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Blogistan Panoptikum KW25 2009

Zurück aus dem hochverschneiten Lienz (nächtens fiel die Schneefallgrenze deutlich unter 2.000 Meter) sitze ich in der ersten Klasse der ÖBB und frage mich, ob man die Arbeitslosigkeit in diesem Land nicht zumindest ein wenig bekämpfen könnte, wenn man ab und an mal jemanden die Zugfenster putzen ließe. Aber genug der Besserwisserei: wenn der natürliche Weichzeichner der Landschaft ihren kargen Reiz entreißt, wird die kühle Post-Kathodenröhre des Laptops umso interessanter. Mit anderen Worten: auf zum Panoptikum, das letzte Woche einem grausamen Arbeits-Anschlag, verschuldet durch den gewissenlosen Internetrat, zum Opfer fiel!

Die meisten WordPress-Templates saugen

Das sagt nicht irgendwer, sondern Blair Williams – und der hat immerhin das großartige Pretty Links for WordPress geschrieben. Wir alle wissen, dass gutes Aussehen manchmal für ein paar Stunden Spaß vollkommen ausreicht, aber wenn’s um längerfristige Beziehungen geht, dann zählen auch die Werte unter der Haube – im Fall eines WordPress Templates zählen dazu solche Themen wie Kommentar-Formatierung, sauberes HTML und so weiter. In seinem Beitrag über die 10 häufig übersehene WordPress Template-Probleme erklärt Blair, worauf man bei Template-Wechsel neben der Optik noch achten sollte:

I’ll think a theme looks clean, beautiful and professional — then I install it, have a look under the hood and realize that it has fatal flaws.
This really makes me wonder how many people are slaving away on their websites and blogs all the while their site is dying a slow death because of a WordPress Theme that they think is fine.

Reise durch die Räterepublik

Hans-Peter Lehofers e-comm Blog gehört seit einiger Zeit zu meinen Favoriten – ich kenne niemanden, der so unterhaltsam, fundiert und hintergründig über die an sich sperrigen Themen „österreichisches und europäisches Recht der elektronischen Kommunikationsnetze und -dienste“ berichtet. Im kommenden Semester möchte ich jedenfalls an Dr. Lehofers Vorlesung an der WU Wien teilnehmen. Konkreter Anlass dieser Erwähnung ist die Serie „Reise durch die Räterepublik“. Da heißt es im ersten Teil etwa:

Vielleicht sollte man alle Selbstregulierungseinrichtungen um eine ausdrückliche Erklärung ersuchen, dass es sich dabei (jedenfalls nach Auffassung der Initiatoren) nicht um ein fake handelt. Mit der Frage nach der „Legitimation“ kann man eine Unterscheidung nämlich nur schwer treffen. Der auch gerade neu gegründete, wunderbar schräge Österreichische Internetrat (ÖIR) etwa schreibt zu seiner Legitimation (ausdrücklich als Selbstlegitimation bezeichnet): „Der ÖIR hat sich selbst gegründet und verfügt über die Legitimation, sich als erste Institution als Österreichischer Internetrat bezeichnet zu haben …“

Und im zweiten Teil heißt es über den großartig amüsanten PR-Ethik Rat:

„PR-Ethik-Rat fordert klare Kennzeichnung von Werbung“ Da gehört wirklich Mut dazu: etwas zu fordern, was seit Jahrzehnten gesetzlich verpflichtend vorgesehen ist. Aber das wirklich Faszinierende an der Presseaussendung ist, dass weder ein einziges Beispiel (von wegen „öffentliche Rüge“), noch auch nur die geringste Andeutung einer Sanktion – und sei es nur die Namensnennung – vorkommt. Der Grund dafür ist besonders nett: es gibt einfach zu viele schwarze Schafe.

Ich freue mich schon auf die Fortsetzung!

Musikalische Alternativen zu Last.fm

Last.fm kostet in den meisten Ländern mittlerweile Geld – mir persönlich hat die Seite nicht mal gefallen, als die Streams noch gratis aus dem Lautsprecher dudelten. Aber Alternativen gibt’s genug – und die unterscheiden sich nicht nur in punkto Look und Repertoire – Roh.cc hat die drei „big Players“ verglichen:

Drei Services werde ich hier näher beleuchten: Play.fm, Blip.fm und Hypemachine. Sie alle gibt es schon länger, und es wurde schon reichlich darüber geschrieben. Aber auch Musikplattformen machen eine Evolution durch und es bilden sich charakteristische Community-Kulturen, die sich durchaus voneinander unterscheiden können.

