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Jaron Lanier verflucht die Netzkultur

24.01.2010, geschrieben von , 12 Kommentare

Wenn irgendwo ganz weit vorne auf der Netz-Avantgarde-Welle ein Rasta surfte, dann han­delte es sich mit ziem­li­cher Sicherheit um den Digital-Pionier . Zahllose ein­ge­ritzte Kerben zie­ren die Rückseite sei­nes Smartphones — eine für jedes selbst erfun­dene Buzzword, und dazu gehö­ren in Jarons Fall Heavyweights wie “” (ja, das stammt von ihm) oder “”. Die Rastazöpfe sind zwar län­ger gewor­den, aber der einst­ma­lig affir­ma­tive Optimismus hat sich nahezu in sein Gegenteil ver­kehrt. Dieser Tage spricht Lanier im FAZ– lie­ber Ende des digi­ta­len Maoismus und vom “digi­ta­len Mob”.

Er sieht im gegen­wär­ti­gen Status des Internet näm­lich alles andere als die tech­no­lo­gi­sche Verwirklichung der alten Versprechung des “freien Zugangs für alle”. Der habe sich, so Lanier, in eine bei­spiel­lose Ausbeutung von Kreativen gewandelt:

Ich bin unter ande­rem zu dem ziem­lich ver­stö­ren­den Schluss gekom­men, dass das Phantasiebild von den Musikern, Journalisten, Geistesarbeitern, die zwar durch file sharing und soziale Netzwerke ökono­misch in Bedrängnis gerie­ten, aber so auch neue Geldquellen auf­spür­ten, falsch ist. Viele Leute geben immer noch vor, dass dies jetzt geschieht, weil sie an die vor­herr­schende Ideologie glau­ben, aber die Daten wider­spre­chen ihnen.

Als Lösung des gegen­wär­ti­gen Dilemmas, dass alte Einkommensmodell weg­bre­chen, wäh­rend Ersatz nicht in Sicht ist, greift Lanier auf einen Klassiker zurück: Ted “Xanadu” Nelson, geis­ti­ger Vater des Konzepts Hypertext, schlug schon in den 60ern ein System-immanentes Micro-Payment Verfahren vor. Dieses dürfe aber nicht von einer ein­zel­nen Firma, son­dern müsse zwi­schen­staat­lich ent­wor­fen wer­den und damit uni­ver­sell gültig.

Denn der Preis der Offenheit dürfe nicht die Entrechtung von Individuen sein, so Lanier, der sich mitt­ler­weile offen­sicht­lich in der Rolle des Robin Hood ganz gut gefällt. Ich denke kei­nes­wegs, dass die ange­spro­chene Problematik auf das Fehlen eines Zahlungssystems zurück zu füh­ren ist und schon gar nicht, dass Kreativität not­wen­di­ger­weise ans ökono­mi­sche System rück­ge­bun­den sein muss. Ausgesprochen ori­gi­nell finde ich dage­gen Jaron Laniers Urteil über Facebook und Co.:

Websites, die ich am meis­ten kri­ti­siere, sind zufäl­lig auch jene, die nicht pro­fi­ta­bel sind. Sie bie­ten Mash-ups an, bei denen die indi­vi­du­elle Stimme nicht mehr zu hören ist: Facebook, Twitter, Wikipedia. Gut, sie sind nicht alle gleich schlimm, Wikipedia ist schlim­mer als Facebook, aber keine von ihnen hat einen Profit vor­zu­wei­sen. Wikipedia ist gemein­nüt­zig, Twitter und Facebook ver­su­chen pro­fi­ta­bel zu sein, kön­nen es aber nicht über tri­viale Summen hin­aus. Ihre Existenz ver­dan­ken sie ideo­lo­gi­schen Gründen, aber als Firmen sind sie gescheitert.

