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Urheberrecht: Erleichterung statt Restriktion

16.11.2009, geschrieben von , 14 Kommentare

Im Vergleich zur tur­bu­len­ten Ära von 98 bis 2003 ist die Debatte um die finale Zerstörung der mensch­li­chen Kultur durchs Urheberrechtsverletzungen wie­der ver­gleichs­weise still gewor­den: war Napster noch der Byte-gewordene Gott-sei-bei-uns der Plattenindustrie, hat ein ame­ri­ka­ni­scher Apfelhändler via iTu­nes den Netzmusikverkauf pro­fit­fä­hig gemacht (wenn auch über den Hardware-Umweg), seit kur­zem zeigt Buchhändler Amazon Verlagen, wie man untote Bäume auf ePa­per ausliefert.

Der eine oder andere Murdoch sagt zwar njet, ab und zu wird eine Piratenbucht ver­klagt, doch der Hype um die Besserung der Welt qua Social Media lenkt tem­po­rär den Blick ab vom, wie in sei­ner her­vor­ra­gen­den Analyse Digitaler Strukturwandel der Öffent­lich­keit auf schreibt, “mehr oder weni­ger offen aus­ge­tra­ge­nen Kulturkampf”.

Hartmann, der vor in die­sem Semester seine Professur für Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität in Weimar ange­tre­ten hat, sieht in der Indexierung und Hyper-Textualisierung der Information die tech­ni­sche Realisierung eines wesent­lich älte­ren “Programms”:

Noch gut erin­ner­lich ist die Nonchalance, mit der geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Professoren in den 90er-Jahren das Internet als eine tech­ni­sche Spinnerei, als eine vor­über­ge­hende Sache abta­ten. Dass die neue Technologie sich nicht von Ungefähr ent­wi­ckelt hat, son­dern ein altes Programm erfüllt, ist ihnen nicht auf­ge­fal­len. Historische Ansätze, wie der des bel­gi­schen Gelehrten und Bibliotheksreformers Paul Otlet blie­ben zu unbe­kannt, um auch nur igno­riert zu werden.

Nun leben aber eine ganze Reihe von Verlagen her­vor­ra­gend vom klas­si­schen wis­sen­schaft­li­chen Publikationssystem: ver­öf­fent­licht muss wer­den, die Produktion der meis­ten Bücher wird von den Autoren selbst bezahlt, um dem Veröffentlichtungszwang Genüge zu tun:

So ist der wis­sen­schaft­li­che eine nahezu risi­ko­freie Wertschöpfungsquelle für Verleger. Verlagsverträge begin­nen mit einer “Rechtseinräumung” und beste­hen meist in einer umfas­sen­den Rechteabtretung an den Verlag. Die wenigs­ten Autoren lukrie­ren etwas von den ca. 8 Prozenten, die ihnen vom Nettoverkaufspreis eines Buches ver­trag­lich zuste­hen. 92 Prozent tei­len sich Verleger und Buchhändler – ein signi­fi­kan­tes Verhältnis! Vom Verwertungsrecht pro­fi­tiert allein eine hier kon­stru­ierte Rechtsfigur der “Inhaltebesitzer”, die unterm Deckmantel eines Schutzes der Urheberrechte vom soge­nann­ten geis­ti­gen Eigentum der Autoren profitiert.

Mit der Verfügbarkeit des Internet als digi­ta­lem Publikationspool besteht aber gar keine Notwendigkeit mehr, unschul­dige Wälder abzu­hol­zen — was den klas­si­schen Verlagshäusern nicht bloß im Wissenschaftsbetrieb, son­dern auch im Mainstream-Medien Bereich zuneh­mend schlaf­lose Nächte bereitet:

Die Verlage fürch­ten sich davor, mit den neuen Technologien aus­ge­boo­tet zu wer­den: was wäre, wenn ihre Autoren und das Publikum sich kurz­schlie­ßen, und nur noch mäch­tige Online-Agenten wie Google, Amazon etc. als Direktvertriebspartner von den Leistungen der Autoren pro­fi­tie­ren? Und was wäre, wenn die tech­nisch unbe­darf­ten Schriftsteller und Sachbuchautoren dahin­ter kom­men, dass dies nicht nur mög­lich ist, son­dern auch lukra­tiv für sie sein könnte – weil sie mit jedem Klick an den Einnahmen des Online-Geschäfts betei­ligt wären?

Wenn also Information der wich­tigste Rohstoff der Mediengesellschaft ist, liegt in die­sem technik-induzierten ein enor­mes Konfliktpotential zwi­schen gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Interessen:

Es geht dabei nur ober­fläch­lich um Downloadfreiheit. Was mit dem schwe­di­schen –Portal Pirate Bay begann, ist Symptom des Eigensinns einer Netzkultur, von dem eine igno­rante Politik jetzt lang­sam ein­ge­holt wird – und gleich­zei­tig mani­feste Kritik an der Vorstellung, der Weg in die Informationsgesellschaft bestehe aus­schließ­lich in einer Stärkung der kul­tur­in­dus­tri­el­len Verwertungsinteressen.

