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Blogistan Panoptikum KW39+40 2009

Nach dem letztwöchigen, Almcamp-bedingten Ausfall des Wochenrückblicks melden wir uns wieder pünktlich zurück – denn es geschehen immer noch Zeichen und Wunder inner- und außerhalb der Blogosphäre. Da wettern Herausgeber gegen die Schlechtigkeit sozialer Medien, während anderswo bereits unified Video Messaging Inboxes errichtet werden. Kein Wunder, dass da so mancher nicht mehr ganz durchblickt – aber zum Glück gibt’s ja das datenschmutz Panoptikum :mrgreen:

Parallel-Universum Twitter

Wer in letzter Zeit mal wieder mit einem seiner verbleibenden, Twitter-resistenten Kontakte kommuniziert hat, wird das Gefühl kennen: Tweeper und Nicht-Tweeper teilt ein kaum mehr zu überbrückender Gap. Darüber schreibt auch Louis Gray diese Woche:

Twitter is practically becoming a parallel Internet. It may live on HTTP, but don’t let that fool you. Over time, most folks may tell you the T’s in HTTP stand for „Tweet Tweet“.

Das einstmals simple Twitter wird durch seine User immer mehr gepimpt (TweetDeck, Tweetlater…) und extended (twitpic, twitsay..). Und: Was nicht auf Twitter verlinkt wurde, existiert vielleicht gar nicht…

12seconds launcht Multi-Plattform Video-Messaging

12seconds glaubt wie seinerzeit Telefongesellschaften in den 70ern fest daran, dass die Zukunft der Kommunikation dem Video-Messaging gehört. Derzeit kommen aber nur iPhone User in den vollen Komfort-Genuss des neuen, frei erhältlichen Clients – hier geht’s zum Download. Clients für andere Smartphones sollen folgen, derweilen müssen sich Nicht-Appler mit der Browser-Applikation auf 12seconds zufrieden geben – aber auch mit der kann man die eigene Freundesschar aufs feinste mit Bewegtbildbotschaften belästigen, belustigen und/oder (sexuell) stimulieren:

We know you are and want to strongly encourage you to use the messaging application on 12seconds.tv. You’ll notice now that you have an inbox and that you can send video messages to anyone on Facebook or Twitter. You can also push video to your friends who have the iPhone application which is fun. That’s kind of cool, eh? Record something on your webcam and push it to someones phone!

Lebst du noch oder wavest du schon?

Seit dieser Woche gibt es offiziell eine Zwei-Klassen-Gesellschaft im Web 2.0. Jene, die schon eine der begehrten Google Wave Invites haben, und jene die noch hoffen, eine zu bekommen. (Die Panoptikum Autoren wurden übrigens auch mit Invites bedacht, HA!) Doch aus der Zwei-Klassen-Gesellschaft wird anscheinen schon eine Drei-Klassen-Gesellschaft – hinzu kommt nun neu jene Kaste, die bereits wieder über Google Wave hinweg ist! So zum Beispiel Robert Scoble, der in Google Wave so etwas wie die Perfektionierung der Unproduktivität sieht. Folgende Ratschläge hat er für Neo-Waver parat:

DO NOT ADD EVERYONE. Get a close personal friend, or a coworker to play with this and don’t publicize that you’re using it until you are sure you can deal with the productivity hit you’ll take here.
DO NOT ASSUME THIS IS A TWITTER KILLER. It is not. It’s not even a good sharing engine, far worse than FriendFeed is. I’d recommend using a private room over on FriendFeed first.

Fazit: Google Wave ist also wieder nicht „the next big thing“ nach Twitter. Soll uns recht sein, wir haben eh noch lang nicht alles gesagt, was sich in 140 Zeichen sagen lässt.

Kollaborieren ohne Wave

Passend zum obigen Beitrag hat Lifehacker eine Liste von 10 alternativen Online-Collaboration Tools zusammengestellt. MediaWiki, Google Groups, Mindmeister… die Alternativen sind zahlreich, teilweise kostenpflichtig und verströmen definitiv nicht den Sex-Appeal, des neuen Google Produkts. Aber nicht traurig sein, sondern die Erinnerung anwerfen: bei Gmail war’s genauso – Dramaturgie-Meister Christian Mikunda nennt das die „Magie des Verbotenen Ortes“. Und wenn der erste Hype mal abgeflaut ist, dann kriegt jeder mehr Einladung, als er brauchen kann. Außerdem scheint noch so manches Feature zu fehlen:

There are also still key features of Google Wave that we have yet to fully implement. For example, you can’t yet remove a participant from a wave or define groups of users, draft mode is still missing and you can’t configure the permissions of users on a wave. We’ll be rolling out these and other features as soon as they are ready — over the next few months.

