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Ars Electronica Ausstellung: Social Media und Hypertext um 1900

22.06.2010, geschrieben von , 10 Kommentare
15. Juni 2010bis19. September 2010

Wer weit in die schauen will, braucht ent­we­der eine Kristallkugel mit min­des­tens 10-Megapixel-Chip, oder aber eine scharfe Beobachtungsgabe, die Fähigkeit zur Extrapolation und eine leb­hafte Phantasie. Wie die aktu­elle Sommerschau des Center zeigt, wurde so man­ches, was im Fin de siè­cle wie Science Fiction schei­nen musste, tech­ni­sche Realität der Gegenwart. So schreibt in sei­nem Essay “Das draht­lose Jahrhundert” 1910 über die Kommunikationsmittel der Gegenwart:

Jedermann wird sein eige­nes Taschentelefon haben, durch wel­ches er sich, mit wem er will, wird ver­bin­den kön­nen. Die Bürger der draht­lo­sen Zeit wer­den über­all mit ihrem Empfänger her­um­ge­hen, der irgendwo, im Hut oder anderswo, ange­bracht sein wird…

ars 100 600x362 Ars Electronica Ausstellung: Social Media und Hypertext um 1900

Gute Idee… die Sache mit dem Hut, eine geschickt plat­zierte Antenne müsste zumin­dest den WLAN-Empfang gra­vie­rend ver­bes­sern, und wer weiß: wo Pimps noch eine Feder im Hutband ste­cken hat­ten, trägt der Geek von über­mor­gen womög­lich einen nicht bloß fashio­nab­len, son­dern über­aus nütz­li­chen Drahtbügel. Aber zurück nach : in der aktu­el­len Die Welt in 100 Jahren — eine Reise in die Geschichte der Zukunft stellt das Ars Electronica Center Linz die Visionen von Vordenkern des aus­ge­hen­den 19. und begin­nen­den 20. Jahrhunderts den Zukunftsentwürfen zeit­ge­nös­si­scher Wissenschaftler und Künstler gegen­über. Klingt auge­spro­chen besu­chens­wert, und wenn der 2010er-Sommer wei­ter so reg­ne­risch wei­ter­geht, wie er begon­nen hat, kom­men Indoor-Aktivitäten ganz beson­ders gelegen.

Im Zentrum des historisch-futuristischen Parts der Ausstellung ste­hen der mir bis­lang unbe­kannte fran­zö­si­sche Schriftsteller, Zeichner und Karikaturist (1848 – 1926), der in sei­nem 1891 erschie­nen Buch über “Das elek­tri­sche Leben des 20. Jahrhunderts” nicht nur elek­tro­ni­sche Nachrichtenübermittlung, Live-Berichterstattung und Flugobjekte, son­dern auch digi­tale Über­wa­chung, Spams und per­ma­nente Reizüberflutung prophezeite.

Der zweite Name dage­gen ist mir ver­traut — den “” Erfinder Paul Otlet (1868 – 1944) kenne ich aus Frank Hartmanns Büchern. Der Belgier gilt als Vater der moder­nen Informationstheorie und beschränkte sich kei­nes­wegs auf die Theorie, mit dem Nobelpreisträger Henri La Fontaine grün­det er 1895 das “Office International de Bibliographie”. Die Ambitionen des Duos reich­ten weit über eine gewöhn­li­che Bibliothek hin­aus. Das gesamte Wissen der Menschheit sollte gebün­delt wer­den, um es allen zugäng­lich zu machen und durch bes­sere “Vernetzung” zukünf­tige Kriege zu ver­hin­dern. Ein Zitat aus dem Pressetext zur Ausstellung zeigt, dass die bei­den Visonäre in der Tat eine Menge Ideen vorwegnahmen:

Nach der Weltausstellung von 1910 bie­tet die bel­gi­sche Regierung Paul Otlet ein gro­ßes Gebäude an – das “Palais du Monde” bzw. “Mundaneum” in Brüssel. Der Versuch ihr Projekt zu “glo­ba­li­sie­ren” und zwi­schen 1900 und 1914 in Paris, Washington und Rio de Janeiro wei­tere “Datenzentren” auf­zu­bauen schei­tert, nicht zuletzt an explo­die­ren­den Kosten. Das ursprüng­li­che “Mundaneum” hin­ge­gen ver­fügt 1934 über mehr als 15 Millionen Bücher, Zeitschriften, Fotos, auch schon erste Ton– und Filmdokumente – und die erste ana­loge Suchmaschine der Geschichte. Mittels der von Otlet ent­wi­ckel­ten Universellen Dezimalklassifikation wer­den nicht nur die Titel der Bibliothek beschlag­wor­tet und kate­go­ri­siert, son­dern auch alle ein­ge­hen­den Anfragen (bis zu 1.500 konn­ten pro Jahr bear­bei­tet wer­den). Dabei wurde fest­ge­hal­ten, für wel­che Informationen sich BenutzerInnen inter­es­sie­ren, um dar­aus Aussagen über die Relevanz der Dokumente zu erlan­gen und die Antworten auf die Suchanfragen zu opti­mie­ren. Aufgrund die­ser aus­ge­klü­gel­ten Kategorisierung bzw. “Verlinkung” und der Idee, Daten in einem zen­tra­len Netzwerk zu spei­chern, gilt Paul Otlet als der Urvater des Hypertexts und Vordenker des Internets. Zukunftsweisend nimmt er Entwicklungen wie Web 2.0, Social Media und User Recommender Systems vorweg.

