, ,

MenschMaschine: ein Social Media Kabarettabend mit 2 Videowalls, 3 Üblichen Verdächtigen und analoger Interaktivität

Mmm, keep your temper
Never lose control of yourself
Keep control, be patient.
If you learn to do these things you can master anything.

Out of nowhere there came a caravan
This was around a campfire light
A lovely woman in motion
Her hair was as dark as the night.

     Wu Tang Clan: „Campfire“ (vom Abum „8 Diagrams“)

Lieben Dank an Walter Gröbchen für die zwei Pressekarten zum bunten MenschMaschine Abend! Normalerweise treiben mich ja nur Heinz, Werner und Martin als Science Busters in den Rabenhof, aber der Bunte Abend 2.0 erwies sich als überaus aufschlussreich. Dabei war es gar nicht einmal die dem lauen Abend angepasste Gagdichte, die mir sehr imponiert hat, sondern der Aufschlussreichtum des Experiments Komik 2.0. Dass da drei Radiomacher, die in ihrer angestammten Mediendomäne primär mit kontrolliertem Feedback umzugehen gelernt haben, sich vor eine Twitterwall und einem maximal Netz-affinen und aus selbstdefinitorischen Gründen überkritischem Publikum aus-setzten, war durchaus gewagt. Ob das Experiment gelang, muss die Geschichtsschreibung attestieren, ich habe jedenfalls einiges gelernt.

Gewiss ist Clemens Haipl ein lässiger Medienprofi, seine Art von Humor hat bei mir jedoch noch nie funktioniert, die Schuld dafür suche ich jedoch allein beim Autor dieser Zeilen. Eberhard Forcher beurteile ich dagegen extrem voreingenommen, füllt er doch die überlebensgroße Rolle des impressivsten Radiomoderators und vielleicht nicht besten, aber gewiss spektakulärsten DJs, den meine Heimatstadt Lienz je hervorgebracht hat, mit Grandezza und Bravour aus. Herrn Hermes kenne ich als so-gut-wie-nie Radiohörer vor allem aus der „Sendung ohne Namen“ und aus seinen Features über die Unteren 10.000 in Willkommen Österreich. Die Bühnenchemie zwischen den drei Protagonisten, die, sanft gelenkt von den launigen Regieanweisungen Meister Gröbchens ihr lose geplantes oder streng improvisiertes Programm abspulten, hat gestimmt: zwar kam bei einigen ausgedehnten Lese-Passagen zwischenzeitlich Langweile auf, grosso modo jedoch reichte der Spannungsbogen locker aus, um mich fast bis zum Ende im Saal zu halten. Hier ein kurzer Videomitschnitt, den ich mit meinem Handy aufgenommen habe:

http://vimeo.com/6396621

Es müsste schon mit dem Leibhaftigen zugehen, wenn sich drei Moderatoren, die den überwiegenden, wenn nicht vollständigen Teil ihres Berufslebens beim staatlichen Rundfunk Comedy-Nischen für unterschiedliche Zielgruppen füllten, im Lauf der Jahre nicht ein Stammpublikum erspielt bzw. erredet hätten. Das überwiegend negative Feedback der anwesenden Twitteria (nachzulesen hier und dort) mag zum kleineren Teil einem gruppendynamischen Aufschauklungs-Effekt geschuldet sein und zum größerem dem altbekannten Phänomen, dass Widerspruch und Kritik immer noch die besten Motivatoren beim Verfassen von Leserbriefen sind, ganz sicher aber auch daran, dass die FM4-Teenage-Hörerschaft an diesem Abend eindeutig in der Minderzahl war.