Super-Influencer: Experten ohne Ahnung

Wer V8-Zwölfzylinder Motoren baut, braucht sich um den Spott nicht zu kümmern, möchte man meinen, aber nix: Medien schaffen Distanz und fördern gefährliches Halbwissen, argumentiert ein erfrischen anti-trendiger Beitrag im Mashazine. Speziell bei diesem Zitat aus dem Teil „Inflation der Expertise“ musste ich die fünf tapferen Pioniere denken, die vor kurzem den Österreichischen Internetrat gründeten:

Jeder ist Experte; die Vielzahl von Meinungen schafft Vertrauen – schlicht durch Präsenz: Weil es Kommunikation, Vielfalt, Widerspruch gibt wirkt der Ausschnitt, den wir wahrnehmen, für uns vertrauenswürdig – schließlich hat er sich gegen die Konkurrenz durchgesetzt.
All das sind formale Kriterien; die Diskussion zu Vertrauen in Onlinemedien und Kriterien von Vertrauenswürdigkeit in der Onlinekommunikation wird nach wie vor oft über formale Merkmale geführt. Gibt es Gütesiegel, Kommentare, Pagerank oder andere Insignien digitaler Kompetenz?

Photoshop für Arme

Man muss nicht alles im Browser machen – aber man kann! Aviary findet, dass Photoshop und Co. den Profis vorbehalten bleiben sollte: den Geburtstagsgruß aus Digi-Foto pappen kann Otto Normaluser schließlich auch direkt in Firefox, noch dazu ganz für lau. Aviary bietet diverse Pixel- und auch Vektor-Manipulations-Tools an, free-user müssen vor allem mit der Einschränkung leben, dass alle erstellen Werke frei zugänglich sind. Wer 25 Dollar im Jahr bezahlt, bekommt eine private Kajüte und bessere Download-Optionen. Ausnahmsweise schließe ich mich dem Spiegel an und frage mich, wer sowas braucht – schließlich gibt’s neben Adobe’s Platzhirsch inzwischen sehr brauchbare Freeware-Alternativen (wie etwa Gimp, das ausschließlich existiert, damit man an passender Stelle seine Existenz erwähnen kann – ob jemand tatsächlich schon mal damit gearbeitet hat, weiß ich nicht genau), und gerade Bildbearbeitung, bei der schnell mal heftige Datenmengen anfallen, möchte ich eigentlich lieber lokal erledigen.

Wenn Richter irren

Manche Zufälle können gar keine Zufälle sein, möchte man meinen – aber StudiVZ hat keineswegs frech Facebook plagiiert, entschied der Richter im mit Spannung erwarteten Urteil Holtzbrinck vs. Facebook:

Zum angeblichen Diebstahl von Quellcodes durch StudiVZ habe Facebook lediglich Vermutungen angestellt, urteilte das Gericht. Diese seien nicht ausreichend, um dem deutschen Online-Netzwerk „unredliche Erkenntniserlangung“ vorzuwerfen. Letztlich sei auch vorstellbar, dass die StudiVZ-Gründer die Facebook-Webseiten mit Hilfe von im Netz für jedermann sichtbaren Informationen nachprogrammiert hätten. Darin liege jedoch kein Verstoß gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook, da StudiVZ nie selbst Vertragspartner des US-Unternehmens gewesen sei. Gegen das Urteil kann Facebook Berufung beim Kölner Oberlandesgericht einlegen.

Geile Begründung! „mit Hilfe von im Netz für jedermann sichtbaren Informationen“… wenn das nur mal kein Präzedenzfall wird!

Der Damm ist gebrochen

Deutschland darf endlich China werden! Da muss Maria Fekter ja geradezu vor Neid erblassen ob der CDU/CSU Kampfrethorik in punkto Netzsperren:

„Wir haben die Pflicht, alle rechtsstaatlichen Mittel zur Bekämpfung von Kinderpornographie einzusetzen“, begründete Martina Krogmann, parlamentarische Geschäftsführerin der CDU/CSU-Fraktion die Initiative. Es könne sich hier niemand auf die Informationsfreiheit berufen.

Dabei haben unsere Nachbaren wirklich einen erstaunlichen Murks zusammengebracht – eine Verfassungsbeschwerde wegen unrechtmäßigem Zustandekommen des Gesetzes ist keineswegs ausgeschlossen, wie Heise berichtet:

Der „Placebo“-Entwurf sei nicht verhältnismäßig und öffne das Tor zur Internetzensur, monierte Jörn Wunderlich von den Linken. Eine rechtsstaatliche Kontrolle der Sperrlisten finde nicht statt. Polizeibehörden dürften nicht darüber entscheiden, was publiziert werden dürfe. Wolfgang Wieland beklagte für die Grünen, dass „im Schweinsgalopp“ allein ein „Vorhang für Verbrechen“ aufgezogen werde. Es sei „schierer Missbrauch“, das Vorhaben unter der Flagge des Wirtschaftsrechts durchzusetzen. Prinzipiell müsste zumindest ein verwaltungsrechtliches Widerrufsverfahren gegen die Aufnahme auf die Schwarze Liste eingeführt werden. Ein Richter habe die Anordnung zu genehmigen, kein Kontrollgremium beim Bundesbeauftragten für Informationsfreiheit.

Dass das hochemotionale Thema Kinderpornographie nicht Ziel, sondern bloß Mittel zum Zweck ist, wissen Experten längst – es geht um die Schaffung der Sperr-Infrastruktur, die China schon so lange erfolgreich einsetzt: steht die Firewall erst mal, kann man auf Knopfdruck auch jeden anderen missliebigen Inhalt ausblenden. Naja, wie der CCC in einer bemerkenswerten Aussendung schrieb: freie Funknetze werden boomen.

