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Social.Media.Sucht: Hilfe, das Internet hat meinen Verstand gefressen

27.01.2010, geschrieben von , 5 Kommentare

Was haben die FAZ und the gap gemein­sam? Die Herausgeber bei­der Druckwerke miss­trauen dem Internet und den Herzpulsbeschleunigenden Fährnissen digi­ta­ler Ubiquität, ja man könnte ohne Über­trei­bung sagen: sie beäu­gen die sozi­al­kraft­zer­set­zende Auswirkung der digi­ta­len Revolution aus­ge­nom­men kri­tisch. Frank Schirrmacher in sei­nem kürz­lich wohl­kal­ku­liert erschie­nen Irrwegs-Essay, Thomas Weber im aktu­el­len Impressum von the gap. Es läge dem­nach die Haupt-Lebensqualität-verbessernde Wirkung des Internet darin, sich “auch mal eine Auszeit” respek­tive eine “–freie” Periode zu gönnen.

Nun mag ich zwar den Falter lie­ber als je zuvor, denn nicht ein­mal die Titanic ist unter­halt­sa­mer als eine Truppe von erz­re­ak­tio­nä­ren Alt-68ern, die sich aus selbst­kon­stru­ier­ter Tradition her­aus für “pro­gres­sive Links(liberale) hal­ten. Und ich schätze Armin Thurnhers unmo­ti­vierte und belei­di­gende Ausritte gegen die Internetgeneration im Allgemeinen und gegen seine eige­nen Mitarbeiter im Speziellen min­des­tens so sehr wie Hans Mentz’ Humorkritik. Doch die Dreistigkeit, mit der die junge Generation einem Armin Thurnher sei­nen klaut, erschüt­tert mei­nen Irrglauben ans Urheberrecht zutiefst.

Heulen und Zähneknirschen

Möglicherweise resul­tiert das “Unbehagen mit der digi­ta­len Kultur” aber auch bloß aus einer Nutzungspraxis, die , Facebook und Co. mit den News des Tages ver­wech­selt und die wun­der­bare Arbitrarität der Netzwelt in die gewohnte Zentralperspektive pres­sen möchte. Vergessen wir nicht: jene “junge Generation”, wel­che die Geschicke des staat­li­chen Jugendsenders (nur in .at und im Ex-Kommunismus keine con­tra­dic­tio in adjecto) lenkt und lei­tet, erwar­tet in Kürze die Freuden der ers­ten Großelternschaft. Ich nehme mir aber den Luxus her­aus, trotz­dem nicht wahr­ha­ben zu wol­len, dass Journalisten nur die Wahl zwi­schen Berufsjugendlichkeit und vor­zei­ti­ger Vergreisung bleibt.

Möglicherweise ver­wei­sen die apo­ka­lyp­ti­schen Szenarien der Integrierten ja auch bloß auf eine allzu mensch­li­che Urangst: das eigene Rezeptionsverhalten kri­tisch zu hin­ter­fra­gen und mög­li­cher­weise gar zu ändern erfor­dert mit Sicherheit mehr Energieaufwand als ein ver­nehm­li­ches “Früher war alles bes­ser!” im Brustton der Überzeugung.

Um die so sehn­lich her­bei gewünschte eigene kon­sta­tie­ren zu kön­nen, mag die erste her­bei­ge­re­dete Über­for­de­rung und die im dia­lek­tisch zwei­ten Schritt so sicher wie das Amen in der Kirche fol­gende Krisenbewältigung nütz­lich sein, allein: der Nutzungsrealität der “net.generation”, die sich aus Facebook zurück zu zie­hen beginnt, seit erste Elternteile dort stal­ken, ent­spricht sie nicht. Blind macht nicht nur der berühmte Fleck am Auge, son­dern auch der Kulturbetrieb: und so über­sieht der geschäf­tige Bobo gerne, dass ihn kein ein­zi­ger prag­ma­ti­scher Grund, son­dern bloß der dring­li­che Wunsch nach Zeitgeistkompatibilität schein­bar zur Ever-On Lebensweise zwingt.

Online kann man nicht Komasaufen

Kulturpessimistische Betrachtungsweisen haben eine kurze Halbwertszeit gemein­sam: Wer sich hin­stellt und die infor­ma­tio­nelle Totalüberforderung ob hun­dert ver­schie­de­ner Fernsehkanäle oder Printmagazine pro­pa­giert, ist ent­we­der mäßig ori­gi­nel­ler Kabarettist oder ein­fach nur ein Vollpfosten. Ein Szenario, in dem sich “Medienprofis” der eige­nen Nutzungs-Souveränität ver­si­chern, natür­lich nicht ohne den einen oder ande­ren mah­nen­den Zeigefinger Richtung Kids und/oder Mainstream zu erhe­ben, wird sich lässt an Lächerlichkeit schwer über­bie­ten las­sen — in ein paar Jahren. Nur im Auge des Orkans, im infi­ni­te­si­mal klei­nen Zeitabschnitt, den wir als Gegenwart emp­fin­den, kann der geübte Kulturpessimist seine ewig-gleiche Strategiekeule auspacken.

Weil Umberto Eco in “Apokalyptiker und Integrierte” diese Strategien her­vor­ra­gend beschrie­ben hat, hier zum Abschluss nur eine kleine Anmerkung für skep­ti­sche Medienprofis: Fragen Sie doch mal ein paar Polit-Blogger aus nicht ganz so demo­kra­ti­schen Staaten, ob sie sich vom Web 2.0 auch so “gestresst” füh­len, dass sie ab und an im Gefängnis eine Auszeit neh­men müs­sen? Für mich riecht es jeden­falls nach unre­flek­tier­tem Elitarismus, wenn just in jenem Moment, an dem das Social Web zu einem Massenmedien wird, die Mahner den Zeigefinger erhe­ben — frü­her nannte man sowas Luxusproblem.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 5 Kommentare zu "Social.Media.Sucht: Hilfe, das Internet hat meinen Verstand gefressen" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Paula Identicon Icon

    Sowieso!..
    da wird uns erzählt was wir hören wol­len bzw hören sol­len!!
    Es wird uns alles schön zurecht gelegt..
    Ich glaube da nicht mehr dran..
    Im ers­ten Die News kann man noch sehn..dass wars aber dann schon..
    Paula :saint:

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  • Karl Identicon Icon

    Muahaha, kann man sowas denn ernst neh­men ? Neenee…

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  • Bassing Identicon Icon

    Sehr schö­ner Beitrag. Der bringt genau meine Gedanken dazu auf den Punkt. Grüße aus Berlin. Micha

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  • Caro Identicon Icon
    Caro sagte am 26. Oktober 2010 um 8:53

    Treffender hätte man es nicht for­mu­lie­ren kön­nen. Vor allem in Punkto “Komasaufen kann man nicht online ;)” geb ich dir abso­lut recht.Ein Luxusproblem, dass wir uns als Gesellschaft mit einer der höchs­ten Rate an Sozialfällen und Arbeitslosen defi­ni­tiv nicht leis­ten können!

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 28. Oktober 2010 um 2:44

    Ach, grade wir “rei­chen” Ländern nei­gen doch dazu, uns jede Menge Luxusprobleme zu “leisten”.

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