Da erschien die weitgehende Ignoranz des Bühnentrios gegenüber der Twitterwall durchwegs als probate Strategie. Lustiger hätte ich’s allemal gefunden, wenn dieser derzeit auf allen möglichen Veranstaltungen omnipräsente und meist mehr nervige als nützliche Feedback-Typus von Beginn an konsequent ignoriert worden wäre. Doch auch so gelang es, einzelne Besucher in ganz analoger Manier effizient zu echauffieren, was mir den zweiten uneingeschränkt witzigen Moment des Abends bescherte (der erste kam vollkommen unerwartet als Eberhard plötzlich sein Mikro verlor und der dritte, als ich ein Tweet las – ich glaube, es war von Michaela – das der Einladung zweier weiblicher Gäste durch drei männliche Moderatoren Sexismus unterstellte). Ich kann mich nicht mehr an den genauen Wortlaut des Zwischenrufs der bewussten Dame erinnern, aber er ging sinngemäß ungefähr so: „Langsam fühlen sich die Facebook-User hier verlackmeiert – das, was ihr da zeigt, ist ja überhaupt nicht repräsentativ, wo habt ihr denn gesucht?“

Somit wurde auf unerwartete Weise das Versprechen der Interaktivität geradezu übereingelöst: das war großes Theater, das emotionalisiert, das die „User“ aktiviert, die Publikums-Bühnen-Sprachbarriere zu überwinden, um eine vermeintliche Missrepräsentation sicherzustellen. Miss.Repräsentation scheint mir dann auch das zentrale Stichwort zu sein, unter dem sich die Schwierigkeit des Unterfangens „Social Media Kabarettshow“ subsummieren lässt. Zu den unverzichtbarsten Ironie-Strategien gehören Überhöhung, Zuspitzung und Dekontextualisierung. Der moderne Heavy User, auch Geek genannt, stößt beim täglichen Prokrastinieren im Netz allerdings auf so viel medieninhärente Skurrilitäten, dass die Überhöhung respektive Übertreibung schlichtweg scheitern muss. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte sich ein weniger Medien-affines Publikum besser amüsiert, während die meisten Anwesenden gegenüber Pimmel-Klavieren und eigenartig offensiv zur Schau getragenen Manien bereits abgestumpft sind. Um die Humorlatte also über die Banalität des täglichen Netz-Alltags empor zu heben, müsste sich das Trio ins Reich von König Meta begeben. So war’s halt ein lehrreicher Abend mit wortgewandten Gästen (von denen einer sogar schauspielert), einer bezaubernden Zither-Spielerin, einer Live-Bandzuschaltung via Skype aus Russland und einer gut dosierten Prise Fäkalhumor. Ein wenig vorzeitig aus dem Saal getrieben hat mich dann ob der vorgerückten Stunde Polly-Adler-Erfinderin Angelika Hager, deren Kolumnen in Buchform ich mal in einem Arzt-Wartezimmer lesen musste, weil mein Handy leer und keine andere Literatur verfügbar war. Seitdem reagiere mit den klassischen Allergie-Symptomen (unkontrollierbare Rülpsanfälle) auf die „lebenslustige, selbständige, alleinerziehende und zeitgeistige Frau, das wollte ich dem p.t. Publikum ersparen. (Natürlich auf Polly, nicht Angelika, aber um erstere bzw. deren Facebook-Profil ging’s Interview.)

Fazit: Ich möchte den von mir überaus geschätzten Humorkritiker Hans Mentz paraphrasieren, der sich letztens in seiner Titanic-Kolumne überaus wohlwollend zum neuen Sacha Baron Cohen Film „Brüno“ äußerte: Nihilismus ist in Zeiten wie diesen nicht die schlechteste aller Strategien. Wir Netizens lachen über dicke Frauen, die beim Bullriding einen unfreiwilligen Kopfüber-Abstieg vorlegen, geizen nicht mit reichlich verteilter Schadenfreude und haben Rickrolling zum kulturellen Phänomen erhoben. Da verdient die kollektiv-analoge Anstrengung dreier arrivierter Radio-Komik Experten wohl durchwegs ein wenig Respekt – wenn das Resultat nicht besonders befriedigend ausfällt, so liegt dieser meiner Meinung nach ganz allein in der Natur der Sache.