Das oft zitierte Problem der Informationsflut respek­tive Reizüberflutung sieht Lanier nicht in der schie­ren Menge der Information, son­dern in deren Fragmentierung. Das Mash-Up, das Informationsfragmente aus sei­nem Zusammenhang reißt, sei das eigent­li­che Problem, und der Faktor “Mensch” dürfte nicht aus der Gleichung “Internet” her­aus­ge­nom­men wer­den. Freilich: man­ches mag nach “nona” klin­gen, und ich bezweifle, dass die Netzwelt tat­säch­lich jeman­den braucht, der ihr erklärt, dass das Internet keine “Superlebensform” sei. Dennoch hebt sich JL nach wie vor ange­nehm vom schaum­ge­brems­ten Mainstream ange­nehm ab:

Eine Maschine wird gern für intel­li­gen­ter gehal­ten, als sie ist. Die Leute, die für Suchmaschinen ver­ant­wort­lich sind, geben vor, dass ihre Apparate ver­ste­hen, wonach gesucht wird. Das stimmt natür­lich nicht. Aus neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Sicht sind Suchmaschinen nichts als Schund. Es gibt noch keine tech­no­lo­gi­schen Mittel, Semantik oder Logik darzustellen.

Allein dafür hab ich mir gerade sein neues Oeuvre bestel­len müssen:

Jaron Lanier: You Are Not a Gadget: A Manifesto Jaron Lanier verflucht die Netzkultur

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Bisher haben meine Lieblingsleser 12 Kommentare zu "Jaron Lanier verflucht die Netzkultur" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Susanne Identicon Icon

    Ich steh auf seine Aussagen, sie polarisieren.

    Eines kann ich aber nicht unkom­men­tiert las­sen, das ist auf­ge­legt (und Du hast es freund­li­cher­weise aus­ge­las­sen): Facebook ist wirt­schaft­lich nicht erfolgreich?

    Da muss doch gleich die eben­falls kri­ti­sierte Wikipedia her­hal­ten:
    “Verschiedene Quellen schät­zen den Gesamtwert des Unternehmens sehr unter­schied­lich zwi­schen 3 und 15 Milliarden Dollar; ein tat­säch­li­cher Wert von 10 Milliarden Dollar erscheint rea­lis­tisch. Microsoft bewer­tet Facebook Anfang Mai 2008 mit einem Gesamtwert von 15 Milliarden Dollar.
    Zuckerbergs Vermögen belief sich im September 2009 auf rund 2,0 Milliarden Dollar und ist par­al­lel zum Anwachsen des Marktwerts von Facebook ste­tig stei­gend. Damit ist er der jüngste zur Zeit lebende Milliardär der Welt.” (Hier nach­zu­le­sen: http://de.wikipedia.org/wiki/Mark_Zuckerberg)

    Also so finan­zi­ell erfolg­los möchte ich auch gerne sein. :king:

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  • Moris Identicon Icon

    Hallo Susanne,

    und was bleibt über wenn wir die Facebookfestplatte löschen? NIX… Nee das ist und bleibt ein Portal ohne Einkünfte.

    Gruß

    Moris

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 26. Januar 2010 um 21:51

    Seh ich auch so… sol­che Bewertungen sind bloß ein skur­ri­ler Auswuchs des Börsen-Kapitalismus; klar sind die Gründer super-reich gewor­den damit, aber der Unternehmenswert exis­tiert in der Tat bloß am Papier.

    Die meis­ten Ende der 90er pleite gegan­ge­nen Start-Ups waren auch sehr hoch bewer­tet von Analysten; da gibt’s diese groß­art­tige Simpsons-Szene, in der Bart Simpsons für ein Start-Up arbei­ten soll. Der Typ meint dann zum ihm: “Wir kön­nen dich nicht bezah­len, aber du bekommst Beteiligungen” und zeigt dabei auf einen klo­pa­pier­ar­ti­gen­rol­len­hal­ter­ar­ti­gen (wow, was für ein lan­ges Adjektiv!) Apparat — Aktien-Selbstbedienung. Dieses Bild trifft’s wirk­lich ganz gut :frog2:

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  • Michael Hafner Identicon Icon

    Ich brüte auch gerade über dem Manifesto.

    Bin mir nicht sicher, ob ich der indi­vi­du­el­len Autorenstimme in den Netzwerken und Mashups nach­trau­ern möchte — haben wir diese Dinge nicht gerade dazu erfunden?