Armin Thurnher web-debattiert

„Web-Medien sind parasitär. Sie verlassen sich auf alte Medien und recherchieren nicht selbst.“ Das und noch viel mehr sagte der Herausgeber der Wiener Stadtzeitung Armin Thurnher bei seinem Vortrag am ISPA-Summit. Unter anderem auch, dass soziale Netzwerke die Absenz im Dialog ebenso fördern wie eine Steigerung des Narzissmus, und Journalisten, die Twitter und Facebook nutzen, würden sich ohnehin selbst ausreichend bestrafen. Janas Kommentar über den eigenartigen Auftritt nur anschließen:

Was er als motorische Störungen wahrnimmt, ist vermutliche die kognitive Bindung zwischen Auge, Hand und Bildschirm, die bei der Computernutzung zu beobachten ist. Diese bindet die Aufmerksamkeit, das ist richtig – ging Thurner etwa am Bildschirm seiner Mitarbeiter vorbei, und war gekränkt, dass diese dem Schirm und nicht ihm Aufmerksamkeit zollten? Wie kann er überhaupt feststellen, dass diese gerade soziale Netzwerke benutzen – schaut er ihnen von hinten über die Schulter auf den Monitor? Von wegen Sozialverhalten: Ich kenne niemanden, der ein solches Verhalten schätzt – freilich macht es die an Arbeitsplätzen waltende Hierarchie oft schwierig zum Chef zu sagen, er solle einem bitte nicht dauernd auf den Bildschirm starren.

Im Übrigen bin ich der Meinung, Armin Thurnher soll sich lieber weiterhin dem Bereich Print zuwenden. Denn dass er die arme Ingrid Brodnig via Twitter ausrichten lässt, verschiedene Meinungen seien gewünscht, verdient in der Tat ein kräftiges ROFL:

Thurnher wird im nächsten Falter auf die Webdebatte eingehen. Wir wollen eine richtige Diskussion führen. Verschiedene Meinungen gewünscht!

Wenn das Postfach „njet“ sagt

Guy Kawasaki hat im datadirt-Interview seine „alles-löschen-was-älter-ist-als-30-Tage-Regel“ erklärt, Lawrence Lessig, Mastermind der CC-Lizenzen, erklärte schlicht seinen E-Mail „Bankrott“:

Das soll bedeuten, dass er eine Mail per CC an alle Adressen in seinem Posteingangsfach geschrieben hat, in der Lessig erklärt, dass er auf bisher unbeantwortete Mails nicht mehr antworten kann, weil jeden Tag nach der Ausfilterung von Spam immer noch 200 private Mails bei ihm ankommen. Die Lösung sei, einfach alle Mails zu löschen und mit einem frischen, leeren Mailaccount wieder anzufangen. So lange, bis sich dieselbe Situation wieder eingestellt haben wird.

Mathias Mertens stellt in seinem Essay die gute alte Frage nach der Medienkompetenz – und kommt zu dem Schluss:

Wir wissen noch gar nicht, was E-Mail eigentlich ist. Wir benutzen es ganz selbstverständlich, und wir gehen auch mehr oder weniger gewieft damit um, aber das, was wir uns selbst davon erzählen, ist seltsam mehrdeutig. Wenn man überlegt, mit welchen Kommunikationsformen E-Mail in Konkurrenz steht, beziehungsweise welche sie abgelöst hat, dann kommen nur zwei in Frage: Brief und Telefon. Und unser Verständnis von E-Mail pendelt genau zwischen diesen beiden vertrauten Formen hin und her – unentschlossen und deshalb problematisch.

Spannender Punkt – ich wäre jedenfalls dafür, auf medien-kulturellem Weg eine Antwort-Zeit-Erwartungshaltung von mindestens einer Woche zu implementieren :mrgreen:

Technorati ändert Bewertungsgrundlage

Das Technorati-Monster gibt in letzter Zeit wieder verstärkt Lebenszeichen von sich – Venture Beat berichtet gar von einer Anpassung des Algorithmus, der eigentlich seit längerer Zeit niemanden mehr interessiert:

Technorati is about to make some big changes to the way it measures how important bloggers are. That means its top-100 list of the most influential bloggers is going to change. Some bloggers may be delighted by the changes, while others who drop in the rankings may howl in protest

Basically, the company is going to reduce the costs of indexing the blogosphere and reporting the results on its Technorati.com site, which is a major blog search engine. It is not going to index the blogosphere just for the sake of saying it can do so. It is also going to put more emphasis into its business which pays the bills: the Technorati Media ad network, which serves ads to more than 400 sites, not just Technorati.com

Technorate verbrennt immer noch jede Menge Geld, langsam soll mal was in die Kassen zurückfließen. Das hauseigene Ad Network rennt eher schlecht als recht (Keiner will mehr auf Banner klicken, siehe Lesetipp am Ende des Panoptikums.) und Cheffe Richard Jalichandra muss scheint dringenden Handlungsbedarf zu haben. Mal sehen, wie die Technorati-Story weitergeht.

