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Österreich darf das CERN nicht verlassen!

12.05.2009, geschrieben von Ritchie Blogfried Pettauer, 11 Kommentare

In mei­ner heu­ti­gen AT-KFOR Vorlesung an der Publizistik Wien musste die­ses Thema natür­lich auf die Tagesordnung: denn das, was sich “Wissenschaftsminister” Johannes “Gio” Hahn da geleis­tet hat, kann allen öster­rei­chi­schen Forschern, Studenten und Lehrenden nur pein­lich sein, sogar jenen, die sich weit abseits der bewe­gen: über­ra­schend und ein­sei­tig kün­digte er ein­sei­tig die Zusammenarbeit mit dem . Eine kurz­fris­tig ins Leben geru­fene Petition gegen die­sen pein­li­chen Irrsinn kann und sollte man unbe­dingt auf sos.teilchen.at/petition/ unterschreiben.

Warum? Dafür gibt es eine ganze Reihe aus­ge­zeich­ne­ter Gründe:

  • Das ist *das* euro­päi­sche Forschungs-Kooperations-Vorzeigeprojekt. Ich zitiere aus der Petition:

    steht für Forschung in Elementarteilchenphysik und Kosmologie. ist ein leuch­ten­des Beispiel für Exzellenz durch euro­päi­sche Zusammenarbeit. bedeu­tet Vision für den wis­sen­schaft­li­chen Nachwuchs.

  • Gute Über­lei­tung zum nächs­ten Punkt: die Beendigung die­ser Zusammenarbeit gefähr­det den Wissenschaftsstandort Öster­reich. Die Art der Teilchenforschung, die am betrie­ben wird, ist der­art auf­wen­dig und teuer, dass ein ein­zel­nes Land sich eine der­ar­tige Anlage kaum leis­ten könnte. Am hängt eine immense, über ganz Europa ver­teilte Forschungs-Infrastruktur mit umfang­rei­chen Projekten, die ohne expe­ri­men­telle Über­prü­fung so nicht statt­fin­den könn­ten — in der Vergangenheit resul­tier­ten diese Forschungen nicht sel­ten in Nobelpreisen.
  • Die Partnerschaft Öster­reichs am , das nach einer grö­ße­ren Ausbau-Phase und dadurch beding­ten Pause dem­nächst wie­der in ope­ra­ti­ven Betrieb gehen wird, besteht seit 50 Jahren. Die Kosten der Beteiligung ste­hen in kei­ner Relation zu den Durchbrüchen in der Grundlagenforschung, die in die­ser Zeit erzielt wur­den und die immer wie­der in prak­ti­schen Anwendungen gip­fel­ten — man­chen von ihnen sind aus dem 21. Jahrhundert nicht mehr weg­zu­den­ken (Stichwort: Computertomographie, Stichwort: World Wide Web, Stichwort Durchbrüche in der Krebsdiagnose und –the­ra­pie). Ein nähe­rer Blick auf die Kosten macht Sie sicher:

Die –Beteiligung kos­tet jeden Öster­reich €2 pro Jahr, anders aus­ge­drückt beträgt die Gesamtsumme 16 Millionen Euro. Das sind 0,47 Prozent des Wissenschaftsministeriums-Budgets, wel­ches 2009 gegen­über 2008 um 15% erhöht wurde. Dem gegen­über ste­hen im Zeitraum 1994 – 2007 –Aufträge an die öster­rei­chi­sche Industrie im Wert von 73 Millionen Euro.

Video: in 3 Minuten erklärt

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In wirt­schaft­li­chen Krisenzeiten aus einem sol­chen Projekt aus­zu­stei­gen — Albanien hat übri­gens kürz­lich sei­nen Aufnahme-Antrag gestellt — bedeu­tet eine nach­hal­tige Schädigung der öster­rei­chi­schen Spitzenwissenschaft, Qualitätseinbußen bei der Ausbildung und Verdienstentgang in Hi-Tech Branchen. Waren das nicht genau jene Felder, die Sie, Herr Hahn, beim Antritt Ihres Amts mit Elite-Unis und der Steigerung des Arbeitsplatzes Öster­reich für aus­län­di­sche Spitzenkräfte stei­gern wollten?

cern Österreich darf das CERN nicht verlassen!

Ihr Wissenschaftsministerium hat im Vorfeld der über­ra­schen­den Aufkündigung unse­rer Partnerschaft weder mit öster­rei­chi­schen Experten noch mit dem in irgend­ei­ner Form einen Dialog gesucht. Erklären kann sich Ihre Entscheidung nie­mand — es gibt ledig­lich Spekulationen:

Da es bei ratio­na­ler Betrachtung sehr unwahr­schein­lich ist, dass jemand zu dem Schluss gelangt, ein Austritt könne nütz­lich sein für Öster­reich, sind es wahr­schein­lich irra­tio­nale Gründe. Auch Wissenschafter und Ministeriumsbeamte sind Menschen mit Emotionen, und diese umfas­sen nicht nur posi­tive wie Liebe, Begeisterung und Hingabe, son­dern auch nega­tive, wie Angst, Neid oder Gier.

