Abschiebepraxis: Da waren’s nur noch 10

Bernard Karrrica

Der Gerechtigkeit muss genüge getan werden und das Böse bekämpft: besonders wenn es in der nur scheinbar harmlosen Gestalt eines neunjährigen Fußballspielers daherkommt. Ab in den Kosovo mit ihm! Wir müssen uns alle darüber im Klaren sein, dass eine potentielle Bundespräsidentin, die mit Nazi-Symbolik kokettiert, keine Bedrohung für dieses Land großer Söhne und Töchter darstellt, während Bernard Karrica mit Hinterlist und Chuzpe, wie sie sich nur ein Neunjähriger ausdenken kann, diesem Land unsagbaren Schaden zufügen könnte.

Die Perfidität seines Tuns muss man sich auch wirklich auf der Zunge zergehen lassen: schon als Vierjähriger stürzte Bernard den Kosovo in Krieg und Chaos, nur um seine Eltern zur Auswanderung nach Österreich zu zwingen. Nicht genug mit dieser dreisten Ortswechselei: die insgesamt fünfköpfige Familie Karrica besaß auch noch die Frechheit, sich mit Familien aus dem Ort anzufreunden. Und als wäre dies noch nicht skandalös, schickten sie Bernard auch noch zum Fußballtraining. Sein Trainer sagt übrigens über ihn:

Ich habe Bernard 4,5 Jahre lang trainiert und meistens auch vom oder zum Training oder Match gebracht – er ist das größte Talent, welches je in unserer Gemeinde gespielt hat. Nach all den Jahren ist er wie ein zweiter Sohn für mich! Ich habe jetzt noch Kontakt mit Bernards Vater – er weint immer noch jede Nacht!

Und warum weint er, der Vater? Weil die brave und aufrechte Innenministerin Bernard samt seiner Anverwandtschaft endlich deportieren ließ. Wo kämen wir denn da hin, wenn jede auf Zeit eingewanderte Familie sich so gut integriert? Die Frau Ministerin Schottermizzi hat sich doch klar und deutlich für mehr Erst- und Letztaufnahme-Zentren ausgesprochen. Der eigentliche Skandal: ganze fünf Tage hat’s gedauert, die Karricas zu deportieren:

Mittwoch 17.2.2010: negative Asylentscheidung und mit der Polizei innerhalb von wenigen Stunden wurde die Familie aus der Wohnung in einen anderen Ort, in eine Pension, gebracht.

Samstag 20.2.2010: Festnahme und Überstellung in das Schubhaftgebäude Wien

Sonntag 21.2.2010: Abflug in den Kosovo

Das geht doch schneller oder was! Zum Einpacken war ja offenbar auch keine Zeit:

Mama, der Bernard ist eingesperrt und am Montag kommt eine Schulpsychologin zu uns.“
Wofür?
Um den Kindern zu sagen, dass eh alles nicht so schlimm ist?
Es ist schlimm, sehr schlimm sogar. Seine Schulbücher, Hefte, Malsachen, Turnsackerl, Werkkoffer, Patschen, alles ist wie immer an seinem Platz — nur Bernard, dem diese Dinge gehören, ist nicht da!

Jetzt stellen Sie sich mal vor, irgendwelche linkslinken Gutmenschen beginnen Schwachsinn von humanitärem Bleiberecht zu faseln. Denen ist ohne weiteres zuzutrauen, dass sie eine Petition starten – wo doch jeder weiß, dass ein neunjähriger talentierter Fußballspieler mit seiner unbescholtenen Familie wirklich nix in Österreich verloren hat!

Was, die Petition gibt’s schon?

Und Sie sind da anderer Meinung und Ihre Scham über „effiziente Abschiebepraktiken des Innenministeriums“ schlägt langsam in ein Gefühl der ohnmächtigen Wut um? Dann unterschreiben Sie! Dass mediale Präsenz wenig ausrichtet und im Zweifelsfalls auch der onkelhafte Bundespräsident und der angeblich sozialistische angebliche Kanzler unisono befinden, Recht müsse Recht bleiben, kennen wir von der Causa Arigona zur Genüge.

Mir ist eine FP-Kandidatin (die ja wohl aus guter alter Parteitradition geradezu heimelige NS-Gefühle verspüren *muss*) fürs Bundespräsidentenamt weitgehende egal. Aber was mir wirklich Angst macht, ist die Tatsache, dass Politiker, die hinter Entscheidungen wie der Abschiebung der Karricas stehen, immer und immer und immer wiedergewählt werden. Let’s face it: die FPÖ veranstaltet populistisches Kasperltheater, aber die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP greifen dort in die Scheiße, wo’s nicht nur beleidigt, sondern Menschenleben zerstört. Wie lange wollen wir ihnen das denn eigentlich noch durchgehen lassen?

Fußball verbindet: Petition für Bernard Karrica

7 comments
Alex
Alex

Ich kenne diese Situation nur zu gut. Meine Freundin hat türkische Wurzeln, wurde jedoch hier in Deutschland geboren. Trotzdem hat sie keinen deutschen Pass und keine deutsche Staatsangehörigkeit - ihr droht jeder Zeit die Abschiebung. Sie ist völlig integriert, doch macht der Staat es ihr schwer, da Behördengänge etc so verkompliziert werden... Sie hofft so sehr irgendwann die Staatsbürgerschaft annehmen zu können und sich endlich frei fühlen zu können ohne die Angst vor der Willkür...

Lisa
Lisa

Zum Thema Abschiebung kam letzte Woche - auf Phoenix glaube ich - eine interessante Doku. Hier ging es um Roma, die vermehrt aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben werden. Jugebdliche, die in Deutschland geboren und dementsprechend hier sozialisiert wurden, werden in ein ihnen fremdes Land abgeschoben, in dem man sich weder um sie kümmern kann noch will. Die Menschen leben dort unter Zuständen wie man sie sich nicht mal im Ansatz vorstellen kann - fließendes Wasser und ärztliche Versorgung sind dort überhaupt nicht vorhanden, geschweige denn Arbeit. Es ist wirklich erbärmlich wie in Deutschland Abschiebepolitik betrieben wird. Umso wichtiger jeden einzelnen Fall in die Öffentlichkeit zu bringen und dagegen zu protestieren, damit die Herren Politiker merken, dass ihre Politik von der Bevölkerung nicht getragen wird!

Christian
Christian

Bei mir in der nähe in Offenbach gab es vor ein paar Monaten einen ganz ähnlichen Fall, damals wurde die Aktion von einer AG-Wohlfahrt (Arbeitsgemeinschaft Wohlfahrt) angeleiert. Deren einzige Aufgabe war es Leute ausfindig zu machen, bei denen es irgendwelche kleinen Ungereimtheiten gab und diese dann abzuschieben. Ganz egal, ob die ganze Familie bestens integriert war. An der Uni gabs daraufhin einiges an Protest. Ich bin mal gespannt wie der Fall hier ausgeht.

Joe
Joe

Echt beschämend. Finde ich toll, dass du das hier auf deinem Blog publik machst und Leute wie mich darauf aufmerksam. Das schreit nach einer Facebook-Gruppe + Petition! mfg Joe

Leon Meistra
Leon Meistra

Also sowas geht ja echt nicht. Bei uns ist sowas auch Mal passiert. Haben dann mein Girokonto geplündert und ihm einen neuen Fußball gekauft.