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EU-Wahlen: die Gegenstrom-Analyse

09.06.2009, geschrieben von , 4 Kommentare

Heute musste ich am Weg zu Microsoft unterm Motorradhelm laut auf­la­chen, als ich
an einem hän­gen­ge­blie­be­nen Wahlplakat von Hans-Peter Martin vor­bei­kam. An Selbstbewusstsein man­gelt es dem Autor der Globalisierungskrise trotz Total-Fehlprognose (ja ja, in der Gegenwart ist die Zukunft Vergangenheit und ein uner­bitt­li­cher Korrektor) ganz und gar nicht, denn da steht doch tat­säch­lich: “Nur er kon­trol­liert die Mächtigen!” Nur er also! Ein klei­ner Vorarlberger Wichtigtuer nimmt also die Last der Welt auf seine Schultern: Na ser­vas, Europa! Wenn Hans-Peter die letzte Bastion gegen das Mogulentum ist, dann seh ich schwarz für die EU.

Die Mächtigen brau­chen sich zukünf­tig bei­spiels­weise nur in zwei Grüppchen auf­tei­len: wäh­rend das eine zur Ablenkung eine Tagung ver­an­stal­tet, kann das andere unge­stört seine unsag­bar bösen Pläne schmie­den, denn Hans-Peter Martin kann, anders als Chuck Norris, nicht an zwei Orten zugleich sein und kommt mit Parteikollegen bekannt­lich nicht beson­ders gut aus. Hätten wir einen Hans-Peter Martin im ÖIR, dann bräuch­ten wir das Konzept der Selbst-Kontrolle also gar nicht zu bemü­hen! Aber ver­mut­lich sind wir weder euro­pä­isch noch mäch­tig genug, um ins Radar des Kontrolleurs zu gera­ten. (Ich stell mir HP gerade vor, wie er in Brüssel vorm Parlament steht und den alba­ni­schen Präsidenten anschnauzt: “Faascheineee, bid­deh!”) Doch das öster­rei­chi­sche Kurzzeitgedächtnis ließ sich weder von ver­wor­re­nen Spesen-Verhältnissen (damals haben “die Mächtigen” ver­sucht, HPs Ruf zu beschä­di­gen) noch ver­zwick­ten Personal-Fluktuationen (ich rede von Karin Resetarits unüber­trof­fe­nem Beweis, dass Kulturmoderation nicht auto­ma­tisch für die EU-Politik qua­li­fi­ziert) irre füh­ren oder über­haupt füh­ren: 17,87 bekam die Liste “Dr. Martin — für Demokratie, Kontrolle, Gerechtigkeit”. Zumindest ers­te­res gibt Hoffnung.

Ansonsten konn­ten sich die Grünen über eine erfolg­rei­che Wahlstrategie freuen: der hart erar­bei­tete Stimmverlust von zwölf-irgendwas auf unter 10 Prozent soll hel­fen, Selbstverliebtheit abzu­bauen und end­lich wie­der zur Öko-Nischenbewegung zurück­füh­ren. Gratulation! Ein schwe­res Wahl-Los hat dage­gen die Äffpeeöh aus der Wahlurne gezo­gen: mit nur 13 Prozent der Stimmen dürfte der Plan der “Zersetzung der EU von innen” wohl nicht ganz auf­ge­hen — da kann man nur sagen: ab ins Morgenland!

Auch zeig­ten die Ergebnisse, dass der wahre öster­rei­chi­sche Spirit den libe­ra­lis­ti­schen Gedanken der markt­wirt­schaft­li­chen Planwirtschaft bei wei­tem vor­zieht! Mit sat­ten 0.04 Prozent Vorsprung erteilte das “Junge Liberale Öster­reich” (0,69%) der Kommunistischen Partei (0,65%) einen Denkzettel, von dem sich die Genossen nicht mehr so schnell erho­len wer­den. Und wenn Sie jetzt sagen, das geht sich alles hin­ten und vorn nicht aus, dann haben Sie völ­lig recht — da war doch noch was! Die bei­den “Großparteien” ÖVP und SPÖ teil­ten sich gemein­sam 53,54% (eine Fundgrube für Zahlenverschwörungs-Theoretiker!) aller abge­ge­be­nen Stimmen. 2.699.240 Subjekte der reprä­sen­ta­ti­ven Demokratie hat­ten sich in die Wahlurnen geschleppt, das ent­spricht einer Wahlbeteiligung von 42,42% (noch­mal Zahlenverschwörung!). Trotzdem stellt nie­mand in die­sem Land die Sinnhaftigkeit von Wahlen zu einem Gremium, das nix zu ent­schei­den hat, aber Schweine-viel Geld kos­tet, auch nur annä­hernd in Frage. Okay, die Schweiz ist klei­ner als die EU, aber mitt­ler­weile haben wir anstän­dige Internet-Leitungen und brauch­bare Technologien: warum nicht EU-weite Volksabstimmung in rele­van­ten Grundsatzfragen statt die­ses lächer­li­chen Simulationsbetriebs? Boshaften Gemütern könnte ja fast der Gedanken kom­men, dass sämt­li­che Agitation gegen digi­tale Wahlen ein will­kom­me­nes Totschlag-Argument lie­fert: “Nein, über Internet abstim­men, das geht nicht, da wird doch gehackt!” In die­ser Form wei­gere ich mich jeden­falls, die­sen Deckmäntelchen der Scheindemokratie, dass die Legitimierungsmängel einer ehe­ma­li­gen Wirtschafsunion kaschie­ren soll, mit mei­ner Stimmabgabe zu legitimieren.