Auch Science Buster Prof. Heinz Oberhummer, für seine Forschungen in theo­re­ti­scher nomi­niert für den , zeigte sich beim Alien-Special am letz­ten Samstag im Rabenhof äußerst indi­gniert über diese “his­to­ri­sche Fehlentscheidung” (Zitat Prof. Dr. Herbert Pietschmann): seine galgen-humorige Erklärung: die nie­der­ös­ter­rei­chi­schen VP-Politiker haben mög­li­cher­weise bemerkt, dass sich in Seibersdorf (das hie­sige Forschungszentrum koope­rierte bis­lang eng mit dem ) keine Günstlinge aus dem Bauernbund job­tech­nisch unter­brin­gen las­sen. Das mag über­spitzt for­mu­liert sein, trifft den Nagel der öster­rei­chi­schen Kleinkariertheit aller­dings auf den Kopf. Völlig ernst zu neh­men dage­gen ist seine Anmerkung, dass mit dem Betrieb des neuen LHC (Large Hadron Collider) sozu­sa­gen die “Erntezeit” für zahl­rei­che, auch öster­rei­chi­sche, Forschungsprojekte vor der Tür steht. Zitat aus dem Beitrag No we can’t am Science-Busters Blog:

Es geht um jähr­lich 16 Millionen Euro. Um das ins rich­tige Maß zu stel­len: Das sind etwa die Verluste, wel­che die Öster­rei­chi­schen Bundesbahnen der­zeit in gerade ein­mal drei Tagen ein­fah­ren. Damit ist die Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Teilchenphysik in Öster­reich über­haupt gefährdet.

Man ver­glei­che hierzu auch die­ses Zitat von Prof. Herman Feshbach, Nobelpreisträger 2004:

Scientific pro­s­pects at have never been brigh­ter and more excit­ing, as the great Large Hadron Collider (LHC) pro­ject approa­ches its ope­ra­tio­nal phase. Many years’ invest­ment in rese­arch, deve­lop­ment, and con­struc­tion are about to bear fruit. There are good rea­sons to anti­ci­pate dis­co­ve­ries that will dra­ma­ti­cally advance our most basic under­stan­ding of what the phy­si­cal world is made of, how it works, and even how it came to be. While the pri­mary goal of is to address such fun­da­men­tal issues, the labo­ratory is also a tre­a­sury of engi­nee­ring mar­vels. It has been a seed­bed of inno­va­tion in com­pu­ter and com­mu­ni­ca­ti­ons tech­no­logy, cryo­ge­nics, and large-scale, high-tech pro­ject manage­ment. Young people learn cutting-edge skills at that they take back to busi­nes­ses and schools of their home coun­tries. For these rea­sons I believe that has yiel­ded, and will con­ti­nue to yield, excel­lent long-term returns on invest­ment, just as a mat­ter of eco­no­mics, even apart from its uni­que sci­en­ti­fic value. In addi­tion, since its origins in the after­math of World War II, has been an inspi­ring, visi­ble sym­bol of European unity and cul­tu­ral vita­lity. It would be a great loss for Austria, and a blow to Europe and the sci­en­ti­fic world, if short-term thin­king and lack of vision cau­sed Austria — birth­place of Ludwig Boltzmann, Erwin Schrödinger, Wolfgang Pauli, Victor Franz Hess, and Lise Meitner — to pull out of now.

Was kön­nen Sie tun?

Unterschreiben Sie die Petition (das funk­tio­niert ganz sim­pel online): Sie soll das dazu bewe­gen, die Hahn’sche Entscheidung abzu­leh­nen. Bereits über 10.000 Personen (Stand: 12. Mai) haben ihre Unterstützung kund getan. Hinterlassen Sie einen Kommentar auf der Seite des Instituts für Hochenergie-Physik oder am bes­ten: schrei­ben Sie direkt einen Brief an Wissenschaftsminister und/oder die zustän­di­gen Politiker. Nutzen Sie Ihre Social Media Kontakte, infor­mie­ren Sie Ihr Umfeld über diese kurz­sich­tige aber schwer rück­gän­gig zu machende Entscheidung — auf Facebook gibt’s bereits eine Gruppe, der man bei­tre­ten kann. Und wenn Sie selbst ein Blog betrei­ben: machen Sie Stimmung und las­sen Sie nicht zu, dass eine so wich­tige Entscheidung im in .at so belieb­ten Blitzverfahren getrof­fen wird — DANKE!

