Blogistan Panoptikum KW37 2009

Diese Woche änderte Twitter die Nutzungsbedingungen, was für reichlich Diskussion in Micro-Blogosphäre und Blogosphäre sorgte. Noch immer ist unklar, wie genau das Business-Modell funktionieren soll, aber momentan scheint Werbefinanzierung durchaus wahrscheinlicher als die Einführung von Pro-Accounts. Ebenfalls überraschend, wenn auch nur für mich persönlich: am Samstag hat Facebook meine Account gesperrt – meines Wissens nach grundlos, aber ich versuche gerade, der Sache nachzugehen. Besonders unangenehm dabei: derzeit habe ich keinen Zugriff auf den Ad-Manager, mit dem ich meine laufenden Kampagnen verwalte und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Vorgehensweise rechtlich zulässig ist – aber ich werde die p.t. Leserschaft natürlich über meinen “Präzedenzfall” am laufenden halten. Aber weil ich ohne FB am Wochenende plötzlich so viel Zeit hatte, konnte ich endlich wieder mal ausgiebig neue WordPress-Plugins testen. In letzter Zeit erschienen einige geniale Erweiterungen, Details dazu in Kürze in einem eigenen Beitrag. Und: am Montag gibt’s ein neues Gewinnspiel (Stichwort: Albertina) und am Dienstag das Guy Kawasaki Interview in voller Länger. Aber nun genug vorausgeschaut, Linzerschnitte und datadirt blicken wieder drei Tage zurück.

Wann ist ein Business-Model Betrug?

ritchie aka datadirt Shoemoney, wie gewohnt scharfer Beobachter von IRL-Marketing-Strategien, hat eine interessante Anekdote vom Jahrmarkt zu erzählen:

Last Sunday I went to the Nebraska State Fair with my wife and 2 girls. While walking around I came across a interesting “booth”. Had a great eye catching headline of “Are You Going To Heaven?” with a nice red FREE sticker on the side. After eavesdropping on a couple people while waiting for my wife (and 2 daughters) to return from the bathroom, the gig is this. He asks you 2 questions. 1) What is your deepest darkest sin? and 2) Do you accept Jesus Christ as your savior? After you answer those questions he tells you for $50.00 he will tell you if you will go to heaven or not if you passed away right now.

Ausgehend von diesem ausgesprochen paranormalen Service stellt er die Frage, wann ein Business-Modell denn eigentlich Betrug sei – und stellt als Gedankenexperiment einen wirklich bösen Service für werdende Eltern vor. Erinnert mich irgendwie an Clifford Stoll’s Silicon Snake Oil: Second Thoughts on the Information Highway.

Facebook führt das “@” zum Taggen ein

Judith aka Linzerschnitte Unsere Freunde von Facebook wurden ihrem Ruf als Copycat und Möchtegern-Twitter-Double diese Woche wieder gerecht. Seit dieser Woche nämlich hat das “@” aka “ät” aka “Klammeraffe” aka “diese komische Spirale da” Einzug gehalten in die Wallpost und Status Updates des Unsocial Networks. Wie bei Twitter auch kann mit dem “@” ein Freund getagged werden, der Name verlinkt mit dem jeweiligen Profil. Neben Freunde können auch Events und Gruppen verlinkt werden.

As you type the name of what you would like to reference, a drop-down menu will appear that allows you to choose from your list of friends and other connections, including groups, events, applications and Pages. Soon, you’ll be able to tag friends from applications as well.

Der wesentliche Unterschied zu Twitter: das @ verschwindet mit der Veröffentlichung des Updates bzw. Posts, Details kennt das offiziell Facebook Blog.

Die Top Mobile Media Experten

ritchie aka datadirt GigaOm stellt die Top 15 Social Media Influencers vor:

Hundreds of startups, giants like Nokia and Motorola and disruptors such as Apple and Google are all positioning themselves for what is going to be a bonanza as big as the wired Internet. Below are GigaOM editors’ top 15 most influential people in the Mobile Internet; together they make up the inaugural Mobilize 15 Influencers, a list that is going to be published annually in tandem with our Mobilize conference.