Wir beob­ach­ten, darin stimme ich Frank Hartmann, der hier Marshall McLuhan zitie­rit, unein­ge­schränkt zu, die Vergangenheit durch den Rückspiegel. Zugleich ent­larvt nichts die Kulturpessimisten so über­deut­lich wie ein paar his­to­ri­sche Betrachtungen: ebenso, wie die ers­ten Kritiker der Unterhaltungsliteratur den Eskapismus-getriebenen Untergang der Jugend fürch­te­ten, sorgte schon das Telefon für Sorge um kom­mu­ni­ka­ti­ves Chaos, wie Hartmann in einer abschlie­ßen­den Anekdote tref­fen­den zusammenfasst:

Die pathe­ti­schen Verteidiger der publi­zis­ti­schen Printkultur erin­nern an die Klagen der Telegraphisten zum Ende des 19. Jahrhunderts, die ihren Berufsstand vom Telefon bedroht sahen. Damit, so ihre Gewerkschaftsvertreter, könne ja jeder Beliebige in eine Leitung gelan­gen, was nur zum Chaos und logi­scher­weise zum Zusammenbruch der Kommunikationen führe. Das könne nun wirk­lich nie­mand wol­len, wes­halb das Telefon keine ersicht­li­chen Vorteile und mit Sicherheit keine Zukunft habe.

Lesetipp: Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit

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Bisher haben meine Lieblingsleser 14 Kommentare zu "Urheberrecht: Erleichterung statt Restriktion" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Christian Identicon Icon

    Hoffentlich kommt mit der Piratenpartei wie­der etwas Schwung in die Diskussionen um das geis­tige Eigentum. Wobei man das auch abwar­ten muss.

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  • Andy Identicon Icon

    Ich kann mir nicht vor­stel­len das die Piratenpartei da irgend etwas errei­chen kann.

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    harry Identicon Icon

    Die Piratenpartei hat aktu­ell knappe 400 Mitglieder — ich glaub auch nicht, dass die da in Kürze irgend­was errei­chen werden.

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    Ritchie Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Pettauer antwortete am 19. November 2009 um 1:57

    Oh… damit lie­gen sie ja sogar noch unter den Kommunisten in Öster­reich, glaub ich.

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    harry Identicon Icon

    Mit Sicherheit — wobei ich kei­nen genauen Zahlen von den Kommunisten kenn. Schätze aber schon, dass die doch ein paar Tausend haben. Kurz gegoo­gelt — aber noch keine brauch­ba­ren Zahlen gefun­den. Kennt jemand Mitgliederzahlen?

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    Ritchie Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Pettauer antwortete am 21. November 2009 um 19:56

    Ich hab im aktu­el­len Profil etwas gele­sen… da war von eini­gen Tausend die Rede, hab aber die genaue Zahl nicht mehr im Kopf.

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  • diedae Identicon Icon
    diedae sagte am 18. November 2009 um 2:00

    Niemand kann da irgend­was errei­chen — we’re all doo­med! Doomed I say!

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  • Mario Identicon Icon

    Wobei ich ja nicht ver­stehe, warum die Piraten-Partei hier­zu­lande so schlecht abschnei­det (und auf­ge­stellt ist). Ich glaube in Norwegen (oder wars Schweden?) haben die ziem­lich abge­räumt — hier sind sie eine Randpartei. Wobei man sich dar­über auch nicht wun­dern muss, wenn man einen ehe­ma­li­gen SPD-Mann in die Partei holt, bei dem mas­sen­weise Kinderpornos auf dem Dienst-PC gefun­den wur­den. Wo wir wie­der beim Ausgangspunkt wären…
    Zensieren statt Zerstören. Weggucken statt Handeln. Unsere Regierung eben.

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    Ritchie Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Pettauer antwortete am 19. November 2009 um 1:57

    Echt? Die Sache mit dem SPD-Mann hab ich gar nicht mit­be­kom­men… klingt nicht wirk­lich nach glück­li­chem Personal-Händchen!

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    Mario Identicon Icon

    Nein, klingt wirk­lich nicht so, und war es wohl auch nicht. Zusätzlich kamen kurz vor der Wahl einige Spekulationen über die Ausrichtung ver­schie­de­ner Parteimitglieder auf, denen rechte Tendenzen nach­ge­sagt wur­den. Aber hier­zu­lande ist das auch ein gutes Mittel, einen poli­ti­schen Gegner mund­tot zu machen, also dar­auf ist nicht viel zu geben. Hierauf aber schon, zwar schon etwas älter die­ser Link, aber es geht da um den von mir genann­ten Kinderporno-SPDler: http://www.tagesschau.de/inland/tauss128.html

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    Ritchie Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Pettauer antwortete am 21. November 2009 um 19:57

    Wow, hef­tige Story… schon komisch, dass alle, die erwischt wer­den, dann immer als “Privatermittler gegen KP” agiert haben! :evil:

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  • Frank Identicon Icon

    Ich denke das Internet wurde von vie­len total unter­schätzt.
    Die Applegründer hat­ten die Vision “com­pu­ter wer­den nicht mehr nur für spin­ner da sein!” sie waren ihrer zeit voraus!

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  • Sandra Identicon Icon
    Sandra sagte am 27. November 2009 um 11:41

    Ich bezweifle auch das die Piratenpartei da was machen kann? Wie denn auch? Damit die was machen kön­nen, müs­sen Sie erst ein­mal genug Stimmen bekommen

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    Ritchie Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Pettauer antwortete am 27. November 2009 um 14:09

    Wobei ihre Bekanntheit ange­sichts der gerin­gen Größe ja durch­aus immens ist.

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