Schon wie­der Sonntag, aber das letzte Wort der Woche fehlt noch, aber keine Sorge: durch Medien-Kunstausstellungen zu mäan­dern hält nie­man­den vom Rückblicken ab, ganz im Gegenteil: zumal doch in der ver­gan­ge­nen Woche sich Unvorstellbares zutrug — und wir spre­chen hier nicht von Dominiks neuer Aufgabe als Seitenblicke-Spielertrainer. Und diese Woche gilt: only bad news are good news! Gmail war down, das Internet gehört Google, eBook Reader sind viel zu teuer, SEO ist tot und WordPress-Installationen wer­den gehackt: sozu­sa­gen eine Traum-Woche für den Katastrophenjournalisten in uns. Wie immer begrü­ßen Sie Linzerschnitte und daten­schmutz herz­lichst zum Höllenritt durch sie­ben Tage Blogosphärenwahnsinn — die­ses Panoptikum ist für Leser aller Altersstufen teil­weise unbedenklich.

Liebes Internet, Gratulation zum 40er!

ritchie aka datadirt Unser Lieblings-Netzwerk wurde vier­zig — vor vier Dekaden began­nen Len Kleinrock und sein Team am UCLA mit den ers­ten Tests für ein Kommunikationsnetzwerk, das ver­schie­dene Universität ver­bin­den soll­ten und einen freien Informationsaustausch ermög­li­chen. Uneingeschränkte Partylaune will sich bei der New York Times den­noch nicht einstellen:

There’s still ple­nty of room for inno­va­tion today, yet the open­ness fos­te­ring it may be ero­ding. While the Internet is more widely avail­able and fas­ter than ever, arti­fi­cial bar­ri­ers threa­ten to con­strict its growth.
Call it a mid-life crisis.

Der Standard, Copycat Nr. 1 unter den öster­rei­chi­schen “Qualitätszeitungen”, wür­digt das Jubiläum mit einer wür­di­gen Über­set­zung und gibt lus­ti­ger­weise als Quelle AP/APA an:

Für Innovationen ist zwar sicher immer noch genug Raum da, aber die Offenheit scheint doch zu schwin­den. Vielleicht erlebt das Internet ja gerade so etwas wie seine Midlife-Crisis.

Vielleicht erlebt ja der Printjournalismus gerade seine End-of-Life Krise?

Ein biss­chen Twitter–

ritchie aka datadirt Kevin Marks’ How Twitter works in theory gehört wohl zu den meist-zitierten Artikeln der Woche — bis 2007 war der Autor Head Engineer bei Technorati (und seit er für BT arbei­tet, ist offen­sicht­lich nie­mand mehr in der Lage, den Spider zum Arbeiten zu bewe­gen). Der gelernte Kommunikationswissenschaftler würde ein paar Schlagwörter samt rudi­men­tä­rer Erklärung ver­mut­lich nicht unbe­dingt als genuine Theorie des Micro-Blogging durch­ge­hen las­sen, aber lesens­wert sind Kevins Ideen allemal:

At its heart Twitter is a flow — it doesn’t pre­sent an unread count of mes­sa­ges, just a list of recent ones, so you don’t have email’s inbox pro­blem — the imp­li­cit pres­sure to turn bold things plain and get that unread num­ber down. Instead, you can dip in and out of it, when you have time, and what you see is notes from people you care about.

Die Gmail Misere

ritchie aka datadirt Okay, ich geb’s zu: der rund 100 Minuten dau­ernde Gmail-Ausfall von letz­ter Woche ist mir nicht ein­mal auf­ge­fal­len, aller­dings nutze ich Googles Kommunikationsservice auch ledig­lich auf mei­nen Homepages als rela­tiv spam-resistente öffent­li­che Kontaktadresse und Durchgangsstation zu mei­nem “rich­ti­gen” Mailserver. Geschuldet war der eher unge­wöhn­li­che Ausfalle laut Gmail Blog über­for­der­ten Routern:

At about 12:30 pm Pacific a few of the request rou­ters became over­loa­ded and in effect told the rest of the sys­tem “stop sen­ding us traf­fic, we’re too slow!”. This trans­fer­red the load onto the remai­ning request rou­ters, cau­sing a few more of them to also become over­loa­ded, and wit­hin minu­tes nearly all of the request rou­ters were over­loa­ded. As a result, people couldn’t access Gmail via the web inter­face because their requests couldn’t be rou­ted to a Gmail ser­ver. IMAP/POP access and mail pro­ces­sing con­ti­nued to work nor­mally because these requests don’t use the same routers.