Und weil wir bekanntlich im Social Web unterwegs sind, dürfen die Besucher über die Reihenfolge abstimmen. Europäer ist auf der Liste übrigens keiner vertreten – dabei tut sich auch hierzulande einiges, Stichwort: Mobile Camp. Dieses von A1 finanzierte Barcamp findet am 26./27. September im Rahmen der A1 Innovation Days bei der Telekom (Lassallestraße 9, 1020 Wien) statt – bisher haben sich bereits über 130 Teilnehmer angemeldet. Wird sicherlich sehr spannend. Ein Besuch geht sich bei mir aber leider nicht aus da ich zur gleichen Zeit beim von mir mit gesponserten Almcamp im Maltatal sein werde.

Micro-Blogging vor 100 Jahren

ritchie aka datadirt So modern ist Twitter auch wieder nicht – meint die englische Daily Mail. Bereits vor 100 Jahren benutzte man Postkarten, um sich kurze tagesaktuelle Meldungen zukommen zu lassen:

Fans of Twitter and Facebook may believe they are pioneers in the world of social networking. But 100 years before micro-blogging and status updates, Edwardian Britain was using the humble postcard for just the same purpose. [...] Researchers have calculated that almost six billion postcards – an average of 200 per person – were posted in Britain over a nine-year period from 1901 and 1910. Since post was delivered up to 10 times a day in major cities, the medium allowed users to write and respond quickly and cheaply.

Schau an, schau an – ganz ohne Steampunk wurde also schon damals mit großem Genuss über alle möglichen Belanglosigkeiten geredet. Smileys dürften allerdings noch nicht en vogue gewesen sein…

Twitter macht dumm

Judith aka Linzerschnitte Wer kurzfristige Beachtung möchte, muss einfach nur was Dummes tun. Das haben die Terroristen und Amokläufer dieser Welt dank der hervorragenden Mitarbeit des Erfüllungsgehilfen Massenmedium bereits mehrfach bewiesen. Wer für Gewalttätigkeit zu gut erzogen ist, der erreicht einen ähnlichen und nachhaltigeren Effekt auch meist mit etwas Kulturpessimismus. Bester Beweis diese Woche: Dr. Stacy Alloway!

Wer viel Zeit mit sozialen Netzwerken wie Facebook verbringt, verbessert ein Schlüsselelement zur Intelligenz, die für Erfolg in unserem Leben sorgt.(…) Twitter soll den gegenteiligen Effekt haben.

Genau. Und Computerspiele generieren Massenmörder.

Papierverlagspaniken

ritchie aka datadirt Heulen und Zähneknirschen hin oder her: die klassische Verlagsbranche ist zum Sterben verurteilt, denn blöderweise wird die Erstellung des lästigen Kontännts, den man braucht, um die weißen Flächen zwischen den Werbungen aufzufüllen, immer teurer. Ohne neue Business-Modelle und Ideen sieht’s wirklich duster aus, nur die Kronenzeitung in Österreich bleibt verschont, sonst müsste Armin Thurnherr am Ende noch seinen letzten Editorial-Stehsatz über den Mediamil-Komplex ändern. (Warum man den überaus unsympathisch verbohrten Kriegstreiber-Deppen Cato den Älteren paraphrasiert, werd ich allerdings nie verstehen.) Aber zurück zum Thema: The Equity Kicker hätte da ein paar Vorschläge, quasi Inspiration für verzweifelte Verleger:

In the news industry, it is the news itself that has become abundant. Making a trip to the corner shop and buying a paper to find out what is happening in the world has shifted from being the only option to being the least good of a thousand options. I prefer to check Techmeme and Twitter, but there is the choice of thousands of other sites, aggregators and services that can deliver to your desktop or mobile. Moreover, there is no exclusivity in news per se – getting the headline from one place is pretty much equivalent to getting it from another.