Finde den Doktor

Ärzte-Bewertungsportale boomen und blühen – kein Wunder, denn wer will seine Gesundheit schon die Hände eines menschenverachtenden Quacksalbers legen? Von besonderem Interesse sind dabei natürlich nicht nur die Kontaktdaten und Sprechstunden, sondern die Bewertungen anderer Patienten. Wie hoch die Trefferquote liegt, weiß allerdings allein Äskulap – und wer weiß: vielleicht stellen geschäftstüchtige Mediziner (die in Österreich ohnehin mit recht strengen Werbeverboten belegt sind) demnächst eigene Social Media Spin Doktoren ein. Die könnten dann beispielsweise gleich mal auf Docfinder.at tätig werden, einem frisch gelaunchten Ärzteportal der vorher beschriebenen Sorte. Die Seite befindet sich noch im Beta-Stadium und verfügt zwar über eine umfassende Kontaktliste, in der auch Apotheken vertreten sind – die Zahl der Bewertungen hält sich noch in engen Grenzen, sorgt aber bereits jetzt fallweise für Erheiterung:

Dr. XYZ ist aufgrund seiner einfühlsamen, kompetenten und netten Art sehr zu empfehlen! Außerdem ist ein großes Plus seine STÄNDIGE Erreichbarkeit, auch bei noch so banalen Fragen, was ich persönlich sehr zu schätzen weiß, da ich unter großer Hypochondrie leide (Hervorhebung durch datadirt). Ich könnte mir keinen besseren Frauenarzt wünschen. Außerdem hat er mich auch privat in ein Sanatorium zur Entbindung begleitet und bestens betreut!

Und wir wissen ja – Lachen ist bekanntlich die beste Medizin!

Persönlich finde ich Dr. XYZ locker, lässig und sympathisch. Die Kontrolle geht schnell, ist aber gründlich. Einmal musste ich während der Behandlung länger im Behandlungsstuhl warten als er von einem Behandlungsraum zum nächsten wechselte- was etwas unangenehm war. Werde aber wieder hingehen.
[…]
Neben der professionellen Betreuung und Beratung wird an manchen Tagen auch Mundhygiene angeboten. Obwohl ich meine Zähne gut pflege habe ich mir einmal eine Mundhygiene gegeben. War danach ein gutes Feeling.

Als Adressverzeichnis ist Docfinder bereits jetzt recht nützlich, mal sehen, was im Lauf der Zeit aus der Seite wird – in Deutschland gab es in der Vergangenheit schon einige Rechtsstreitigkeiten aufgrund negativer Patientbewertungen.

Foto der Woche

Heute zur Abwechslung mal ein Oeuvre aus der Kategorie „Post-Production“ – aber wie wir ja spätestens seit Vilém Flusser Wissen, ist ohnehin jeder Fotoapparat eine Konstruktionsmaschine… da fällt das bisschen Retusche kaum noch ins Gewicht. Et voilá: Flight 888 von H. Koppdelaney:

 

Ritchies Video der Woche

„Twitter is ruining my life“ sagt Shane Nickerson. Vorsicht: wacklige Autokamera und Fucking Strong Language! Twitter equals Satan! Fuck! 👿

 

Lesetipps der Woche

  • The Horror the Horror: Nur noch 87 Tage, dann ist auch 2009 Geschichte. Um gut auf das nächste Jahr vorbereitet zu sein, hat Nerdcore bereits den Horror Calendar 2010 veröffentlicht. Dann auf ein schauriges Jahr 2010.
    PS: Für jene Panoptikum Leser, die auf haarige Angelegenheiten stehen, empfiehlt sich übrigens auch der Kalender des Vereins Österreichischer Frettchenfreunde.
  • Wie man aus einem schwammigen Thema wie Viral Marketing immer wieder neue Theorien und Tutorials ableiten kann, ist mir an sich ein Rätsel. Wer dies aber mit soviel Verve die viralen Würfel wirft, hat es verdient, zumindest als Lesetipp erwähnt zu werden.
  • Schlechte Zeiten für Media-Agenturen: keine Sau klickt mehr auf die guten, alten Banner und Ratlosigkeit macht sich mit Verspätung breit, bei der Silicon Alley Insider berichtet.

Und damit sind wir auch schon wieder am Ende dieses Wochenrückblicks angekommen – die nächste Ausgabe gibt’s wieder pünktlich in sieben Tagen Danke für Ihre Aufmerksamkeit, wir wünschen einen schönen Restsonntag und lesen uns morgen.

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2 comments
inshared autoverzekering
inshared autoverzekering

@Christian, Ich brauche Google Wave manchmal, aber nicht so often wie eine freund von mir. Er findest es richtig toll!! Aber er is nur eine...

Christian
Christian

Ich bin mal wirklich gespannt ob sich Google Wave wirklich durchsetzen wird. Alles was ich bis jetzt gelesen habe klang irgendwie nicht so toll.