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Ello, das Social Network mit viel Privacy und wenig Funktionen

Ello - das neue Social Network

Reduktionismus hat so seinen Charme. Das derzeit noch fast exklusiv übermäßig gut vernetzten Nerds vorbehaltene Social Network kommt ziemlich schwarz-weiß daher, bringt bisher bloß einen Teil der allergrundlegendsten Funktionen mit, verschreibt sich dafür aber der Werbefreiheit und dem sorgsamen Umgang mit persönlichen Daten. Einer der größten Vorteile von Ello: Weder Faymann noch Strache noch Coca Cola sind bisher am neuen Tummelplatz der Netzelite eingetroffen. Vorerst öffnet sich die magische Pforte nur für geladene Gäste – wer gerne eine Einladung möchte, um sich seines Geek-Status zu versichern, möge dies hier bitte via Kommentar kundtun. Die schnellsten sechs gewinnen +3 Geek-Status-Punkte.

Sascha Lobo ist aber natürlich schon vor Ort und „schreibt erst eine richtige Bio, wenn sich ello durchgesetzt hat“. Ich, datadirt, bin da nicht so penibel, Copy-Paste sei Dank. Sogar die Kommunikationsforschung betreibt ein Außenlabor. Und ja, es ist ausgesprochen wahrscheinlich, dass wir unsere mehr oder weniger sorgsam aufgebauten Profile irgendwann wieder verlieren werden. Denn ein Social Network ohne Werbung, ohne Datenweitergabe und ohne „Kooperationspartner“ funktioniert in der Regel nur so lange, bis es populär genug ist, um die Betriebskosten in unfinanzierbare Höhen zu treiben.

Alternativszenarien winken dennoch am Horizont: Vielleicht wird Ello ja dermaßen unverzichtbar, dass mehr als 0,2 Prozent der Nutzer freudig dafür bezahlen täten. Vielleicht treiben immer mehr Beschwerden über geplante Umbauten an der Twitter-Timeline die Leute vom Vögelchen scharenweise zum blinden Smilie… Vielleicht. Bis dahin haben wir auf Ello jedenfalls unseren minimalistischen, sperrigen Spaß.

Ello Invites

Ello, Sekunde nach der Registrierung. (Zum Vergrößern anklicken.)

Daher habe ich nicht ein, sondern gleich zwei Profile angelegt. Denn auf die von Facebook gewohnte Privat/Blog-Schizophrenie möchte ich auf Ello keinesfalls verzichten. Mein persönliches Profil finden Sie unter ello.co/datadirt, die Ello „Page“ zu meinem Blog unter ello.co/datenschmutz-blog.

Ello kann (noch) mehr als die Yo-App

Profile, Status-Updates, Foto-Postings und eine rudimentäre Suche („Discover“) – viel mehr bietet Ello in der jetzigen Form nicht. Wie von Twitter gewohnt lassen sich Nutzer durch @Username direkt ansprechen, dieser Mechanismus muss auch für virtuelle Gespräche herhalten. Eine gegliederte Antwortfunktion fehlt ebenso wie ein Pendant zum Liken, Plussen oder Favorisieren. Letztere wird in Kürze nachgeliefert und „Love“ heißen.

Neue Bekanntschaften teilt man in die Kategorien „Friend“ oder „Noise“ ein. Status-Updates der Freunde tauchen dann wie gewohnt im Newsfeed auf der eigenen Startseite auf, schaltet man den Newsfeed auf „Noise“ um, zeigt Ello eine reduzierte Ansicht der „Freunde zweiter Klasse“. So richtig relevant dürfte der Unterschied zwischen echter digitaler Freundschaft und binärem Rauschen erst dann werden, wenn die tägliche Postingflut zunimmt. Einzigartig: wo sonst sieht man heutzutage sonst noch Fotos von der Vorwoche und muss keine Panik vor der Informationsflut haben? Facebook hat schließlich auch mal klein angefangen.

Wie es sich für eine Plattform im Beta-Stadium gehört, verhalten sich manche Funktionen natürlich sperrig bis widerborstig. Mit ein wenig WD40 und gutem Willen flutscht’s dann meistens doch, fast wie in den späten 90ern, an deren großteils vergessene „wegweisende Netzkunstprojekte“ auch die monospacing-Schriftart Courier erinnert. Wohin die Reise geht und welche Features gerade in Arbeit sind, verrät eine laufend aktualisierte Liste.

Schon jetzt sehr elegant gelöst die Status-Box, oder wie’s im Ello-Jargon heißt, der „Omnibar“: das Feld wechselt je nach Funktion (Status-Update, Reply) seine Farbe. Wird Text markiert, erscheinen Formattierungsoptionen (fett/kursiv) und die Möglichkeit, einen Link einzufügen.

Ello Status Updates formattieren

Status Updates auf Ello verfasst man mit dem Omnibar.

