TEDx Pannonia 2014 – eine Kreuzfahrt für Vollidioten

TEDx Pannonia am Neusiedlersee

Frisch zurück von der TEDx Pannonia 2014 – der Kopf schwirrt vor lauter Eindrücken. Auf der kurzen Fahrt von Mörbisch nach Wien war er völlig leer, ganz konzentriert auf die Fahrt. Flow, Satori, Tiefentspannung. Kein nervöser Affe, der im Kopfkäfig von Assoziation zu Assoziation springt. Ganz im hier und jetzt. Selbstvergessenheit überm Tempolimit, aber nur knapp, Abbremsen beim Baustellen-80er. Wer fährt hier eigentlich? Und wer denkt nicht darüber nach, wer da fährt? Noch nie hat sich die Heimfahrt vom Neusiedlersee so sehr wie ein geistiger „Reboot“ angefühlt, und es fällt mir ungewohnt schwer, Worte für diesen ganz anderen Ausflug zum See zu finden. Gänsehaut beim Verlassen des Bootes, feuchte Augen, als mich Katzi zum Abschied umarmt hat. Danke liebe Dream Academia Jungs, danke für diese Einladung, danke für diese wunderbare TEDx, die den fünfjährigen Zyklus beschließt.

Danke für die Energie und die Inspiration! So knapp war ich dran, wär ich auch nur fünf Minuten später an der Ablegestelle angekommen, hätte ich den Kamera-Rucksack im Auto lassen und euch nachschwimmen müssen. Eine TEDx-Konferenz auf hoher See verlässt vielleicht kein Teilnehmer vorzeitig, aber vor Piraten ist kein Schiff sicher. Schon gar nicht am Neusiedlersee.

Die Videos der Talks werden bald alle online sein werden und so erspart mir die moderne Dokumentationstechnologie eine Zusammenfassung der exzellenten Vorträge. Stattdessen ein paar sehr persönliche Eindrücke und jede Menge Bilder von einem wellenkinetisch ruhigen, aber geistig wilden Ritt über des Burgenlands größte Lacke. Der Neusiedler See verbindet Österreich und Ungarn, zwei Länder, die noch vor unfassbar kurzer Zeit durch eine unsichtbaren Wand getrennt waren. Der eiserne Vorhang fiel vor exakt 25 Jahren, und so lautete das Konferenz-Motto zum freudigen Jubiläum „Back to basics – dissolve Borders“. Also Grenzen auflösen – geographische, mentale, metaphorische. Und das mit ganz einfachen Mitteln.

Der Chronist in mir muss erwähnen, dass dies die *allererste TEDx auf einem Schiff* war – das Konferenzformat ist mittlerweile so beliebt, dass pro Tag weltweit 10 (!) „unabhängig organisierte TED Events“ stattfinden. Also über 3.000 Veranstaltungen pro Jahr für Landratten, denn vor Katzi und Hermann wagte noch kein TEDx Organisator, der wilden See zu trotzen. Man hätte also rechtzeitig einen Foursquare-Badge beantragen sollen, einen Hashtag aufrufen, eine Social Wall am Schiff aufbauen müssen… nein, alles Bullshit. Zum Glück ist nix davon passiert. „Back to Basics“ hieß an diesem Freitag im August nämlich „unplugged“. Kein Beamer, nix ins Smartphone tippen, sondern den Menschen, die da vor einer wohlwollenden Crowd ihre Träume, Fehler, Visionen ausbreiten, einfach nur zuhören. Sich inspirieren lassen, mitmachen, gemeinsam träumen. Nicht zum ersten Mal verstehen, dass außerhalb der „Thinkbox“ neue Galaxien darauf warten, entdeckt zu werden, sondern sich einfach nur daran erinnern, wie strahlend schön die Welt leuchten kann, wenn wir alle unsere faulen Ärsche aus der Komfortzone bewegen. Um unserem Bauchgefühl zu folgen, um uns wieder daran zu erinnern, was wir als Kind schon längst wussten. So ein Gefühl wie damals bei der allerersten TEDx Pannonia.

