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Wer zweimal lügt, dem glaubt man nicht

01.06.2010, geschrieben von , 11 Kommentare

Derzeit wer­den sowohl auf EU-Ebene als auch teil­weise natio­nal ver­stärkt Anstrengungen unter­nom­men, öffent­li­che Daten online zugäng­lich zu machen — es gibt ja auch kaum Gründe, warum ohne­hin mit Steuergeld erho­bene Informationen der Bevölkerung vor­ent­hal­ten wer­den soll­ten, denn es geht dabei einer­seits zum anony­mi­sierte, also nicht per­so­nen­be­zo­gene sta­tis­ti­sche Daten, und ande­rer­seits um mehr im öffent­li­chen Sektor. Max hat am Barcamp eine sehr gelun­gene Session über Open Data gestal­tet. Bei der anschlie­ßen­den Diskussion wurde mir schnell klar: obwohl Public Data vor­wie­gend ein “poli­ti­sches” Thema dar­stellt, gibt es eine auf­fäl­lige Parallele zu kom­mer­zi­el­len Präsenzen: wer sein Businessmodell (respek­tive im Fall der seine Macht) auf Informationsverknappung und Verschleierungstaktik auf­baut, wird mit dem Social Web (respek­tive mit ) keine große Freude haben.

sheep Wer zweimal lügt, dem glaubt man nicht

So ist bei­spiels­weise in den USA eine lücken­lose Offenlegung der Finanzierung von Regierungsprojekte nicht nur üblich, son­dern sogar gesetz­lich ver­an­kert. Wäre eine der­ar­tige Transparenz auch in der öster­rei­chi­schen und Politik denk­bar? Ich behaupte: im momen­ta­nen Zustand unse­rer infor­mel­len Klüngel-, Bünde– und Freunderlwirtschafts-Staats nicht. Ein zu gro­ßer Anteil öster­rei­chi­scher Politik lebt eben davon, dass Informationen zwar nicht grund­sätz­lich geheim, aber eben kaum zugäng­lich sind. Ob Parteiförderung (Stichwort Spenden), Finanzierung öffent­li­cher Bauvorhaben (Stichwort Skylink), Bezahlung von Politikern (Stichwort Sonderzulagen), absurde Wahlmodalitäten (Stichwort ORF Stiftungsratswahl exklu­siv via Fax) — die Vorstellung, dass plötz­lich alle alles wis­sen, muss für viele Protagonisten hier­zu­lande in der Tat eine hor­ri­ble Zukunftsvision darstellen.

Public Data Mining vs. Geheimniskrämerei

Und genau hier sehe ich eine ganz starke par­al­lele zum Social Media : wäh­rend Buzzword-Rider mun­ter von Dialogorientiertheit und Prosumern daher faseln und behaup­ten, Social Media eigne sich längst nicht für alle Branchen, liegt der ent­schei­dende Punkt kei­nes­wegs in der Art des Produkts oder der Dienstleistung. Im Social Media Bereich bekom­men jene Brands, Verkäufer und Dienstleister sehr schnell ein Problem, deren Business-Modell zu einem hohen Grad auf , also , beruht. Wer hin­ter sei­nen eige­nen Dienstleistungen und Produkten ste­hen kann, und zwar sowohl in qua­li­ta­ti­ver als auch ethi­scher Hinsicht, wird kein Problem haben, mit sei­nen Kunden auch im Eskalationsfall in einen kon­struk­ti­ven Dialog zu treten.

Wer aber Taucher ohne Schutz-Ausrüstung in der süd­ame­ri­ka­ni­schen Abfall-Wirtschaft namens Lachszucht elend kre­pie­ren lässt, wer seine stylis­hen Sportschuhe von bis aufs Blut aus­ge­beu­te­ten Kinderarbeitern nähen lässt, wer Produzenten beschäf­tigt, die mei­nen, ihre Mitarbeiter ver­trag­lich zum Verzicht auf ver­pflich­ten zu müs­sen (skur­ri­ler­weise so gesche­hen in jenem Foxcon Werk in China, in dem Apple seine iPads fer­ti­gen lässt: anschei­nend zogen auf­grund des hohen Drucks immer mehr Arbeiter den Freitod der Fabriksexistenz vor, wenn­gleich nicht klar ist, wie die genannte Regelung dem abhel­fen soll), der wird spä­tes­tens dann ein Problem haben, wenn ihn seine Kunden nach dem Grund für seine Entscheidungen fragen.

Weite Teile der haben sich in den letz­ten Jahren auf das Gebiet des soge­nann­ten “Opinion Spinning” kon­zen­triert: in den 80ern und 90ern mögen geschick­tes Spielen auf der mas­sen­me­dia­len Klaviatur und die rich­ti­gen Kontakte durch­aus manch­mal dabei gehol­fen haben, eine gra­vie­ren­des Fail kom­mu­ni­ka­tiv zum Erfolg um zu modeln. Aber wenn plötz­lich jeder in sei­nem eige­nen sozia­len Netzwerk zum Opinion Leader ist, dann ver­lie­ren Spin Doktoren schnel­ler ihre Daseinsberechtigung als Faxgeräte.

