Blogistan Panoptikum KW49 2009

Jedes Jahr eine erneute Enttäuschung: kein Krampustreiben in Wien! Dafür bloß “über­teu­er­ter Glühwein auf über­füll­ten Weihnachtsmärkten” (=Klischeesatz der vor­jäh­ri­gen Wintersaison), aus­blei­ben­des Schneetreiben und erbit­terte Jagd auf ori­gi­nelle Geschenke. Möchten Sie dem gan­zen Wahn ent­flie­hen, dann leh­nen Sie sich ent­spannt zurück: daten­schmutz und Linzerschnitte bli­cken garan­tiert nicht auf den 24, son­dern sie­ben Tage zurück — denn trotz der fal­len­den Außentemperaturen bro­delt die Blogosphäre wie eh und je.

Die per­fekte Facebook-Fanpage

ritchie aka datadirt Social Media Anleitungen für Firmen und Brands kur­sie­ren in gro­ßer Zahl, in den meis­ten Fällen ist’s schade um die ver­geu­dete Lesezeit. Wer sich theo­re­ti­sche Abhandlungen spa­ren will und eine leicht ver­ständ­li­che Anleitung sucht, dem sei Jesse Stays Gastbeitrag auf Techipedia ans Herz gelegt: “How to create the per­fect Facebook Fan Page” erklärt alle wich­ti­gen Schritte von der Erstellung eines Custom-Tabs über die opti­male Logo-Größe bis hin zu SEO-Überlegungen. Lesen und umset­zen, denn wie Jesse völ­lig rich­tig schreibt:

As you can see, a Facebook Page is a power­ful tool that you can use to enhance and strengt­hen your brand natu­rally using the tools Facebook pro­vi­des. Be sure to lever­age this tool, cust­o­mize it, and make it work to get your brand in front of as many people and their fri­ends as possible.

Jesse, Gründer und CEO von Socialtoo.com, hat übri­gens eine her­vor­ra­gende Einführung für alle geschrie­ben, die sich näher mit den Untiefen der Facebook-Programmierung beschäf­ti­gen möch­ten: FBML Essentials

Sind wir nicht alle ein biss­chen …krank?

Judith aka Linzerschnitte Wer zuviel twit­tert, chat­tet, mailt etc. kann krank wer­den. Klingt wie der übli­che Kulturpessimismus wohl­mei­nen­der Eltern aus Zeiten des Fernsehen-Hypes: “Du kriegst noch ganz eckige Augen”.

Götz Mundle, Psychotherapeut und Spezialist im Fachgebiet der Psychosomatik wird in der Jänner-Ausgabe von “Psychologie heute” aber erklä­ren, was genau er damit meint. Manche Menschen, so Mundle, stürz­ten sich in das

mediale Dauerfeuer, um per­sön­li­che Probleme zu ver­drän­gen. Statt auf ihre innere Stimme und Warnsignale ihres Körpers zu hören, betäu­ben sie sich mit Müll aus dem Internet. Wer es als quä­lend emp­fin­det, off­line zu sein, und wem es nicht gelingt, einen Tag in der Woche kom­plett ohne diese Medien aus­zu­kom­men, hat ein hand­fes­tes Problem.

Besagtes media­les Dauerfeuer erhöhe außer­dem die Produktion der Stresshormone Kortisol und Adrenalin, Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit lei­den.” Mundle: “Langfristig kann ein Burn-out-Syndrom die Folge sein.”

Nun ja, Mediziner und ihre Warnungen sind eine Sache. Bevor aber die gesamte Social Media Branche wegen Digital Burn Out in einer Psychomatik-Spezialklinik lan­det und die Krankenkassen noch mehr in den Ruin treibt, emp­feh­len wir (uns) für heute: Auch off­line ist es hin und wie­der ganz nett & Gute Nacht (nach­dem Sie beim Fertiglesen des Panoptikums noch reich­lich Kortisol aus­ge­schüt­tet haben).

Anm. von daten­schmutz: Ich kon­tere mit der Gegenthese: “Wer zu wenig oder gar nicht twit­tert, chat­tet, mailt etc. kann krank wer­den.” Widerleg das, Mundle! Oder, wie Mundl gesagt hätte: “Mei Twitta is ned deppat!”