Nein, da geht’s nicht bloß um eitel Wonne und Sonnenschein, ums Flanieren auf der Sonnenseite des Lebens. Jeder von uns erlebt seine Hochs und Tiefs. Muss richtungsweisende Entscheidungen treffen und manchmal Wege gehen, die Mut erfordern, von denen Freunde und Vertraute abraten. An denen wir sogar selbst zweifeln. Aber trotzdem müssen wir uns trauen, uns zu trauen, das zu wagen, was wir sowieso wagen müssen, wenn wir glücklich leben wollen – andere Optionen gibt’s nämlich nicht, außer später mal all dem nachzuweinen, was wir aus Angst oder mangelndem Selbstvertrauen heraus versäumt haben.

Kein Mensch ist eine Insel (ausgenommen natürlich Chuck Norris!), jeder trägt die Verantwortung für sein Glück letztendlich selbst, Hilfe wartet entlang des Weges. Sie ist wertvoll, wie Geburtstagskind Manuel in seinem großartigen Abschlusstalk feststellte. Glücklich, wer Mentoren hat, die ihn dabei bestärken, seiner Vision zu folgen. „Wer das Feuer hütet und es nicht weiter gibt, ist ein Dieb“, so lautete Manuels Zitat. Wir alle stehen auf den Schultern von Riesen, und ich selbst hatte das große Glück, fantastische Lehrer und Mentoren zu finden, als ich sie am dringendsten brauchte. Sie haben mir das allergrößte Geschenk gemacht: Zeit. Sie zeigten mir Abkürzungen zu Zielen, die ich auch allein erreicht hätte, erreichen hätte müssen. Aber erst viel später.

Meine Dankbarkeit dafür kennt keine Grenzen. Ich glaube, das geht allen so, die derart feine Menschen treffen dürfen. Harald und Hermann, ich kann abschließend nur Fiva MC zitieren: Mein Herz tanzt. An dieser Stelle fragen Sie, geneigter Leser, sich vielleicht, warum ich diesen für meine Verhältnisse ungewohnt schwärmerischen Beitrag mit „Kreuzfahrt für Vollidioten“ betitelt habe? Einerseits, damit Captain Katzi und Meister Gams erstmal die Spucke weg bleibt, wenn sie die Überschrift lesen, aber zweitens und vor allem aufgrund der ursprünglichen Bedeutung des griechischen Begriffs idiotes, dem ganz und gar nichts Abwertendes anhaftet:

Das Wort leitet sich vom griechischen ἰδιώτης (idiotes) her, das wertfrei bis heute in etwa „Privatperson“ bedeutet. Es bezeichnete in der Polis Personen, die sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen, auch wenn ihnen das möglich war.

Wenn also Fredrik Debong, einer der Gründer des auf Software für Diabetiker spezialisierten Start-Ups My Sugar eine hinreißende Präsentation hält, in der über sein eigenes Leben spricht und das Produkt seiner Firma nicht mal am Rande skizziert, wenn Peter Hackmair, Ex-Football-Profi, erfrischend ehrlich über seine Lebenskrisen und -erfolge spricht, wenn Nora Demattio mit hinreißendem Charme und geradezu physisch spürbarer Begeisterung ihr Art House Project skizziert, dann sprechen da Leute ganz ohne Hintergedanken, Ziele oder Erwartungen über ihre Passionen. Ohne Business- und Sach-Zwänge, ohne öffentliche Ämter oder versteckte Lobby-Agenden. Was für ein Privileg, einen solch grandiosen Nachmittag mit gleichgesinnten Idioten verbringen zu dürfen!

Und Thomas Becks wunderbarer Auftritt wird mich immer an diesen Nachmittag erinnern.

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