The good news is that every abundance creates new scarcities and this is where the news industry must go to make money in the 21st century. The scarcities created (and enabled) by abundant news are interesting stories, thought provoking analysis, conversation and community, and trust/verification.

Tastaturshortcuts für den Google-Reader

ritchie aka datadirt “Eine Tastatur ist einfach schneller als ne Maus / mit diesen Shortcuts bin ich schneller wieder aus dem Reader raus”: Der Tägliche Webarbeiter hat Tipps zur Beschleunigung der RSS-Konsumation:

Google Reader has an extensive list of available shortcuts. It would take quite a bit of effort to learn how to use them all, so in this post I’m just going to share those that I use every day to make trawling through my feeds a little bit faster.

Mein neuer Favorit: v wie View original. Dieser Short-Cut öffnet den aktuellen Link in einem neuen Fenster. Auch nicht schlecht: Shift+a markiert alle Beiträge des aktuellen Feeds als gelesen.

DJ-Mix der Woche

Nach Video und Foto nun auch noch der Mix der Woche: diese Rubrik wird allerdings nicht jede Woche dabei sein, sondern nur wenn wir zufällig oder gezielt auf eine besonders gelungene Trackmontage stoßen – wie in dieser Woche auf Update von DJ Sight (Duzz Down Recordings). Man muss kein Hip Hopper sein, um zu den funky Grooves, die der Zeremonienmeister da auf Soundcloud serviert, zu diggen!

Foto der Woche

Mit Eternal Wanderer ist Mamnaimie eine außergewöhnliche Schwarz-Weiß-Komposition gelungen – aber sehen Sie selbst:

Black-and-White Beach

Judiths Video der Woche

Zwar schon älter, aber eben wiederentdeckt: Ein weiterer Beweis, warum Katzen einfach nur cool sind. Vor allem miteinander spielende Katzen. Die haben den retardiert sabbernden, infantilen Kötern einfach soooo viel voraus. [Anmerkung von ritchie: diese Aussage spiegelt nicht die Meinung des Blogbetreibers wieder, sondern deren genaues Gegenteil.] Voilá, das Katzenkatapult!

YouTube Preview Image

Ritchies Video der Woche

Meine Videos der Woche gibt’s heute ausnahmsweise im Doppelpack – ich hab auf Vimeo zwei sehr schräge Animations-Filme gefunden, zwischen denen ich mich nicht entscheiden konnte – “My Day” von Eamonn O’Neill und “The Tourist” von Animalcolm. Viel Vergnügen!


Lesetipps der Woche

  • Die Schweiz und ihre Finanzgeheimnisse: Der Tagesanzeiger informiert über eine schwierige Liebesbeziehung eine bevorstehende Identitätskrise.
  • Und hier noch zwei unverzichtbare Inputs für Berufs-Paranoiker und schadensbegrenzende Online-Reputation Manager: TechCrunch berichtet über eine Lücke in Friendfeed, dank derer man im Namen beliebiger User Postings absetzen kann (Bravo! Normalerweise liefern Hacker solche Features nach.), und Louis Gray hat in danke Google jede Menge Facebook-Notizen gefunden.
  • Der selbsternannte deutsche Twitteradel hat diese Woche ein hochpathetisches Internetmanifest veröffentlicht. Nachzulesen zum Beispiel bei Stefan Niggemeier: eigentlich nicht besonders lesenswert und fast als peinlich einzustufen, hat der TExt doch sein Gutes, nämlich eine wesentlich amüsantere Gegenbewegung: das Internet Moneyfest.

Und damit sind wir auch schon wieder am Ende unserer Rückblickerei angelangt. Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit, wünschen schöne restliche Sonntagsminuten und einen guten Start in die kommende Woche – und lesen uns morgen!

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1 comments
RowC
RowC

Da ist sich das Panoptikum ja gerade noch am Sonntag ausgegangen. ^^ Wie eigentlich immer ein fast 100% durchgehendes Lesevergnügen, freue mich schon auf deie nächste Woche.