Particle Hunters: Video über das CMS–

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Reaktionen aus der Blogosphäre:

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Bisher haben meine Lieblingsleser 11 Kommentare zu "Österreich darf das CERN nicht verlassen!" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Johannes Dosek Identicon Icon
    Johannes Dosek sagte am 12. Mai 2009 um 22:53

    Bereits unter­schrie­ben!

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    ritchie Identicon Icon

    per­fekte, dankeschön!

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  • ritchie Identicon Icon

    Update

    Robert Harm hat das Online-Demo “Eselsohr”-Plugin modi­ziert, ich hab’s hier gerade hoch­ge­la­den und akti­viert. Download unter:
    http://wiki.die-truppe.com/Online-Demo

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  • digiom (jana) Identicon Icon

    hoffe es ist nicht zu spät.

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  • wozzek Identicon Icon

    Unglaublich. Wie kann BM Hahn das alleine ent­schei­den? ÖVP, raus aus dem World Wide Web kann man da nur sagen. Unterschrieben habe ich schon.

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  • Matti Identicon Icon

    Vermutlich hat Ihm jemand die Geschichte vom Schwarzen Loch und dem Weltuntergang erzählt ;)
    Ne im Ernst: Ist schon schade wenn sol­che Grundlangenforschung nicht mehr unter­stützt wird. Als nicht Öster­rei­cher kann ich zwar nicht unter­schrei­ben aber ich hoffe daß die Petition Erfolg hat.

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  • Christian Identicon Icon

    Komme selbst auch nicht aus Öster­reich, son­dern aus Deutschland und kann auch nur den Kopf schüt­teln. Laut der Süddeutschen Zeitung sol­len die Kosten der Grund für den Ausstieg sein.
    Zitat:
    “Der Jahresbeitrag Öster­reichs zu der welt­größ­ten zivi­len Forschungsanlage betrage 20 Millionen Euro, was 70 Prozent der Mittel aus­ma­che, die das Land für inter­na­tio­nale Forschungsorganisationen aus­gebe, erklärte Hahn. Für neue Kooperationen sei daher kaum Geld da.” (Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wissen/774/468340/text/)

    Steht viel­leicht in der nächs­ten Zeit ein grö­ße­res Projekt an, das etwas Geld benö­tigt ;) ?

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  • ritchie Identicon Icon

    Autsch… hab von unge­wöhn­lich gut infor­mie­ren ÖVP-Greisen aus Hahn-Nähe erfah­ren, dass die Entscheidung wohl auf­recht blei­ben soll. Die gute alte Taubstellen-Taktik scheint zum Einsatz zu kommen.

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  • Matti Identicon Icon

    Wenn das wirk­lich so ist daß das Geld für wich­ti­gere Projekte gebraucht wird ist die Entscheidung auch OK. Aber anschei­nend steht ja kon­kret noch nichts fest. Und in dem Fall daß ein­fach neue Perspektiven geschaf­fen wer­den solle könnte man auch die Beteiligung etwas sen­ken. Dann würde auch mehr Geld für andere Projekte frei und man würde im CERN nicht alle Lager gleich abbre­chen müs­sen. Das Ganze kommt mir schon etwas komisch vor. Als wenn da noch was dahin­ter­steckt daß noch nicht bekannt gewor­den ist.

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    ritchie Identicon Icon

    Ja! Ganz genau so riecht das, und zwar kräf­tig. Man könnte sagen, diese unbe­grün­dete Entscheidung stinkt zum Himmel — aber irgend­je­mand wird schon davon pro­fi­tie­ren, da bin ich mir sicher. Dürfte nur in dem Fall gar nicht leicht raus­zu­fin­den sein, wer das ist.

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  • ritchie Identicon Icon

    Diese Antwort sagt eigent­lich alles — der Wissenschaftsminister macht ernst. Einen guten Ghostwriter hat er ja, aber wie Max völ­lig rich­tig schreibt: von einem Politiker (bzw. sei­nem Ghostwriter) kann man durch­aus erwar­ten, alle E-Mails ein­zeln zu beant­wor­ten:
    http://dl.getdropbox.com/u/949.….5.2009.pdf

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1 Track- und Pingbacks zu diesem Beitrag

  • CERN, die Krise und Österreich | Wissen belastet (13. Mai 2009)
    [...] Ritchie hat es auch sehr schön zusammengefasst: Die CERN-Beteiligung kostet jeden Österreich €2 pro Jahr, anders ausgedrückt beträgt die Gesamtsumme 16 Millionen Euro. Das sind 0,47 Prozent des Wissenschaftsministeriums-Budgets, welches 2009 gegenüber 2008 um 15% erhöht wurde. Dem gegenüber stehen im Zeitraum 1994-2007 CERN-Aufträge an die österreichische Industrie im Wert von 73 Millionen Euro. [...]
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