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Blogistan Panoptikum KW27 2009

Erfolgsmeldungen, Premieren, Novitäten allenthalben: das sind Web-Zwei-Nuller gewohnt, euphorische Jubelmeldungen über das 1.000ste Social Network gehören nun Mal zum Alltag des Pro-Bloggers. Aber diesmal gibt’s tatsächlich eine Sensation zu vermelden: Sie lesen gerade das ersten Dualcore-Panoptikum.

Freeconomics oder wie die Kostenlos-Kultur die Corporates in Angst und Schrecken versetzt

Diskurs der Woche war eindeutig die sogenannte „Kostenlos-Kultur im Internet“. Am 2. Juli erschien in den USA Free International Edition: The Past and Future of a Radical Price, das neue Buch von Chris Anderson, Vertreter der „Kostenlos-Kultur“ und auch hierzulande bekannt durch seine „Long Tail“-Theorie. Anderson beschrieb schon im Jänner 2008 wie der Markt als logische Weiterentwicklung der Free Samples als Kaufanreiz nun in der letzten Dekade und mit Hilfe des Web zu einer neuen Verkaufskultur führte, besagter „Kostenlos-Kultur“:

It’s now clear that practically everything Web technology touches starts down the path to gratis, at least as far as we consumers are concerned.
Storage now joins bandwidth (YouTube: free) and processing power (Google: free) in the race to the bottom. Basic economics tells us that in a competitive market, price falls to the marginal cost. There’s never been a more competitive market than the Internet, and every day the marginal cost of digital information comes closer to nothing(…)The Web has become the land of the free..

Weitere Beispiele sind Google (von Gmail bis GOOG-411) oder auch die Spiele-Industrie, die einen Großteil ihres Geschäfts mittlerweile mit Multiplayer Online Games machen. Dass diese Entwicklung nicht nur das Web betrifft, zeigen Bands wie die Nine Inch Nails oder Radiohead, die neue Alben zum kostenlosen Download zur Verfügen stellten.

Die Gegenposition übernahm naturgemäß jemand vom „Dead-Tree-Business“, Malcolm Gladwell von Magazin The New Yorker (ebenfalls dezidiert gegen die Kostenlos-Kultur ausgesprochen hat sich diese Woche übrigens Microsoft-Chef Deutschland, Achim Berg. Zitat:„Die Kostenlos-Kultur im Internet ist bald vorbei“):

(…) then there is his [Anm. Chris Anderson] insistence that the relentless downward pressure on prices represents an iron law of the digital economy. Why is it a law? Free is just another price, and prices are set by individual actors, in accordance with the aggregated particulars of marketplace power.(…) Why are the self-interested motives of powerful companies being elevated to a philosophical principle?

Malcolm Gladwell argumentiert vor allem mit dem Beispiel von Amazon und den „Dallas Morning News“, die ihre Zeitung via Amazons Kindle vertreiben wollten. Der von Amazon vorgeschlagene Share war 70:30 Prozent, letzteres für die Zeitung. Buchautor Seth Godin kommentierte den Konflikt Anderson: Gladwell auf seinem Blog auf seine gewohnt simple Weise: „(…)News belong to all of us.“ Siehe dazu auch den 2008 erschienen Artikel Artikel: Free! Why $0.00 Is the Future of Business im Wired Magazin.

Liebe Zeitungsverleger, wenn ihr das nicht kapiert, dann behaltet doch euer geistiges Eigentum.

Journalismus 1.0

Das Internet hat die Recherche um so vieles vereinfacht – Studenten müssen bloß noch aus der Wikipedia abschreiben, und Journalisten löchern im Zweifelsfall einfach einen Blogger. Ian Bogost hat netterweise ein „Letter of Inquiry Template“ zusammengestellt [via digiom]:

I wonder: instead of doing research myself on the story I am required to write, would you be willing to talk to me by phone for an hour about it? During this time, I would pose a series of basic questions that demonstrate how little thought and time I have given to the topic, not even enough to Google its key terms.

ReadWriteWeb über FB’s neue Privacy Options

Privat. Öffentlich. Öffentlich. Privat. Eine fluide Grenze, im Lauf der Zeit ständig im Wandel begriffen: doch nun gibt es endlich neue Optionen – wenn auch nur auf Facebook, wie ReadWriteWeb geradezu euphorisiert berichtet:

Last week, Facebook announced a move to support a much more sophisticated understanding of privacy that’s more like what real people have in real life. It’s a major shift in how Facebook works.

Woher die ganze Aufregung? Zukünftig wird man Sharen anstatt all seiner Freunde auch wahlweise eine der bekannten Freundeslisten wählen können. Mit anderen Worten: die Sichtbarkeit der eigenen digitalen Ergüsse lässt sich wesentlich granularer einstellen. Das entspräche viel eher dem „richtigen Leben da draußen“, wie Christ Peterson in seinem Thesis Paper schreibt:

We expect our communication to go on in an appropriate context (no drinking in church or praying in the bar) and we expect to understand how our communication will be distributed. If a college friend took photos of you drinking in a bar and showed them off to people in church, you might feel your privacy has been violated in both appropriateness and distribution. The bar is a public place, though, and not completely secret. Thus the need for a more sophisticated understanding of privacy that is more than mere secrecy.

In der Tat ein interessanter Punkt – allerdings bleibt die Frage offen, ob das neue Feature von den Usern angenommen wird: ich persönlich würde niemals wirklich privates Material auf FB posten und mich 100%ig drauf verlassen, dass die Filterung auch tatsächlich funktioniert.