Dieses Szenario wird sich laut Google nicht mehr wie­der­ho­len, ver­an­lasste aber Joe Kissell auf Macworld.com zu einem Lob des Desktop-E-Mail Clients. Grundsätzlich teile ich ja Joes Meinung, aber die­ses Argument bestä­tigt durch­aus tot­ge­glaubte Vorurteile gegen­über Mac-Usern:

I’ll still take a desk­top e-mail cli­ent (such as Apple Mail, Microsoft Entourage, or Mozilla Thunderbird) any day. Why? Well, there is the issue of outa­ges like the one Gmail expe­ri­en­ced this week. I like to be able to access my e-mail whe­ne­ver I want.

Man fühlt sich ver­sucht, ins Kontaktformular zu schrei­ben: “It’s in the ser­ver, st00pid!” Im Zeitalter des mobi­len E-Mail Zugangs macht Pop3 ein­fach kei­nen Sinn mehr — und wenn die Gegenstelle, spricht der Mailserver, nicht mehr will, dann hilft auch der beste lokale Client nicht wei­ter… aber meist ist bloß ein biss­chen Geduld gefragt, also nicht gleich aus­frea­ken, wenn mal ein paar Minuten nix geht, meint JK:

I heard all kinds of com­plaints when Gmail went down. People say­ing that email ser­vice X would never go down like that. Or others say­ing that Google OWED us to keep Gmail up and run­ning. Give me a break, stuff hap­pens. When I was in the cor­po­rate world it was oh, so com­mon to hear employees at some large com­pany or ano­ther wan­de­ring down the halls clai­ming that “email is down again.” And this is the fancy cor­po­rate Exchange Server that only has to keep their own employees working. Stuff happens.

eBook Reader noch immer viel zu teuer

Judith aka Linzerschnitte 199$ klin­gen nicht gerade nach Luxusgegenstand – so viel kos­tet Sonys neuer eBook Reader bei Amazon.us. Aber das ist den meis­ten poten­ti­ell digi­ta­len Leseratten immer noch viel zu teuer, wie eine aktu­elle Studie von Forrester Research belegt:

Even among fre­quent rea­ders with a hou­se­hold income above $75,000, cur­rent pri­ces put e-book devices firmly in the expen­sive luxury cate­gory. Forrester’s sur­vey of 4,700 online con­su­mers in the U.S. found aver­age con­su­mers believe the value of e-book rea­ders to be bet­ween $50 and $99, well below the chea­pest rea­der on the mar­ket today. Only 14 per­cent of con­su­mers said that pri­ces of $199 or hig­her fall even wit­hin the “It’s expen­sive but I might con­sider it” range, accor­ding to Forrester.

Da liegt der Gedanke an die Preisstützung beim Handy natür­lich nahe: wenn digi­tale Inhalte über Abos ver­trie­ben wer­den sol­len, dann brau­chen die Lesegeräte aller­dings min­des­tens WiFi, wenn nicht gar UMTS oder zumin­dest EDGE — die meis­ten der­zeit ver­füg­ba­ren Reader las­sen sich aller­dings bloß per USB-Kabel mit Lesestoff füt­tern. Wird wohl doch noch ein paar Wochen dau­ern, bis die Mediaprint– völ­lig arbeits­los wird.

All your inter­nets are belong to Google

ritchie aka datadirt John Andrews trifft wie immer den Nagel auf den Kopf, wenn er die Markt-Dominanz von Big in G in einem aktu­el­len Posting thematisiert:

Eric Schmidt, the guy who thinks Wikipedia is the grea­test gift to man­kind ever crea­ted by man, has web publis­hers (and domain owners) in his cross hairs. If Google suc­ceeds, no one needs a domain name and no one needs to create a brand. They just need to sub­mit to Google, and then, per­haps if Google has not com­ple­tely satis­fied the users with “the ans­wer”, pro­vide a way to be con­ta­c­ted or a ser­ver IP for a web site for fur­ther rea­ding (per­haps through the Google Profile conduit).