Wie auch immer — falls eine der antre­ten­den beim nächs­ten Mal voll­kom­men auf Wahlwerbung fürs EU Parlament ver­zich­tet und das Geld einem sinn­vol­len, sozia­len Zweck zuführt, dann würd ich mich durch­aus bereit erklä­ren, mal wie­der zu wäh­len. Ach ja, ÖVP zu SPÖ in Brüssel ver­hält sich wie 23,85 zu 29,69. Nicht, dass es einen gro­ßen Unterschied machen würde. (Alle Zahlen von der Seite des BMI.)

euergebnis EU Wahlen: die Gegenstrom Analyse

Wahlbeteiligung im Vergleich

Wirft man einen Blick über den Tellerrand namens Staatsgrenze, dann zeigt sich recht schnell, dass .at betei­li­gungs­mä­ßig wider Selbstwahrnehmung durch­wegs im guten Mittelfeld liegt. An die 90,4% Belgier oder den Spitzenreiter Luxemburg mit 91% kom­men wir zwar nicht heran, dafür haben hier­zu­lande aber mehr als dop­pelt so viele Bürgerinnen und Bürgerinnen gewählt als in der Slowakei (19,6%) oder in Litauen (20,5%) — mehr zum gesamt­eu­ro­päi­schen und den ein­zel­nen Listen auf Wikipedia.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 4 Kommentare zu "EU-Wahlen: die Gegenstrom-Analyse" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • web-barrierefrei Identicon Icon

    Jo! Ich war auch nicht wäh­len. Hätt auch gar nicht gewusst wen. Den Swoboda hab ich zufäl­lig beim Donaukanaltreiben getroffen.…mit dem Kaugummi…auf sei­ner Brille. ;-)
    Großartig geschrieben!

    mfg
    Joe

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 10. Juni 2009 um 1:56

    Dankeschön! Das war mir heute wirk­lich ein Bedürfnis.

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  • Blokster.de Identicon Icon

    Dennoch eine sehr geringe Wahl Beteiligung … in den OSt Staaten .. zu gering in mei­nen Augen … denn si kann kein schnitt durch die Meinung des Landes reprä­sen­ta­tiv sein!

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  • Kuddi Identicon Icon

    Hallo Liebe Leute,
    es ist erschre­ckend wie nied­rig die Wahlbeteiligung ist wenn man über­legt wie­viele Milliarden an Steuergelder iner­halb der EU ver­prasst wer­den, kann einem es nicht egal sein wer da gewählt wird, schließ­lich müs­sen wir alle Verantwortung tra­gen oder wer­den wir alle Punker? Geht Wählen und wenn ihr nicht wisst wen dann wählt grün. Denn Grün ist Leben– grün wächst.
    Ohne Grün ist kein Leben denk­bar. Als Symbol der Hoffnung für viele Völker oder auch für ewi­ges Leben, der Auferstehung und Unsterblichkeit. Ein immer grü­ner Baum gilt als Sinnbild ewi­ger unzer­stör­ba­rer Lebenskraft. Die Farbe der Beruhigung und Erholung, als Ausgleich zur gestress­ten Seele.

    Grün ist sich selbst genug, wirkt wohltuend.

    Menschen die grün bevor­zu­gen sind kon­se­quent, zufrie­den, ste­hen zu ihrer Über­zeu­gung. Ein Gefühl der Selbstbehauptung und eine innere Stabilität, daher auch Ruhe und Harmonie.

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