Update: Das schreiben bloggende KollegInnen über die Premiere der Menschmaschine:

 

Jana Herwig stellt auf digiom Überlegungen zur Verbesserung des Formats an:

Natürlich sind Twitterer immer sehr kritisch – erst recht wenn es um das Social Web selbst geht, die Sphäre, in der sie sich jetzt schon so gut auskennen, wie der Rest der postindustriellen Gesellschaft in 15 Jahren. Ein Maß an Überkritik (wie Ritchie meint) kann es m.E. dabei nicht wirklich geben, denn eine Kuschel-Twitter- und Blogosphäre würde sich selbst ad absurdum führen (auch wenn manche Firmen, z.B. Jako, versuchen, Bloggern ihre Lust am Nörgeln abzugewöhnen) – die Frage wäre eher, wie man diese Eigenschaft nutzen und einsetzen kann.

Eberhard Lauth fand die Vorstellung ZIB21.com durchwachsen:

Was muss man tun, um für ein paar Stunden den führenden Hashtag in der deutschsprachigen Twitter-Sphäre zu stellen? Gehörig Wirbel machen. Und immerhin das ist der #menschmaschine im Rabenhof gelungen. Ansonsten war die Darbietung der interaktiv angelegten Web 2.0-Performance „Menschmaschine“ im Rabenhof (wir bloggten schon im Vorfeld und twitterten auch fleißig mit) durchwachsen.

Andi Gabmeyer vermisst auf Alte Knacker Namensschilder (und was Eberhard betrifft: Full Akk! Der steckt in die „jüngere Generation“ in punkto Unterhaltungsfaktor sowieso in die Tasche :mrgreen:):

Kurzum, es hätte die beste Facebook-Party hierzulande werden können, die Österreich jemals gesehen hat, aus diversen dummen Gründen wurde nichts daraus, schade eigentlich. Jetzt gehts mir wie den Fussballfans, die nach einem verlorenen Ländermatch allesamt die besseren Nationaltrainer wären, aber wenn der Gröbchen die Sache lizensiert, würde ich es leicht verändert ganz gerne in Wels oder Linz neu aufführen, aber nur mit dem Forcher alleine auf der Bühne.

Im Standard zog Rebecca Sandbichler ein durchwegs negatives Fazit – und bebilderte den Artikel mit Linzerschnittes Foto:

Die Internet-Inszenierung im Wiener Theater Rabenhof war der einzigartige Versuch ein Stück Zeitgeist über den sozialen Wahnsinn „Web 2.0“ zu schaffen – Es blieb beim Versuch.


25 comments
max
max

war ein schwer enttäuschender Abend! Vor allem wenn man bedenkt, dass z.B. auf der Ars Electronica vor 20 Jahren schon adäquatere Umsetzungen dieser Idee gezeigt wurden (obwohl es damals noch kein Web2.0 gab!!), Stichwort Van Gogh TV, Hotel Pompino, Stadtwerkstatt TV, etc., siehe z.b. dieser Ausschnitt: http://www.youtube.com/watch?v=xNKf8XSaagU Da kann ich dann nur Kreisky zitieren: "Lernen sie Geschichte!" das im Rabenhof gezeigte funktioniert vielleicht für 20 Sekunden im Radio, so war es aber um über 120 Minuten zu lang. Gerade so ein Abend zeigt wie dringend ein Generationswechsel bei FM4 notwendig ist. Oder halt FM5 gründen!

Gerald Bäck
Gerald Bäck

Ich denke das Hauptproblem der Veranstaltung war das gute Marketing im Vorfeld. Das war mal so richtig mediengerecht und ist bei der Web2.0 Community sehr angekommen. Dadurch waren aber die Erwartungen zu hoch und konnten nicht erfüllt werden.

Walter Gröbchen
Walter Gröbchen

Recht hast Du, Marion! Darüber wird zu reden sein. Und darüber wird geredet werden. Ahoi, WG

