spirograph halfpipe

Blogistan Panoptikum KW30 2009

Willkommen beim Wochenrückblick von Linzerschnitte und datadirt. Keine Rede von Sommerloch: die Österreich-Werbung schickt Axel quer durchs die Alpen, Kulturkritiker schreien nach Dissidenten und Raver heiraten anders – das und noch vieles mehr im aktuellen Panoptikum.

Dissidenten nutzen Twitter nicht

ritchie aka datadirt Nicht jeder Kulturbeobachter fällt in den begeisterten Chor der New Media Evangelisten ein – in der Tat liegt das Heil der Menschheit ohne Zweifel nicht in 140-Zeichen Messages verborgen, dafür verschärfe Social Media kapitalistische Dichotomien:

Die Massen bekommen Macht, aber Konzerne werden noch viel mächtiger: Für den Kulturkritiker und Computerprogrammierer David Golumbia stecken hinter den Neuen Medien die alten Kräfte.

Dieses Zitat stammt aus einem aktuellen Gespräch, das Johannes Boie für die Süddeutsche mit David Golumbia führte. Der versucht den Twitter-Hype mit gesundem Realismus entgegen zu treten:

Das ist sehr westlich und kapitalistisch gedacht, wenn man behauptet, dass Twitter eine grundlegende Rolle bei den Protesten gespielt habe. Wenn man die gesamte Kommunikation betrachtet, die zu den Protesten in Iran beigetragen hat, tendiert Twitters Beitrag eher gegen null.

Siehe dazu auch den Begriff “Slacktivism” im folgenden Beitrag – einen Gleichgesinnten findet Golumbia übrigens im österreichischen Internet-Rechtler Mayer-Schönberger, der kürzlich der Tageszeitung derStandard Rede und Antwort stand und mehr Dissidententum forderte:

Der Internetrecht-Experte Viktor Mayer-Schönberger glaubt, dass “Übervernetzung” durch Facebook & Co zu einem Meinungseinheitsbrei führt. Mayer-Schönberger fordert mehr Freiräume.

Die Argumentation im recht kurzen Text ist einigermaßen skurril – von den Nachteilen des Peer-Review Systems auf die schädigende Wirkung von Facebook-Updates zu schließen, scheint zumindest mir dann doch etwas weit hergeholt:

Wir drohen in vielen Bereich übervernetzt zu werden, uns fehlen die Freiräume, völlig Neues zu denken und anzugehen. Anstatt tausenden anderen auf Facebook mitzuteilen, was wir gerade machen, sollten wir wieder mehr auf unsere individuelle Kreativität setzen.

No-Bullshit Bingo Update

Judith aka Linzerschnitte Nochmal SZ: Neue Schlagworte braucht das Land! Feuilletonist Adrian Kreye hat den TED Kick-Off besucht und einige neue Schlagworte aufgeschnappt, die man sich wird merken müssen:

Slacktivism – sich für eine Sache mit ein paar Klicks online zu engagieren. Bestes Beispiel sei die “Save the Children of Africa”-Aktionsgruppe auf Facebook. Eine Million Mitglieder, die bisher rund fünftausend Dollar Spenden aufbrachten.

Spinternet – wenn Regierungen und Regimes die Beschleunigungskraft des Internets nutzen, um Nachrichten und Gerüchte so zu beeinflussen, dass sie die offizielle Linie unterstützen.

Singularity – der Zeitpunkt, an dem künstliche Intelligenz dem menschlichen Denken überlegen ist. Soll angeblich schon 2020 sein. Ray Kurzweil hat sich da ziemlich rein gearbeitet. Tauchte im Partygespräch zwischen der Hirnforscherin und dem Mozilla-Linguisten als Treppenwitz auf.

Bei dieser Gelegenheit sei gleich nochmal an die geplante TEDx Vienna erinnert – ob im Herbst wirklich was draus wird, scheint aber fragwürdig: zumindest das zugehörige Twitter-Profil @TEDXVienna ist seit 16. Juni im Sommerurlaub.

Facebook-News: Bill Gates “überfreundet, Frauen stellen sich dar

Judith aka Linzerschnitte ritchie aka datadirt Bill Gates hat sich von Facebook zurück gezogen – die offenen Freundschaftsanfragen wuchsen dem Microsoft-Gründer über den Kopf bzw. das Namensgedächtnis:

Bill Gates confessed at an event in New Delhi today that he gave up on Facebook because he couldn’t keep up with the friend requests. Gates remarked that there were “10,000 people wanting to be my friends” after he tried out the service, and it was time consuming to decide if he “knew this person, did I not know this person”.

