Nachruf auf meinen Lehrer Professor Hannes Haas

Nachruf auf Hannes Haas

Am vergangenen Donnerstag verstarb Hannes Haas, außerordentlicher Professor für Kommunikationswissenschaft und von 2006 bis 2010 Vorstand des Wiener Instituts, nach kurzer schwerer Krankheit. Dr. Haas war nicht nur außerordentlicher Professor, sondern für mich in erster Linie ein außerordentlich brillianter Didaktiker, dessen Motivation und Arbeitspensum mich als Student fast so sehr beeindruckten wie sein stetes, immer leicht verschmitzt wirkendes Lächeln. Die Lehrveranstaltungen von Dr. Haas waren Highlights meines ersten Studienabschnitts, seine engagierte und motivierende Art zu lehren war und ist für mich ein Vorbild.

Damals war Bologna noch kein Prozess, sondern eine Stadt, und ECTS-Punkte gab’s höchstens in Computerspielen. In Proseminaren mit bis zu 120 Studierenden standen dem Vortragenden 3 Tutor_inn_en zur Seite, deren Aufgabe es unter anderem war, die im Laufe des Semester eingereichten Zwischenübungen zu lesen und mit Feedback-Anmerkungen zu versehen. Auch Hannes Haas handhabte dies so, las aber anschließend jede einzelne Arbeit auch selbst durch und fügte seine Kommentare i einer anderen Farbe hinzu. Bei der Nachbesprechung der Übungsarbeiten im Proseminar war ich recht baff, dass sich unser Professor an jede einzelne Arbeit sehr detailreich erinnern konnte – und das bei hunderten von Texten pro Semester!

Quantität ist natürlich kein Qualitätsmaßstab, doch nur wenigen gelingt es, Quantität mit Qualität zu verbinden. Was es bedeutet, dass er im Lauf seiner wissenschaftlichen Karriere am IPK Wien über 700 Abschlussarbeiten betreute, kann nur jemand ermessen, der weiß, wie gewissenhaft er sich seiner Lehrtätigkeit nahm – vom Anfänger bis zum Diplomanden. Die Medien- und Journalismus-Forschung, der sich Professor Haas intensiv widmete, war nie mein „Ding“, da ich mich schon zu Studienzeiten in digitalen Gefilden weit wohler fühlte als in stickigen Redaktionsräumen voller Besserwisser. Jedoch hatte Hannes Haas die Gabe, Habermas’sche Abstraktionen der Medien als 4. Gewalt im Staate so fachkundig und spannend auf jenes seltsame Geflecht herunterzubrechen, das gemeinhin als österreichisches Mediensystem tituliert wird, dass ich immer sehr gern zugehört und mitdiskutiert habe. „Was ist Qualitätsjournalismus?“, oder, binärer gefragt, „Gibt es Qualitätsjournalismus in Österreich?“ Für solche Fragen sensibilisierte er seine Studentinnen und Studenten, nahm in Diskussionen andere Standpunkte genauso ernst und erwies sich für den motivierteren Teil seines Auditoriums stets als ebenso eloquenter wie humorvoller intellektueller Sparring-Partner.

So engagiert kann nur jemand sein, der sowohl seinen Job als auch seine Studentinnen und Studenten sehr schätzt. Über Hannes Haas beeindruckende berufliche Karriere möchte ich nicht viele Worte verlieren, seine Publikationen sprechen für sich. Die wichtigsten Stationen der Karriere eines Lehrers, dessen Popularität am Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sprichwörtlich war, hat der Standard aufgezeichnet. Der Artikel erwähnt auch die letzte große Studie, die Professor Haas fürs BKA durchführte:

Medienpolitisch zeichnete Haas etwa für eine im Auftrag des Bundeskanzleramts verfasste Evaluationsstudie zur Presseförderung verantwortlich. Sein Fazit in dem 2013 veröffentlichten Papier: Derzeit ist die sie beim Erreichen ihres Ziels – dem Erhalt der Pressevielfalt – „nicht effektiv“. Nicht Titel oder Medienunternehmen, sondern journalistische Inhalte sollten deswegen künftig in den Mittelpunkt der Finanzierung durch die öffentliche Hand gestellt werden.

Meine letzte Begegnung im Rahmen des Studiums hatte ich mit Hannes Haas bei meiner Diplomprüfung, bei der er als Vorsitzender der Prüfungskommission vorstand. So interessiert lächelnd wie beim Trialog über Flusser, digitale Medienpostmoderne und Co. zwischen Professor Roman Hummel, Professor Frank Hartmann und Diplomand Blogfried Pettauer werde ich Sie in Erinnerung behalten. Lieber Professor Haas, DANKE für alles! Sie werden im Rahmen meiner eigenen Lektorentätigkeit immer ein Vorbild für mich bleiben. Ich wünsche zukünftigen Generationen von Student_inn_en der Kommunikationswissenschaft in Wien das große Glück, von so engangierten, kompetenten und fantastischen Lehrern unterrichtet zu werden, wie Sie einer waren.

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