Ted Nelson hat zwar den Terminus “” geprägt, aber Meister Otlet war ein­deu­tig frü­her dran, schei­terte aber teils an explo­die­ren­den Kosten, teils an feh­len­den Technologien. Besonders bit­ter: 1940 wird das ehe­ma­lige Mundaneum für eine Ausstellung über Nazi-Kunst geräumt, dabei zer­stö­ren die Besetzer 67 Tonnen Dokumente. Frank Hartmann hat mir kürz­lich die­ses Handy-Foto geschickt, es zeigt einen von Paul Otlets Original-Karteikästen:

otlet Ars Electronica Ausstellung: Social Media und Hypertext um 1900

Der futu­ris­ti­sche Teil der Ausstellung läuft unter dem Titel “Next Ideas”, gezeigt wer­den diverse Projekte von “the next idea” Stipendiaten. Seit 2004 för­dern voe­st­al­pine und Ars Electronica mit die­sem Programm tech­no­lo­gi­sche und wis­sen­schaft­li­che Innovation, denn visio­näre Ideen haben es nun mal an sich, dass sie ihrer Zeit aus­ge­spro­chen weit vor­aus sind. So mag Cesar Haradas aut­arke, schwim­mende Siedlung auf dem offe­nen Meer (hof­fent­lich ohne Kevin Costner) heute noch unmach­bar schei­nen, aber das hät­ten die meis­ten sei­ner Zeitgenossen damals wohl auch über Otlets Ideen gesagt.


Fotocredits: Ars Electronica Presse-Service / Frank Hartmann

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Bisher haben meine Lieblingsleser 10 Kommentare zu "Ars Electronica Ausstellung: Social Media und Hypertext um 1900" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Christopher Identicon Icon

    Ich finde es immer wie­der inter­es­sant, wie sich die Leute vor 100 Jahren die Zukunft vor­ge­stellt haben. Bemerkenswert finde ich auch, dass Dinge, bei deren Äuße­rung man damals viel­leicht höchs­tens eine Portion Spott ern­tete, heute Realität sind (siehe Flugzeug oder Handy/Smartphone).

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 28. Juni 2010 um 9:46

    Ja — das stimmt, aber das sind halt auch genau die, die übrig geblie­ben sind — sprich: es gab natür­lich auch jede Menge Ideen, die tat­säch­lich völ­lig illu­so­risch waren. Aber das im vor­hin­ein zu wis­sen ist eine Kunst, die wohl nur sehr wenige beherrschen…

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  • pixmac3Cmanager Identicon Icon

    Rewind to the past, fast foward back to now. Jetzt hab ich wie­der mal lust für das AEC fes­ti­val bekom­men. :-)
    Es gibt immer und es wird immer geben, Leute die weit hin­aus­den­ken und die Zukunft sehen kön­nen, sie sind Menschenkenner gute Beobachter, lei­der wer­den sie oft aus­ge­lacht, ange­lä­chelt, ver­rückt erklärt oder ver­spot­tet. Ideen gibt es wirk­lich wie Sand am Meer. Ideen von Visionären spie­geln mög­li­che Wünsche der Masse. Und ob und wann die Masse wirk­lich dar­auf ansprech­bar ist, ist ein beson­de­res und unbe­re­chen­ba­res Phänomen. :-) Ja es gibt die Leute die etwas bewe­gen wol­len und ent­wi­ckeln anfan­gen.. aber sie pas­sen ein­fach nicht ins Konzept der Masse… wieso spre­che ich von der Masse… Massenpsychologie hat eine grö­ßere Bedeutung als die Intelligenz des Menschen. Nur wenn die Masse anspringt, wird mit vol­lem Einsatz an den schon lange im Keller gela­ger­ten neuen Idee geschmiedet.

    lg. István Lörincz

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 28. Juni 2010 um 9:47

    Da gibt’s ja auch diese Hype-Cycle Idee — mit Early Adotper Stage, abflauen, Mainstream-Adaption (also das “Anspringen der Massen”); bin gespannt, ob in die­ser Hinsicht auch Twitter noch­mal einen zwei­ten Frühling erlebt.

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  • Laura Identicon Icon
    Laura sagte am 28. Juni 2010 um 9:28

    Das wird mal eine inter­es­sante Zukunftsschau. Bin schon gespannt.

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  • Christian Identicon Icon

    Wie wäre es mit einem neuen Beitrag, in dem wir Ideen sam­meln kön­nen, was 2110 mög­lich ist^^.

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 30. Juni 2010 um 14:49

    Die Idee gefällt mir ganz her­vor­ra­gend — ist in der “To Do” Queue!

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  • vera Identicon Icon
    vera sagte am 5. Juli 2010 um 13:53

    Das nenne ich doch mal einen grund um Linz ken­nen­zu­ler­nen. Hört sich nach einer rich­tig span­nende Ausstellung an. Danke für die Info!

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 11. Juli 2010 um 20:20

    Gern gesche­hen! :frog2:

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  • Jerseys Identicon Icon
    Jerseys sagte am 30. Juli 2010 um 4:08

    Die Idee gefällt mir ganz her­vor­ra­gend  —  ist in der “To Do” Queue!

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