Siehe dazu auch dieses großartige Mock-Up von Mashable. Da wird Bill in Zukunft eines verpassen: denn laut AddtoAny hat ist Facebook mittlerweile populärer beim Content-Sharing als die gute alte E-Mail:

According to AddToAny, Facebook now dominates sharing, with 24 percent of shares from the widget consisting of users posting items to the social network. That handily beats out email (11.1 percent) and Twitter (Twitter) (10.8 percent), making the world’s most popular social network also the most popular service for sharing content.

Dieses Chart von Business Insider zeigt Facebooks Vorsprung sehr deutlich.

Eine aktuelle Studie, auf die ich beim Wortgefecht gestoßen bin, unterstellt übrigens Männlein und Weiblein ein vollkommen unterschiedliches FB-Applikations-Nutzungsverhalten:

Facebook und seine zahlreichen Applikationen werden von Frauen und Männern völlig unterschiedlich genutzt. Die Popularität einer Facebook-Anwendung hängt in erster Linie davon ab, von welchem Geschlecht sie vorwiegend eingesetzt und ob sie weithin als “cool” eingestuft wird. Zu diesem Schluss kommen die Forscher Rebekka Russell-Bennet und Larry Neale von der Queensland University of Technology in Australien. […] Laut Russell-Bennett wollen Frauen vor allem Applikationen, über die sie sich selbst irgendwie darstellen oder ausdrücken können. Männer hingegen würden in erster Linie die Herausforderung eines «sozialen Wettbewerbs» suchen. Facebook-Nutzer wollten demnach Applikationen besitzen und teilen, die ihren Status innerhalb des Freundesnetzwerks aufwerten. Für Frauen gehe es dabei um Selbstdarstellung, für Männer darum, wer der Beste sei.

Adobe open-sourced Teile von Flash

Judith aka Linzerschnitte Adobe stellt mehrere Flash-Komponenten unter die Open Source Lizenz. Im Detail geht es dabei um Technologie, die aufwändige typographische Gestaltungen von Websites ermöglichen, wie TechCrunch berichtet:

Adobe has rolled out two new open source initiatives aimed specifically towards developers for media companies and publishers. Adobe’s Open Source Media Framework lets developers build more robust, feature-rich media players optimized specifically for the Adobe Flash Platform. The second initiative, the Text Layout Framework (TLF), will help developers create sophisticated typography capabilities to Web applications.

Wer engagiert sich im Social Web?

ritchie aka datadirt Charline Li von der Altimeter Group hat eine quantitative Ranking-Studie durchgeführt, die klären soll, welcher Ring, äh Brand, sie alle online knechten und ins Dunkel treiben sich am meisten im Social Web engagiert. Die komplette Studie gibt’s auf TechCrunch, auf Platz 1 landeten wenig überraschend die Kaffeesieder von Starbucks, deren überrösteten Bitterstoff-Schluder (ich sage: Analog-Kaffee) man als gelernter Wiener natürlich links liegen lässt. Hier die Top Ten mit den jeweiligen Punktezahlen:

1. Starbucks (127)
2. Dell (123)
3. eBay (115)
4. Google (105)
5. Microsoft (103)
6. Thomson Reuters (101)
7. Nike (100)
8. Amazon (88)
9. SAP (86)
10. Tie – Yahoo!/Intel (85)

Diese Nachricht zerstört sich selbst

ritchie aka datadirt Informationen nachträglich zu löschen kann ganz schön mühsam bis unmöglich werden – ein neues Tools namens Vanish geht den umgekehrten Weg und postet alle Inhalte verschlüsselt. Der Key hat eine eingebaute Ablaufdauer:

Perhaps the most amazing thing about Vanish is that it’s capable of erasing messages posted practically anywhere on the web. For example, the system is able to erase messages from any web-based email system like Gmail, Hotmail, or Yahoo, instant messaging chats, or even social networking sites like MySpace or Facebook.
To accomplish this, the messages sent with Vanish are encrypted with a secret key, never revealed to the end user. The key is then divided into dozens of pieces and sent out over peer-to-peer (P2P) networks – the same ones where music and movie files are traded every day. Because file-sharing systems are in a state of constant change, the various key parts eventually become inaccessible. Once enough of them are lost, the message can no longer be decrypted and read.

Wem also selbst E-Mail Verschlüsselung mit GnuPGP nicht ausreicht, der wird seine helle Freude an Varnish haben. Aber bloß nicht nachher jammern: weg ist weg!