Firefox 3.5 veröffentlicht

In 70 Sprachen wurde das neueste Update des mittlerweile zweithäufigst benutzen Webbrowsers der Welt veröffentlicht, und wenige Tage später zeigen die Download Stats bereits über 12 Millionen Downloads weltweit (und etwa 121.500 Downloads in Österreich). Mashable zeigt schon mal einige Top Features, auf die sich der geneigte Firefox-User freuen darf:

1. TraceMonkey (JavaScriptEngine)
Darüber freue ich mich als Google Docs Benutzerin besonders, da TraceMonkey die Performance von JavaScript Apps wie eben bei Google Docs wesentlich verbessern wird.

2. Location Aware Browsing
Firefox macht deinen aktuellen Standort (natürlich nur mit Erlaubnis:)) ausfindig und richtet seine Seitenempfehlungen danach aus. Und dass die Datenschützer nicht wieder weinen müssen, dafür wurde auch gesorgt.

3. Improved Tab Extravaganza
Das Switchen zwischen Tabs ist das größte Vergnügen jedes Firefox Users und sogar kürzlich geschlossene Tabs konnten wiedereröffnet werden. Diese Funktion wurde erweitert, ebenso wie bei kürzlich geschlossene Fenster – die Ergebnisse reichen um einiges weiter zurück. Davon abgesehen lassen sich Tabs nun leicht in eigenen Fenster verschieben.

Mehr dazu gibt’s bei Mashable.com.

Social Media is not sexy

Gavin Heaton hat einen sehr lesenswerten Beitrag über die Top-Down Transformation durch Social Media veröffentlicht:

Within minutes you can have a blog setup and working, a wiki ready for team collaboration and Google Analytics ready to measure your traffic, goals and conversion rates. And did I mention that ANYONE can make this happen. All you need is a web connection. From the CEO right down the new intern, anyone in your business has access to the tools that can transform the relationships that you have with your stakeholders. That’s right – it is bottom-up transformation.

Doch um diesen Shift erfolgreich zu gestalten, braucht es kleine Schritte – und vor allem persönliches Commitment, meint der Autor:

Framework establishment: Many of your stakeholders will have had some exposure to Web 2.0 tools in their personal lives. You will need to provide frameworks which provide the context within which they can most effectively use them at work.
Informal leadership: Nothing says „move ahead“ like the CEO and leadership team informally adopting the Web 2.0 tools.

Twitterspeak re-defined

Jana plädiert für die Integration der Twitter-Semantik in die gesprochene Sprache:

Gerade das Hashtag ist so praktisch, stellt es das Geschriebene doch gleich unter eine übergeordnete Kategorie, ohne dass man dazu weitere Worte der Erklärung (etwa „Soweit meine jüngsten Erlebnisse aus der Kategorie: Versagen im Alltag“) anbringen müsste. So praktisch, dass man dringend überlegen müsste, wie man das auch im Verbalsprachlichen zum Ausdruck bringen könnte.

In der Tat ändern Medien ständig Stil, Semantik und den „Flow“ unserer Sprache – mich hat der obenstehende Absatz aber sofort an Hip Hop erinnert – „Sonnenbankflavour“ von Bushido etwa ist eine einzige Serie von Hashtags :mrgreen:

Folgefreitag für Blogger, Back to Blogging Week

Manuel ruft zum Follow Friday für Blogs auf – analog zu Twitter sollen die eigenen Favoriten immer wieder Freitags vorgestellt werden:

Jeden Freitag werde ich Blogs vorstellen, die ich für lesenswert und empfehlenswert halte. Wenn andere das ebenfalls tun, gibt es Freitags immer einen Haufen zu entdecken. Wer an der Aktion mitmachen will ist natürlich herzlich eingeladen das obige Logo zu verwenden.

Nette Idee – ab und an werd ich auch mal einen Linktipp beisteuern. Zu diesem Thema passt auch ein aktuelles Posting von Scobleizer, der sein gutes altes WordPress in letzter Zeit sträflichst vernachlässig hat:

Sorry for being gone so long. It’s clear I have spent too much time on social networks. Been hanging out on FriendFeed and Twitter and not blogging.
I’m not the only one, Steve Rubel, famous PR blogger, said he’s giving up his blog for lifestreaming.
Jeremiah Owyang, the other night, told me I was losing myself. Or my thought leadership or something like that. It made me wistful for good old WordPress. So, here I am.
Starting today I won’t use FriendFeed or Twitter until Saturday.

Ritchies Video der Woche

Marlon Torres hat Pacifica mit seiner Canon 5D MKII aufgenommen – ich finde es faszinierend, wie rasend schnell das relativ neue Feature des HD-Recordings mit Spiegelreflex-Kameras die Online-Video Ästhetik verändert und kann mir kaum vorstellen, dass in drei Jahren noch irgendjemand mit Videokamera und SLR unterwegs ist:

Foto der Woche

Vipassana Meditation nennt H.Koppdelaney seine beeindruckende Aufnahme des Rinpoche bei der „Arbeit“:

rinpoche

Und damit sind wir auch schon am Ende des ersten Dualcore-Panoptikums angelangt – weiter geht’s nächsten Sonntag: bleiben Sie uns gewogen, danke für Ihre Whuffies, und: bis morgen im Social Web!

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