Mobile Internetnutzung steigt rasant

ritchie aka datadirt Online-Umfragen sind immer so eine Sache: selbst wenn es heißt, es nahm “eine reprä­sen­ta­tive Stichprobe von über 1.000 Internetnutzern teil” muss man im Zweifelsfall davon aus­ge­hen, dass die Daten über irgend­wel­che Popup-Layer gesam­melt wur­den und eher arbi­trär als signi­fi­kant sind. Dennoch zeigt eine aktu­elle Umfrage, die Scout24 gemein­sam mit Innofact durch­ge­führt hat, dass — oh Über­ra­schung — mobi­les Internet längst kein Exotendasein mehr fris­tet: jeder zweite Nutzer war schon mal mit sei­nem Handy online, jeder vierte nutzt häu­fig mobile Services:

Mit 60 Prozent Nutzung und 29 Prozent inten­si­ver Nutzung sind Männer die Vorreiter beim mobi­len Internet. Die mobi­len Surfer inter­es­sie­ren sich zu 71 Prozent stark für Nachrichten, 59 Prozent zäh­len Navigationstools zu ihren belieb­tes­ten mobi­len Services. 51 Prozent erfreuen sich an Mobile Shopping.
Knapp 70 Prozent der befrag­ten Online-Nutzer wür­den für mobile Applications extra zah­len, sofern der ange­bo­tene Dienst ihnen einen per­sön­li­chen Mehrwert bringt.

Bildbearbeitung online — ein Picnik!

Judith aka Linzerschnitte Vor eini­gen Tagen war ich gezwun­gen, auf dem PC mei­nes Vaters zu arbei­ten. 13″-Röhrenmonitor, gefühlte 500 MB Arbeitsspeicher, Internet Explorer, keine Flash Updates etc. Und: Ich brauchte ein Bildbearbeitungsprogramm. Nicht ein­mal Standardsoftware war zu fin­den, von dem mir ver­trau­ten Photoshop ganz zu schweigen.

Da wagte ich den Versuch und googlte nach einem Online-Bildbearbeitungsprogramm. Ich wählte das erst­beste namens Picnik und war begeis­tert. Fotos ska­lie­ren, zuschnei­den und grund­sätz­li­che Bildbearbeitungstechniken ohne sich regis­trie­ren zu müs­sen, Bilder in ver­schie­de­nen Formaten und Qualitäten abspei­chern, groß­ar­tige Usability (kein Nachlesen erfor­der­lich) und noch zusätz­li­che Tipps und Erklärungen. Wer sich regis­triert, kann seine Fotos außer­dem auto­ma­tisch bei FlickR, Facebook usw. uploa­den. Das Service wird mitt­ler­weile in Deutsch ange­bo­ten, für $24,90 pro Jahr ist auch eine Premiumversion erhält­lich, die unter ande­rem Layers unter­stützt. Wem Photoshop immer schon zu viele und zu kom­pli­zierte Funktionen hatte und außer­dem zu teuer war, der wird in der Cloud glücklicher.

Obama weiß, was du einkaufst

ritchie aka datadirt Weil auf die USA fokus­sierte Terroristen natür­lich die Warenwirtschaft ihres kapi­ta­lis­ti­schen Erzfeindes nicht auch noch unter­stüt­zen wol­len, kau­fen sie die Bauteile für ihre Bomben vor­zugs­weise in Europa. Also las­sen die net­ten Politiker ihre Freunde von der Homeland Security natür­lich in die Konten bli­cken — wenn auch seit neu­es­tem nur für 6 Monate:

Deutschland, Öster­reich und Ungarn mach­ten dem­nach durch ihre Enthaltung den Weg frei.
Den Kritikern des Abkommens ist es gelun­gen, die Laufzeit von ursprüng­lich zwölf auf neun Monate her­un­ter­zu­han­deln. Allerdings bleibt das EU-Parlament unbe­rück­sich­tigt — und zwar nur einen Tag vor Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags, der den Volksvertretern ein Mitspracherecht in Sicherheitsfragen gibt.