Diese tech­no­lo­gi­sche Total-Abhängigkeit zeich­net sich schon längst am Horizont ab — das Beispiel China zeigt, wie per­fekt sich Suchtechnologie und Kontrollbedürfnis ver­ein­ba­ren las­sen. Google gestal­tet unsere Vorstellung vom Netz, das schlichte Eingabefeld wurde zu unse­rem Haupt-Interface bei der Informationserschließung — schon jetzt bestimmt ein ein­zel­ner Gatekeeper über Quellenrelevanz. Was John zu sei­nem Posting ver­an­lasst hat, war die­ses Zitat von Eric Schmidts über die Zukunft sei­ner Suchmaschine auf TechCrunch:

So I don’t know how to cha­rac­te­rize the next 10 years except to say that we’ll get to the point — the long-term goal is to be able to give you one ans­wer, which is exactly the right ans­wer over time… what I’d like to do is to get to the point where we could read his site [the defi­ni­tive aut­ho­rity on a par­ti­cu­lar sear­ched query] and then sum­ma­rize what it says, and ans­wer the question.

Mit ande­ren Worten: Eric will das Web abschaf­fen und alle öffent­li­chen Webseiten die­ser Welt zu Zulieferern degra­die­ren. Schöne Aussichten… das wär’s dann mit dem Thema “Meinungsvielfalt”, wenn man bedenkt, dass schon jetzt 90% aller Suchen über einen ein­zige Anbieter laufen.

SEO, wech­sel dich!

ritchie aka datadirt Jeremy hat völ­lig Recht: wer als SEO seine Arbeit nicht klar recht­fer­ti­gen kann, hat bald kei­nen Job mehr. Die Aura des Mysteriösen ist ver­flo­gen, gutes Linkbuilding ist ebenso müh­sam wie teuer, und mit sim­plen Tricks kommt man nicht mehr weit — was die Arbeit auch unglaub­lich öde macht, denn schlecht posi­tio­niert sind nur noch Seiten mit gra­vie­ren­den tech­ni­schen Fehlern oder gra­vie­ren­dem Fehlverständnis für den Keyword-Longtail:

SEO Agencies pro­vi­ding cli­ent work are a dying breed. Especially when any mon­key can have word­press or any other CMS sys­tem up and run­ning in 5 minu­tes and totally SEO’d as much as nee­ded.
Noticed a trend it what domi­na­tes most search results lately? Wikipedia and word­press blogs. How many SEO’s do you think they hired ? =P

Tja, waren ein paar lus­tige Jahre, und es kann nicht scha­den, zu wis­sen, wie man eige­nen und Kundenseiten das gewisse Extra an SM-Traffic ver­schafft… aber warum man sei­nen Berufsalltag frei­wil­lig mit Linkbuilding ver­brin­gen wol­len sollte, ist mir ein Rätsel :mrgreen:

HTML 5 kommt im Laufschritt

ritchie aka datadirt Runde Ecken via CSS? Zukünftig alles kein Problem mehr… oder doch? Die Versionsumstellung bringt nicht nur mehr Programmier-Komfort, son­dern auch einige gra­vie­rende Neuerungen, die David Eisenberg auf A List apart über­sicht­lich inklu­sive wei­ter­füh­ren­der Links zusam­men­fasst. Trial und Error bleibt ambi­tio­nier­ten Webdesignern natür­lich nicht erspart:

By doing this, you’ll find out what works and what doesn’t. For example, I dis­co­vered that, as of this wri­t­ing, Firefox 3.5 tre­ats ele­ments like arti­cle and sec­tion as display:inline, and I had to exp­li­citly set them to display:block to make them work as expected.

Eine der wohl wich­tigs­ten Ände­run­gen sind die neuen Strukturierungselement: wäh­rend man bis­her mit ver­schie­de­nen div-KLassen arbei­tete, bringt HTML5 diverse dezi­dierte Block-Elemente wie “nav” (für die Navigation), “foo­ter” und “arti­cle” mit, die Lachlan Hunt in die­sem Beitrag im Detail beschreibt. Interpretiert wird der neue Mark-Up Standard der­zeit von Chrome, Firefox 3.5, Opera und Safari — Microsofts IE übt sich bis­lang in vor­neh­mer Zurückhaltung, was die Verbreitung wohl ein wenig brem­sen dürfte.