PayPal macht auf

ritchie aka datadirt Der Internet-Zahlungsprovider Nummer eins ist zwar am längsten im Business, kam in letzter Zeit durch die Konkurrenz aber ganz schön unter Beschuss. Nun läutet PayPalX die nächste Stufe des Online-Bezahlens ein:

However, Paypal is taking a swing back at the competition today, revealing PayPal X and Adaptive Payments, a new initiative that allow third party developers to utilize PayPal in completely new ways. Prepare yourself for split payments, payment aggregation, and PayPal on other websites.

Die steigende Nachfrage nach Micro-Payment Lösungen spielt PayPal natürlich in die Hände – unter anderem werden zukünftig beispielsweise User-tot-User Geldtransfers auf Drittanbieter Seiten möglich sein.

Blogger-Contest: Axel bewandert Austria

ritchie aka datadirt Christian Lendl, Co-Autor beim Austria-Tourism-Guide, hat mich auf eine widget-basierte Werbeaktion (was für Alliteration!) für Urlaub in Österreich aufmerksam gemacht: Axel Halbhuber durchwandert nämlich gerade gemeinsam mit Hund Niko/Poldi ganz Österreich – aber da die Route nicht von Energydrink Herstellern geplant wurde, halten sich die unerträglichen körperlichen Strapazen in engen Grenzen:

Axel wandert von Bregenz nach Wien und bloggt über die Erlebnisse, die man am Berg eben hat: Menschen, die man trifft. Gedanken, die einem einschießen. Blicke, die ins Aug springen. Die Route orientiert sich am Weitwanderweg 01. Die Wanderung ist alpin bis hochalpin, führt selten auch durchs Tal.

Seit 24 Tagen ist Axel unterwegs – wanderbegeisterte Blog-Leser finden Foto-Perlen und äußerst unterhaltsam geschriebene Beiträge. Wer dadurch selbst auf den Geschmack kommt, sollte am Blogger-Contenst teilnehmen:

Für alle Blogger gibt es im Zuge von Axels Wanderung einen Contest. Wer das Widget auf seinem Blog einbindet und damit die meisten User auf Axels Blog bringt, eine Wanderwoche in Gosau samt Übernachtung im Top-Hotel.

Wer möchte, kann Axel übrigens auch ein Stück des Weges begleiten. Gelungene Online-Kampagne, finde ich.

Foto der Woche

Spirograph III von Ben Matthews nutzt eine Halfpipe als Leinwand und Farbe als Licht – beeindruckend:

spirograph halfpipe

Ritchies Video der Woche

Hätte das Filmteam seinerzeit beim Dreh von “Angriff der Killerameisen” seinerzeit derartige Makros zur Verfügung gehabt, dann wäre der Film wohl um einiges grusliger geworden. Jörg Brönnimann lässt in “Ant-Views” seinen insektoiden Hauptdarsteller durch die Canon Mark II Makrowelt spazieren:

Judiths Video der Woche

Hochzeiten sind Königsdisziplin in der Kategorie der Familienfeiern. Noch mehr Verwandte, noch mehr Essen, noch mehr Zeitaufwand und noch mehr Langeweile. Aber es geht auch anders, wie dieses Video der Woche zeigt:

Und damit sind wir auch schon wieder am Ende des Rückblicks – oder, wie manche sagen, in der Gegenwart – angelangt. Wir wünschen herausragende letzte Sonntagsminuten und einen dialogischen Start in die neue Web 2.0 – Woche. Danke für Ihre Whuffies, wir lesen uns am Montag.

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7 comments
Fabian
Fabian

Stimmt, das wäre auch der Grund, warum ich das Ding nicht verwenden würde...

Matti
Matti

Vanish hört sich ja interessant an aber was hält den Empfänger davon ab sich den Text zu kopieren und als klartext zu speichern? Oder er macht einfach einen Screenshot davon. Da kann man sich nie sicher sein daß der Text auch irgendwann wirklich weg ist. Also im endeffekt ziemlich nutzlos...

linzerschnitte
linzerschnitte

Ritchie, wenn ich mir dein Video der Woche so ansehe, bekomm ich ein schlechtest Gewissen, dass ich heute zwei Ameisenfalle aufgestellt habe...

Thomas
Thomas

Den 100%igen Schutz gibt es nie. Wenn ich was veröffentliche, kann es immer geklaut und kopiert werden... Wenn ich das verhindern will, darf ich nichts publizieren.

ritchie
ritchie

Guter Punkt... copy-paste kann man damit garantiert nicht verhindern... würd mich auch davon abhalten, das Ding zu verwenden.

ritchie
ritchie

Ja, wenn man näher hinschaut, sind die lieben kleinen ja ganz putzig :mrgreen:

Ritchie Blogfried Pettauer
Ritchie Blogfried Pettauer

Ja klar, was man zugänglich macht, kann kopiert werden. Wir leben halt in der read-write-Gesellschaft.

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