Die Detailregelungen des Abkommens sind ein Hammer und ver­die­nen es, an die­ser Stelle näher beleuch­tet zu wer­den (Swift-Volltext):

Das US-Finanzministerium kann, dem neuen Abkommen zufolge, nicht ein­fach die Daten abho­len, son­dern muss einen mög­lichst genau defi­nier­ten Antrag stel­len. Wenn der ange­spro­chene Finanzdienstleister nicht in der Lage ist, den ange­for­der­ten Datensatz ein­deu­tig zu iden­ti­fi­zie­ren, muss er eine grö­ßere Datenmenge an die für die Kooperation mit den USA ver­ant­wort­li­che natio­nale Polizeibehörde über­mit­teln, die sie dann an die USA wei­ter­gibt. Die Verwendung der Daten ist expli­zit auf Terrorfahndung beschränkt. Außerdem dür­fen die Daten nicht zum auto­ma­ti­sier­ten Profiling sowie im Rahmen von Data-Mining-Aktionen ver­wen­det wer­den. Daten, die sich als nutz­los für die Fahnder her­aus­stel­len, müs­sen spä­tes­tens acht Monate nach deren Über­prü­fung gelöscht wer­den. Ein Richtervorbehalt bei den Anfragen ist nicht vorgesehen.

Unglaublicherweise stellt diese Situation aller­dings sogar ein “Verbesserung” gegen­über dem Status von vor 2006 dar, als US-Behörden ohne jeg­li­che recht­li­che Grundlagen mas­sen­haft Finanzdaten aus­wer­te­ten. Dass sich .at, .de und .ch ihrer Stimmen ent­hiel­ten, lie­ferte der Opposition eini­ges an Munition, bleibt aber unver­ständ­lich — ebenso wie der Kommentar der öster­rei­chi­schen Innenministerin:

Maria Fekter (ÖVP) bezeich­nete das Interimsabkommen in einer Mitteilung vom Montag als “unbe­frie­di­gend”. Sie habe sich daher der Stimme enthalten.

Wow — wirk­lich eine beru­hi­gende Haltung der Regierung in Sachen Europapolitik! Wenn uns irgend­was nicht passt, dann sagen wir — nix.

Social Media: No Joy with the ROI?

Judith aka Linzerschnitte Ist Social Media aus wirt­schaft­li­cher Sicht nur eine wei­tere Blase an über­zo­ge­nen Erwartungen und Goldgräbertum, wie Community TV in den 90ern, Multitext in den 2000ern und nahezu alles, was mit Interaktion und Medien zu tun hat? Manches weist dar­auf hin:
Firmen, auf deren nich­tige Eigenwerbung man sich im Social Web gerne ver­zich­ten könnte, ernen­nen sich plötz­lich zur Social Media Agentur und spre­chen von Mehrwert — und man fragt sich: Wenn sie selbst im Social Web kei­nen Mehrwert bie­ten, wie wol­len sie die­sen ihren Kunden ver­mit­teln? Social Media Berater, deren Schlüsselqualifikation es ist, einen Twitteraccount mit mehr als 500 Followern und Grundkenntnisse von WordPress zu haben, ver­meh­ren sich wie Schweingrippeviren. Und jeder Round Table oder XY-Tag beinhal­tet Social Media Slots, wo mit hei­ßer Luft nicht gegeizt wird.

Letztendlich gibt es ihn aber, den ROI von Social Media. Und wer weni­ger in Kampagnen denkt, son­dern daran, Digital Relations auf­zu­bauen, wird ihn frü­her oder spä­ter selbst erle­ben. Hier einige Beispiele dafür:

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Fickfreie Zone: die Top-Suchworte

ritchie aka datadirt Das Jahr neigt sich sei­nem Ende zu, fol­ge­rich­tig wer­fen die Suchmaschinenbetreiber ihre Statistikbots an — aus den aktu­el­len Hitparaden lässt sich so man­cher Trend able­sen. Dass kom­mer­zi­elle Angebote zum Thema Fortpflanzung an Relevanz ver­lo­ren hät­ten, möge aber kei­nes­falls vor­ei­lig gefol­gert wer­den: XXX-Suchworte fil­tern die Betreiber bedau­er­li­cher­weise aus. Dass die einen nicht unbe­trächt­li­chen Teil des Gesamtvolumens aus­ma­chen, legt eine aktu­el­ler Untersuchung des schwe­di­schen World Internet Institute nahe:

Men det är inte bara unga män som sex­sur­far, även bland kvin­nor är det nu 7% som upp­ger att de bes­ö­ker sidor med sexu­ellt innehåll.

Sexsurfar… hehe. 7% wär in der Tat nicht so wenig… die offi­zi­elle Hitparade wird indes in Deutschland von Megan Fox ange­führt, wäh­rend die Öster­rei­cher am häu­figs­ten nach “Wien”, “Youtube” und “Öster­reich” (wtf?) such­ten. Dass URL-Suchbegriffe wie “ebay” oder “gmx” eben­falls stark in den Top 10 ver­tre­ten sind, hat übri­gens mit der Direkt-Weiterleitungsfunktion aktu­el­ler Browser zu tun, aller­dings zählt ein sol­cher Aufruf eben auch als Suchvorgang.