marion
marion

eines vorweg: danke walter. ich finde deinen mut und deinen willen "zu tun und ned nur zu quatschen" angenehm erfrischend, da - eh scho wissen: den mutigen gehört die welt! nur was mir gestern wirklich sauer aufgestossen ist und jetzt nachdem ich die veranstaltungskritik von ritchie gelesen hab, wieder und wieder hochkommt, ist der scheinbare unwille sich konkret mit den präsentierten inhalten zu beschäftigen. twitterwall, live-skype-konzert und youtube, ja die kleine technologieverliebte nerdin in mir fand's super. die kleine in den 80er jahren sozialisierte feministen runzelte bereits bei der vorstellung der "entzückenden" zitherspielerin leicht die stirn. tolle hechte, die flotten forellen sind einfach nur hübsches beiwerk? da dachte ich mir noch, zufall, egal. leider häuften sich die diesbezügichen zufälle: die leicht exibitionistische krankenschwester - ein fleischgewordener feuchter traum für männer, deren körper kein tempel mehr ist. sie wird von den drei vom zahn der zeit inzwischen ziemlich angeknabberten profi-komikern vorgeführt, wie ein tanzbär. bravo. das youtube silikonmonster aus brasilien(?), das mit ihren überdimensonierten möpsen, melonen zerquetschen kann. bravo. wos hamma glocht, chmelar foi owa! ist das euer facebook, euer youtube, euer web 2.0? walter, zumindest in deinem fall kann und will ich es nicht glauben. ich bin dann rausgegangen. es geht mir weder um binnen Is oder um quotenfrauen, nur bitte schreibts das nächste mal dazu, wenn ihr musikantenstadl 2.0 machts. greets, marion b.

Haubentaucher
Haubentaucher

Interessante Kritik. Konnte nicht dort sein, via Twitter war es natürlich nicht halb so lustig. Aber was bitte ist "Rickrolling"?

Walter Gröbchen
Walter Gröbchen

Schliesse mich EF an. Und muss dem Rabenhoftheater-Direktor Gratzer ein Kompliment aussprechen, weil er uns das Chaos-Experiment gestatt hat. Einiges ging definitiv in die Hose, anderes war nicht unwitzig, manches fragwürdig (und, ja, ich schätze auch beinharte Kritik) und der Abend war gewiss zu lang. Viel zu lang. Aber der Lernprozeß hat gerade begonnen! Theater, Radio, Web & Co. zu einem stimmigen Ganzen zu verschmelzen, ist die Aufgabenstellung. Ob das überhaupt geht? Wird werden sehen, weil wir auch weiter nachschauen und -denken wollen. Danke für die ausführliche, unbeschwerte und präzise Kritik. Ahoi, WG

e.forcher
e.forcher

danke dir für das ausführliche & faire feedback . schön zu wissen , daß dir unser abend so viel an feedback entlocken hat können (bei allen - auch uns akteuren durchaus bewussten - schwachstellen dieses chaos-experiments). e.f.

linzerschnitte
linzerschnitte

Ja, Social Media hat wohl auch den Humor demokratisiert! Kabarettisten bzw. Staatsfunk-Komiker haben keinen Freibrief mehr auf die besten Gagschreiber unter ihren Facebookfreunden... und Schwarmintelligenz versus Bühnentrio war auch eine unausgeglichene Ausgangssituation;) Inhaltlich war also das Problem, dass die Superlative fehlten. Das Problem der Umsetzung war meiner Meinung, dass sich die Menschmaschine, trotz Videos, Gästen usw. viel zu sehr nach Radio angefühlt hat. Da hab ich halt mal einen langweiligen Gast im Interview, weil der grad available ist und spule die Fragen runter, die mir der Redakteur zusammengeschrieben hat. Aber Radio ist nun mal ein Nebenbei-Medium. Die Menschmaschine hat durch ihre Multimedialität volle Aufmerksamkeit abverlangt und inhaltlich zuviel Durchschnittliches geboten. Aber die Twitteria ist, denk ich, dennoch einigermaßen zufrieden heimgegangen. Immerhin konnte man seinen Unmut in Echtzeit und direkt vor Ort kundtun und somit bestenfalls auch gleich dortlassen.

karola riegler
karola riegler

lieber ritchie, ich find das ja ganz süß von dir mein posting zu nehmen (ich gehörte sicherlich zu den kritischen stimmen) doch wenn schon, dann doch bitte nicht aus dem kontext genommen... http://twitter.com/sinnsausen/status/3696166691 ;) des weiteren finde ich deinen beitrag gut und flockig geschrieben habe dem nichts mehr hinzuzufügen.