Wie man WordPress sichert

Judith aka Linzerschnitte Unliebsame Eindringlinge gibt’s nicht nur im rich­ti­gen Leben: auch vir­tu­ell muss­ten sich in den letz­ten Woche und Monaten einige Blog-Betreiber über unge­be­tene Gäste ärgern — die Ursachenforschung ergibt in 99% der Fälle hoch­gra­dig mono­kau­sa­les Verschulden: denn sobald ein sicher­heits­kri­ti­sches WordPress-Update auf­taucht, sollte die­ses so zeit­nah wie mög­lich instal­liert wer­den: ist eine Sicherheitslücke erst ein­mal bekannt, dau­ert es in der Regel nicht lange, bis sie nach Strich und Faden aus­ge­nützt wird. Das WordPress Blog rät auf­grund eines aktu­ell gras­sie­ren­den Wurms nach­drück­lich von Laissez-Faire Taktiken ab:

A stitch in time saves nine. Upgrading is a known quan­tity of work, and one that the WordPress com­mu­nity has tried its darn­dest to make as easy as pos­si­ble with one-click upgrades. Fixing a hacked blog, on the other hand, is quite hard. Upgrading is taking your vit­amins; fixing a hack is open heart sur­gery. (This is true of cost, as well.) […] The only thing that I can pro­mise will keep your blog secure today and in the future is upgrading.

Dem kann man nur zustim­men — es gibt zwar diverse Security-Plugins, aber Vorsicht ist bes­ser als Nachsicht: also lie­ber nicht sla­cken und sofort den ftp-Client oder die auto­ma­ti­sche Update-Funktion anwer­fen, denn Vorsicht ist in die­sem Fall defi­ni­tiv bes­ser als Nachsicht. [via ma.tt]

Foto der Woche

Bei die­sem hüb­schen Kerlchen han­delt es sich um einen blauen Pfeilgiftfrosch, den Tambako im Züricher Zoo mit sei­ner 105er Makrolinse zu einer Modelling-Session über­re­den konnte. Ich glaub, ich muss dem­nächst mal nach Zürich. Und: ob blau, ob grün: Frösche sind ein­fach ver­dammt foto­gen! Vielleicht sollte ich diese Rubrik in “Froschfoto der Woche” umbenennen.

Frosch der Woche

Ritchies

Walter5.15 pro­du­zierte, führt Regie und schnitt die­sen Kurzfilm — gedreht wurde im National Black Theatre in Harlem, das gesamte Set hat das Team selbst gebas­telt: visu­ell ziem­lich nett, viel­leicht ein biss­chen län­ger als nötig — aber ins­ge­samt sehr stimmig:

Judiths Video der Woche: Bacon is good for me!

Schön, wenn es einem so gut geht, dass man sich über Ernährung Gedanken machen kann. Manche von uns wer­den von der Kinesiologin ihres Vertrauens auf eine Beinahe-nur-Wasser-Diät gesetzt, andere las­sen sich auf TCM ein und beschäf­ti­gen sich seit­dem mit den wun­der­li­chen Welten küh­len­den und hit­ze­brin­gen­den Nahrungsmittel — die meis­ten von uns haben lange genug an ihrer Frustrationstoleranz gear­bei­tet um die Freuden ver­zö­ger­ter bzw. “nach­hal­tige” Gratifikation zu schät­zen. Doch manch rebel­li­scher Jungspund steht noch für seine Ideale (Speck!) ein und lässt sich von nichts und nie­man­dem etwas sagen, schon gar nicht, solange er schnel­ler als die Ernährungberaterin auf ihren “little high heels” ist.

Lesetipps der Woche

  • Marketeers haben wenig Zeit, daher erfreuen sich Listen gro­ßer Beliebheit. Ohne wei­tere Verzögerung daher: 32 Ways to Use Facebook for Business.
  • hehe, tomor­row I’m going to bed at night, cos I’m tired and I will sleep well. Lol.” Theoretisch müsste die­ser Tweet unzäh­lige Male ret­wee­tet wer­den. Dan Zarella hat sich ange­se­hen, wel­che Keywords am häu­figs­ten in Retweets vor­kom­men — und das Ergebnis ist… erstaun­lich :) How to increase Retweets on your Tweets

Das waren unsere letz­ten sie­ben Tage im Schnelldurchlauf — wir dan­ken für Ihre Whuffies (so nennt Tara Hunt die Währung der Aufmerksamkeit), blei­ben Sie uns gewo­gen und schauen Sie nächste Woche wie­der rein, wenn es heißt: “Artisten, Tiere, Attraktionen: alles vir­tu­ell”. Wir wün­schen einen schö­nen Restsonntag und poken uns mor­gen im Social Web.

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