädchen sieht am Hotel-Nachtkästchen des Gastes Hämorrhoiden-Salbe liegen, am nächsten Tag wird ihm beim Frühstück ein Sitzpolster angeboten. Service am Gast oder unzulässiges Eindringen in private Bereiche? In genau diesem Spannungsfeld bewegen sich Unternehmen, die Kundendaten auswerten. Fühlen wir uns von Amazon-Produktvorschlägen belästigt, oder nehmen wir erfolgreich personalisierte Angebote als erwünschtes Zusatzservice wahr? Man hat es mit einer klassischen Trade-Off Situation zu tun, wie Nikolaus Futter vom Compass Verlag richtig feststellte: ich geb dir gern ein Stück „Privacy“ oder ein paar Daten, wenn ich daraus einen entsprechenden Vorteil ziehen kann.

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Diese Fragen tauchten in der von Thomas Rottenberg moderierten Gesprächsrunde natürlich häufig auf. Georg Markus Kainz von den big brother awards vertrat eine recht strikte Linie, was die Datenauswertung betrifft, aber mein Ex-Studienkollege Bernhard Lehner von 123people gibt einfach einen sehr schlechten Bühnen-Bösewicht ab 😈 In der Tat darf man, wie Gregor Herzog von der WKÖ feststellte, den Faktor „Media Literacy“ keinesfalls außer Acht lassen: wir befinden uns, was das Internet als kulturelle Medientechnik betrifft, in einer rasanten Umbruchsphase. Nachfolgende Generationen werden lernen, die mit den Paradigmen des virtuellen Raums umzugehen und die Grenzen zwischen öffentlich und privat besser abzuschätzen. Denn tatsächlich entsteht eine ganze Reihe von Privacy-Problemen daraus, dass vielen Surfern überhaupt nicht klar ist, dass das Internet ungern vergisst und Google versucht, jede Information zu verlinken, die öffentlich im Netz steht. Eine recht ausführliche Zusammenfassung der Diskussion mit dem Titel“ Das Twittern beim E-Day 2009“ hat telekom-press.at veröffentlicht.

Ich persönlich halte die Frage des staatlichen Umgangs mit Daten für das eigentliche Probleme: denn nur staatliche Institutionen können die Zentralperspektive einnehmen, viel besser, als dies Google je möglich wäre. Und vor Spam und personalisierten Newsletter habe ich weit weniger Angst als vor einem Big-Brother-Staat im Sinne Orwells – und der Data Retention Act tritt demnächst in Kraft. Wer weiterhin Wert auf Briefgeheimnis legt, wird also nicht umhin kommen, sich mit Verschlüsselungstechniken vertraut zu machen, womit man schon wieder beim Thema Literacy angelangt wäre. Ohne Öffentlichkeit keine Privatsphäre und umgekehrt – die beiden Antagonisten bedingen, benötigen und definieren sich gegenseitig, werden ständig neu verhandelt, und zugleich verläuft die technologische Entwicklung wesentlich zu rasch, als dass traditionelle Rechtssysteme legislativ Schritt halten könnten.

Auf jeden Fall kann es nicht schaden, sich ab und an ins Gedächtnis zu rufen, dass die beiden Gegenspieler „Privatheit“ und „Öffentlichkeit“ eng mit griechischen Vorstellung von Staatsorganisation verknüpft sind und aus lokalen geographischen Verhältnissen resultierten: was am öffentlichen Platz, der Agora, geschah, war Öffentlichkeit und damit Teil des staatlichen Lebens, während die „Privatsphäre“ an der Haustür begann. Mich erinnert diese etymologisch-historische Herleitung an die in den 90er Jahren sehr gängige Bezeichnung des Netzes als „Cyberspace“, als virtuellen Raum: und mir scheint, dessen Grenzen müssen erst verhandelt, definiert und verstanden werden. Dass eines der erfolgreichsten Fernsehformate der letzten Jahre aber den semi-ironischen Titel „Big Brother“ trägt, zeigt wohl überdeutlich, dass medialer Exhibitionismus im Zeitalter der B-Liga Stars einen eigenartigen Wertekanon per se darstellt, der Andy Warhol („In the future, everybody will have their fifteen minutes of fame.“) und Georg Franck („Die Ökonomie der Aufmerksamkeit“) recht gibt.

Danke nochmal an Gerhard Laga für die Einladung zu diesem spannenden Gespräch auf der Bühne und den sehr gemütlichen anschließenden informellen Teil mit großartigem Buffet und hervorragendem Rotwein – und vom eDay 2010 werd ich hoffentlich mehr mitbekommen.

PS: Gefreut hat mich übrigens auch die Tatsache, dass ich mit meiner Meinung, die aufs Semantic Web projizierten Hoffnungen und Erwartungen seien weit übertrieben, keineswegs allein dastehe. Denn woran gerade ausgefeilte semantische Modelle scheitern werden, ist der gute alte Entropie-Faktor, sozusagen das Salz in der Suppe der Kommunikation, kurz: unerwartete, aber dennoch wertvolle Informationen, Futter für kreative Geistesblitze!

PPS: Ein erstes Rückblicks-Video auf den eDay ist bereits online, eine Fotogallerie ebenfalls.

Fotocredits: Die Fotos zu diesem Beitrag hat Stephan Kuzmanov / Vollwertmedia geschossen.

2 comments
hobbit
hobbit

denke genauso wie du - die semantic web projezierten Hoffnungen und Erwartungen sind übertrieben

MMO-Joe
MMO-Joe

Sehr schön geschrieben! Schade dass ich nicht selbst dabeisein konnte. War sicher interessant. Aber was meinst du damit, dass Bernhard Lehner von 123people einen schlechten Bühnenbösewicht abgibt? mfg joe