Genau in die­sem Bereich liegt ein rie­si­ges, nach­hal­ti­ges Potential von Social Media als Gegengewicht zu den wider­li­chen Auswüchsen des Turbokapitalismus. Kapitalisten gehen davon aus, dass der freie Markt in der Lage ist, Angebot, Nachfrage und letzt­end­lich auch sinn­vol­len Umgang mit Ressourcen zu regu­lie­ren. Das funk­tio­niert aber nur, wenn Konsumenten eine fun­dierte Entscheidungsgrundlage, also Zugang zu rele­van­ten Informationen haben. Bio-Qualitäts-Siegel, Ursprungsgarantien — wir wis­sen mitt­ler­weile, dass das groß­teils bloß Werbesujets in neuem Format sind.

Social Media schal­tet aber lang­fris­tig die Mittelsmänner aus, ermög­licht und ver­stärkt den direk­ten, unge­fil­ter­ten Informationsfluss abseits pro­fes­sio­nel­ler Gatekeeper. Natürlich, und das war ja der Ausgangspunkt mei­ner Über­le­gun­gen, wird diese neue Situation auch die Politik lang­fris­tig voll­kom­men umkrem­peln. Aber ich fürchte, dass die­ser Prozess in Öster­reich noch sehr viel län­ger dau­ern wird also anderswo — denn vor Transparenz in öffent­li­chen Sektor und in der Wirtschaft müs­sen sich jene, die etwas zu ver­ber­gen haben, zu Recht fürch­ten. Und da haben wir Alpenländer reich­lich Kandidaten, wie jeder gelernte Öster­rei­cher weiß.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 11 Kommentare zu "Wer zweimal lügt, dem glaubt man nicht" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Meissen Identicon Icon

    Im ers­ten Abschnitt hat sich ein klei­ner “Linkfehler” ein­ge­schli­chen:
    <a href=“Open Data

    Grüße aus der Porzellan– und Weinstadt Meißen

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 2. Juni 2010 um 9:14

    Ups, Copy-Paste Eskalation! Danke, hab den Link ausgebessert!

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  • Wein und Feinkost Identicon Icon

    Sicherlich ist es sinn­voll Public Data Mining in vie­len Fällen zu prak­ti­zie­ren. Das Beispiel aus den USA ist sicher­lich in vie­len EU Ländern eben­falls rat­sam. Die Lobbyisten aus den Alpenländern und hier in Deutschland hät­ten es zumin­dest etwas schwerer:):smoking666:

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  • lrj Identicon Icon
    lrj sagte am 3. Juni 2010 um 16:18

    Ja, mit Public Data würde sich sicher­lich viel ver­än­dern. Aber genau aus die­sem Grunde wird sich das in Europa sicher­lich nicht durch­set­zen — oder nur eingeschränkt!

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  • Christian Identicon Icon

    Das fände ich auch eine sehr wich­tige Entwicklung für Deutschland. Denn wie oft hat man das Gefühl als Bürger, dass einem wich­tige Daten und Fakten bei der Entscheidungsfindung vor­ent­hal­ten wer­den. Diese kom­men meist erst nach Jahren ans Tageslicht, wenn die betrof­fe­nen Politiker längst im Ruhestand sind.
    Mit einer viel grö­ße­ren Transparenz ließe sich auch ein viel grö­ße­rer Druck sei­tens der Bevölkerung auf die Politik aus­üben, was sicher­lich för­der­lich wäre.

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  • hakidus Identicon Icon

    Christian, da stimme ich dir voll­kom­men zu. Das meiste kommt erst ans Tageslicht, wenn der Drops gelutscht ist.

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  • Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer sagte am 7. Juni 2010 um 22:10

    Übri­gens: siehe — respek­tive höre — zu die­sem Thema auch den aktu­el­len Wiener Runde Podcast: http://datadirt.net/3w4

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  • Steve Identicon Icon

    Ja!, mit Public Data würde sich sicher­lich viel ver­än­dern. Aber genau aus die­sem Grunde wird sich das in Europa sicher­lich nicht durch­set­zen  —  oder nur eingeschränkt!

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  • Lichtschlauch Identicon Icon
    Lichtschlauch sagte am 22. Juni 2010 um 5:51

    denke auch das viele Politiker das ein­fach nicht wol­len. Aus die­sem Grund wird es das bei uns hier auch nicht geben.

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  • Trierer Identicon Icon

    Die Frage die ich mir in dem Zusammenhang immer wie­der stelle: Bei uns in D müs­sen alle Ausgaben des Staates, Ausschreibungen etc. öffent­lich gemacht wer­den — aber kein Mensch inter­es­siert sich dafür. Klüngeleien kom­men oft nur durch Zufälle ans Tageslicht, und die Frage ist: Woher kommt das Desinteresse in der Bevölkerung? Könnte mir vor­stel­len das es in Öster­reich ähnlich ist.

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    Ritchie Blogfried Pettauer Identicon Icon
    Ritchie Blogfried Pettauer antwortete am 12. Juli 2010 um 16:48

    Guter Punkt! Ich denke mir, da geht’s immer um zwei Aspekte: das Veröffentlichen der Zahlen ist die eine Sache, das “Interface” die andere — Georg Holzer erzählt da immer eine groß­ar­tige Story von Zahlen über die Kärntner Parteinfinanzierung, die er ange­for­dert hat. Das Dokument wurde mit dem schlech­tes­ten Kopierer mehr­mals kopiert und war fast unle­ser­lich… das macht in der Form dann natür­lich wenig Sinn. Aber gerade beim struk­tu­rier­ten Durchforsten gro­ßer Datenbestände las­sen sich wesent­li­che Teile sehr gut automatisieren.

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