SM zwischendurch?

Kein Lack, kein Leder, keine Neunschwänzige: bloß Social Media, das sich nach Ansicht von Steven Weather problemlos für den schnellen Quickie zwischendurch eignet:

Time is money, but Weathers says it’s all about how you manage it. „Previously wasted down time like sitting in taxis for 20 minutes or standing in a bank line for 10 minutes is now spent on my mobile phone, bouncing between Twitter and Facebook. It’s getting easier and easier, and for branding an entrepreneur, I think it’s golden.“

Naja, was will man auch von einem Artikel erwarten, der einleitend die folgenden Fragen stellt:

But is social media right for your business? Could it be a free substitute for a traditional (read: expensive) advertising plan? How much time should be spent in the care and feeding of all those profiles? The answers may surprise you.

Ach ja: die Antwort lautet völlig überraschenderweise „eventuell“. Oder auch „teilweise“. Wow, das kam jetzt echt überraschend.

Wikipedia kriegt Video

ReadWriteWeb berichtet über eine multimediales Wikipedia-Upgrade, das dank einer Partnerschaft mit Kaltura Hosting-technisch bereits unter Dach und Fach ist:

Wikipedia, the free web-based encyclopedia used worldwide, will be adding video to their online repository in a matter of months. When the new system launches, you’ll find a new button labeled „Add Media“ on Wikipedia articles. […] According to news breaking at Technology Review, this video upgrade will be made available within two to three months. At launch time, Wikipedia will provide access to the following online video repositories: the Internet Archive, which contains 200,000 videos, Wikimedia Commons, a resource maintained by the Wikimedia Foundation, creators of Wikipedia, and Metavid, a source for Congressional hearings and speeches.

Twitter zensiert die „heißen Themen“

Auch ReadWriteWeb kann sich angesichts des jüngsten „Goodpussy“ und „Gooddick“ Skandals auf Twitter der Diskussion um die Notwendigkeit von Zensur entziehen:

Should there be an algorithm for trends rather than making trending topics a pure numbers game? Should the system be fixed so that #liesboystell doesn’t win out over truly important, significant, or newsworthy content? Should tweets, like images and other kinds of content, be screened for „adult“ material and user preferences be set accordingly? Or do trends really belong to the lowest common denominator?

Nein, nein und nochmals nein! Kommen Sie doch einfach zu SauberTweeten! Dort kontrollieren sich die User selbst :mrgreen:

Foto der Woche

Die Social Web Community engagiert sich seit einigen Tagen in der Causa „Where is my vote?“ Mit zahlreichen grün eingefärbten Avataren und speziellen Tags solidarisiert sich die Netzgemeinde mit den Protestanten im Iran. In der Sonntagsausgabe des Kurier sagte der aus Persien stammende Kabarettist Michael Niavarani bezugnehmend auf die aktuelle österreichische Wertestudie sinngemäß: „In Österreich kämpfen islamische Frauen darum, ein Kopftuch tragen zu dürfen. Im Iran kämpfen sie darum, keines trage zu müssen. 60% der Österreicher misstrauen der Demokratie und wünschen sich einen starken Führer, 60% der Iraner misstrauen dem starken Führer und wünschen sich Demokratie.“ Hier eine Slideshow aktueller Fotos aus Teheran von Faramarz Hashemi – Achtung, nichts für empfindsame Gemüter! [via TechCrunch]

Video der Woche

Es ist eindeutig mal wieder Zeit für ein wenig Management-Theorie: das Peter-Prinzip, auch bekannt als die „Hierarchie der Unfähigen“, wird in diesem Kurzfilm sehr anschaulich erläutert.

Und damit sind wir auch schon wieder am Ende der letzten und am Beginn der aktuellen Woche angelangt: der längste Tag des Jahres ist vorüber, zumindest Sonnenlicht-technisch, trotzdem gilt wie immer: danke für Ihre Whuffies, wir lesen uns morgen.

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4 comments
Rudi
Rudi

Es gibt mittlerweile so viele Programme um Bilder zu bearbeiten die kostenlos sind. Und einige davon sind wirklich gut! Aber wieso sollte ich meine Bilder online bearbeiten wollen? Da sehe ich keinen Sinn drinn. Was ist denn jetzt alles mit “mit Hilfe von im Netz für jedermann sichtbaren Informationen” gemeint? Nur noch copy/paste und schon fertig, weil ja keine eigenen Ideen gebraucht werden.

Matti
Matti

Als ich heute zuerst von Aviary gelesen habe dachte ich noch: Gut, wäre mal ne alternative und ich brauche nichts installieren. Sehr praktisch. Aber wenn die bearbeiteten Bilder automatisch veröffentlicht werden hat sich das schon wieder erledigt. Dann nutze ich lieber weiterhin mein Windows Paint oder für die etwas aufwändigeren sachen halt Gimp.