Bei Yahoo dage­gen bleibt’s wei­ter­hin schwül, win­dig und ori­en­tie­rungs­los: die Top Begriffe lau­ten Wetter, Routenplaner, Wikipedia (sic!), Telefonbuch, Horoskop und Erotik. Wer die Schweinegrippe über­stan­den, für sei­nen Opel die Abwrackprämie kas­siert, einen Apfelkuchen ver­speist und anschlie­ßend mit Monica Lierhaus und Lady Gaga beim Echo 2009 einen “Sturm der Liebe” ent­fachte, lag kom­plett im Plansoll.

Noch eine Topliste: RSS-Technologien

ritchie aka datadirt ReadWriteWeb hat mit der Veröffentlichung der “tra­di­tio­nel­len” Best-Of Listen begon­nen. Dass in den “Top Mobile Web Products” aus­schließ­lich Android– und iPhone-Apps ver­tre­ten sind, mag auf einen gewis­sen redak­tio­nel­len Bias schlie­ßen las­sen (und dass die Top-10-Semantic-Apps Liste über­haupt gefüllt wer­den konnte, ver­wun­dert), aber im Beitrag über die Top 10 RSS & Syndication Technologies of 2009 habe ich ein inter­es­san­tes Service gefunden:

Echo, from JS-Kit is a reverse syn­di­ca­tion ser­vice for dis­tri­bu­ted social media con­ver­sa­ti­ons. It brings back tweets and other men­ti­ons to the page they refer to. The ser­vice is gro­wing fast and beco­m­ing more sophisti­ca­ted every week. New fea­tures come so fast and furious that it’s over­whel­ming but the end result is an expe­ri­ence that brings the dis­per­sed social web back toge­ther again.

Grundsätzlich nichts, das nicht andere Plugins auch leis­ten könn­ten — die Twitter-Kommentare impor­tiere ich schon län­gere Zeit via Backtype. Allerdings beherrscht Echo auch noch Unified Login und syn­chro­ni­siert alle Importe mit dem WP-eigenen Kommentarsystem. Werd ich mir dem­nächst mal näher anse­hen, immer­hin bin ich ein gro­ßer Fan von Premium Services und Echo kos­tet $48 pro Jahr. In diese Kategorie fällt auch Fever, der Feedreader für Geeks: es han­delt sich nicht um lokale Software, son­dern um eine am eige­nen Webserver gehos­tete mobile-taugliche Software. Mit $30 ein güns­ti­ges Weihnachtsgeschenk für alle, die keine Steckdosen für neue Hardware-Gadgets mehr frei haben.

Ritchies Video der Woche

Gerade mal 12 Jahre alt ist die­ser äußerst talen­tierte Schlagzeuger — die Rhythmus– und Tempi-Wechsel in die­sem Solo sind unglaub­lich — muss man gehört und gese­hen haben! (Gefunden in Karola Rieglers Facebook Feed):

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Judiths Video der Woche

Einmal noch, okay? Dann mach ich wie­der mal eine Pause mit Katzencontent. Aber die­ses eine Mal muss noch sein.…

Lesetipps der Woche

  • Steve Gillmor hat auf TechCrunchIT einen aus­ge­dehn­ten Beitrag über die stra­te­gi­sche “Aushungerung” Twitters durch Friendfeed ver­öf­fent­licht, in dem er auch auf die Problematik der “data ownership” eingeht.
  • Lesetipp/Weihnachtswunschlistentipp: Gmail-User auf­ge­passt: Das Gboard ist da! Ein USB-Board, mit dem ohne Scrollen auf Gmail navi­giert wer­den kann. Kostenpunkt 19 Dollar — www.gboard.com

Und damit sind wir auch schon wie­der am Ende der Rückschau und somit in der Gegenwart ange­kom­men — wir hof­fen, Sie hat­ten einen sanf­ten Flug und freuen uns, Sie bald wie­der an Bord des Blogistan Panoptikums begrü­ßen zu dür­fen. Bitte geben Sie aus Sicherheitsgründen einen Kommentar ab, bevor Sie die­sen Beitrag ver­las­sen. Linzerschnitte und daten­schmutz wün­schen einen geruh­sa­men Restsonntag und einen beacht­li­chen Start in die kom­mende Woche; wir lesen uns am Montag!

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