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 26. Januar 2010 um 21:34

    Individuelle Autorenstimmen sind extrem überbewertet! :pirat:

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    Michael Hafner Identicon Icon

    der Pirat ist cool…

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 14. Februar 2010 um 18:34

    Yup, den hat Michael gemacht — der hat gene­rell sehr groß­ar­tige Smilies: http://www.greensmilies.com/

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  • fadi Identicon Icon

    hab’ das inter­view in der FAZ mit freude gele­sen. habe seit zei­ten des gopher­net so viele hypes kom­men sehen, mit­ge­lebt und wie­der ver­puf­fen gese­hen, ohne dass allzu viel geblie­ben wäre. am schöns­ten ist sowieso die zeit nach dem hype. da bleibt das über was bestand hat.

    fazit: es hat viel spass gemacht. geld haben damit andere ver­dient.
    mein neffe ist 15 und wird die musik sei­ner band dem­nächst auf cas­sette ver­öf­fent­li­chen. da kommt freude auf. hab zwi­schen 1984 — 1993 auch nichts ande­res gemacht.
    :frog3:

    lg fadi
    (http://www.base.at/shop)

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 26. Januar 2010 um 21:35

    Mit der “Zeit nach dem Hype” hast du sowas von 100% recht… ich kann’s eigent­lich kaum mehr erwar­ten, bis die Social Blase platzt! :frog:

    Und in punkto Spaß+Geld kann ich Dir auch nur zustimmen.

    Und: ich möchte bitte eine Vorbestellung täti­gen für die Kassette dei­nes Neffen! Im Arbeitszimmer steht immer noch mein alter Ghettoblaster.

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  • Susanne Identicon Icon

    Können wir kurz über “wirt­schaft­lich erfolg­reich” reden? Ein mit 10 – 15 Mrd. Dollar bewer­te­tes Unternehmen gilt in gro­ßen Teilen der Welt der­zeit als erfolgreich.

    Ob ihr euch wünscht, dass Blasen plat­zen, ob sich der Erfolg ändert wenn Wirtschaften zusam­men­bre­chen und ob der Erfolg nicht rea­li­siert und rein vir­tu­ell ist — das sind andere Themen, eben­falls diskussionswürdig.

    Aber wie kann man sagen, dass in einer Marktwirtschaft wie der ame­ri­ka­ni­schen 10 – 15 Mrd. Unternehmenswert und 2 Mrd. Privatvermögen wirt­schaft­lich nicht erfolg­reich sind? Gelten nach Dotcomcrash und Bankenkrise echt nur mehr Produktionsbetriebe mit eige­nem Landbesitz als erfolg­reich, weil asset­ge­stützt? Wenn ja bringe ich sofort WW2 in die Diskussion ein.

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 27. Januar 2010 um 12:10

    Ich seh das durch­wegs nicht so, dass der Unternehmenswert asset­ge­stützt berech­net wer­den muss; aber was mir bei FB kom­plett fehlt, ist *irgend­eine Perspektive* zum Turn-Around: die Infrastruktur ist sejr teuer und die Burn-Rate immens hoch; in der jet­zi­gen Form *muss* FB an einen Punkt kom­men, wo den Investoren das Verlustrisiko ein­fach zu hoch wird! Aber was meinst du mit WW2?

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  • Züchter Identicon Icon

    auf das Fehlen eines Zahlungssystems zurück zu füh­ren ist und schon gar nicht, dass Kreativität not­wen­di­ger­weise ans ökono­mi­sche System rück­ge­bun­den sein muss.“

    Ich denke aber schon dass es an Möglichkeiten fehlt deine geis­tige Eigentümer finan­zi­ell aus­zu­schöp­fen denn im Internet herrscht eine Umsonstkultur. Und Leute haben sich gewöhnt an ober­fläch­li­che Informationen und ahnen gar nicht dass bes­sere Informationsquellen ein bestimm­ter Wert haben. Dabei wusste ich auch nicht das Wikipedia einst pro­fi­ta­bel sein musste. Denn als gewinn­brin­gen­der Firma ist Wikipedia viel­leicht geschei­tert, das neue Internet Informationslandschaft hat sie ganz sicher mitgeprägt.

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