SEO: Der heilige Backlink von Sankt Ello

Trotz geschlossener Gesellschaft sind die Profile standardmäßig öffentlich, die betreffende Einstellung findet sich unter „Settings“. Solche Public Profiles werden brav von Google indexiert. In der maximal 192 Zeichen langen Beschreibung ist zwar nicht übermäßig viel Platz, aber das mit „Links“ bezeichnete Feld darunter schluckt brav auch mehr als eine Webadresse, getrennt durch Leerzeichen.

Ello und Backlinkaufbau

SEOs werden Ello lieben. (Anklicken zum Vergrößern)

Dafür gibt es hübsche Follow-Backlinks frei Haus. Deren Juice hält sich zwar noch in engen Grenzen, zumal die Startseite derzeit noch gar keinen Pagerank von Google bekommen hat (und auch keines der indizierten Profile). Aber wie sagen die SEO-Grayhats immer so schön? Einem geschenkten Follow-Link schaut man nicht auf den Pagerank!

Sag, wie hältst du’s mit dem Datenschutz?

Hinter Ello.co stehen Mastermind Paul Budnitz, das Designer-Duo Berger & Föhr sowie die Programmierschmiede Mode Set. Herr Budnitz verfolgt neben der Social-Networkerei eine Reihe handfester analoger Interessen: Er konzipiert und verkauft Luxus-Fahrräder unter dem Label „Budnitz Bicycles“, seine Firma Kidrobot produziert und verkauft Kinderspielzeug mit Kunst-Appeal. Also eine Art Bobo-Geek-Rolemodel, quasi die Antithese zu Mark Zuckerberg. Der Geist der Befreiungstheologie weht sympathisch durchs Ello-Manifest:

Your social network is owned by advertisers. Every post you share, every friend you make and every link you follow is tracked, recorded and converted into data. Advertisers buy your data so they can show you more ads. You are the product that’s bought and sold. We believe there is a better way. We believe in audacity. We believe in beauty, simplicity and transparency. We believe that the people who make things and the people who use them should be in partnership. We believe a social network can be a tool for empowerment. Not a tool to deceive, coerce and manipulate — but a place to connect, create and celebrate life. You are not a product.

Da kann man nicht widersprechen, auch wenn die Erwartungen, wie Jan Pötzscher schreibt, nicht allzu hoch geschraubt werden sollten. Ziel und Zweck des Neuzugangs im Reigen der Social Networks bleibt die Emanzipation von der Kommerz-Datenkrake. Daher hat sich Rechtsanwältin Nina Diercks die Privacy Policy etwas näher angesehen und kommt zu Schluss, dass bislang alles durchaus vielversprechend wirkt.

Weitere erste Eindrücke sammelten Stefan Pfeiffer, der LinkedInsider, Torsten Materna und Björn Rohles von den Netzpiloten. Wir alle zweifeln zwar am langfristigen Erfolg des Newcomers, drücken dem Team aber trotzdem die Daumen.

Also wie gesagt, wenn Sie selber mal reinschauen wollen, dann schicke ich Ihnen gern eine von sechs Einladungen – hinterlassen Sie einfach einen Kommentar zu diesem Artikel, um eine Einladung von mir zu erhalten. Auf beste Ello-Freundschaft!

22 comments
Tomcorse
Tomcorse

Hi Ritchie, interessanter Überblick. Bin gespannt, wie sich Ello entwickeln wird. Habt ihr evtl. noch eine Einladung? Bin neugierig geworden...


datadirt
datadirt moderator

@Tomcorse Hi Tom, klar! Sorry für die Verzögerung, war letzte Woche auf einer Konferenz; ich hab dir die Ello-Einladung geschickt.

michael_ohr
michael_ohr

Falls noch eine Einladung übrig ist, würde ich mich auch sehr freuen :) Danke

Irene Michl
Irene Michl

So, ein Kommentar, Ordnung muss sein :) Bitte danke für die Einladung zu Ello!


lgi

datadirt
datadirt moderator

@Irene Michl Hehe... dankeschön! Einladung müsste schon bei dir angekommen sein.

Ehringer Max
Ehringer Max

Ich hab mir immer schon ein Social Network gewünscht, wo man lecken statt liken kann. "Lick this" klingt doch gleich viel besser. Bitte höflichst um eine Einladung.

datadirt
datadirt moderator

@Ehringer Max "Lieben" wird's dort heißen, nicht lecken. "Lecken" wär aber mal was für ein Koch-Social-Network. Und: Einladung ist am Weg, Sir.

haubentaucherat
haubentaucherat

Also falls du noch eine Einladung übrig hast, tät ich schon eine nehmen. Danke jedenfalls für den Artikel, klingt irgendwie nach Diaspora anno 2011... LG Wolfgang office@haubentaucher.at  

datadirt
datadirt moderator

@haubentaucherat Hi Wolfgang, sehr gern - die Einladung ist draußen. Ja, ich musste auch an Diaspora denken - wobei Ello aber nicht distributed läuft und schon vom Start weg um einiges zugänglicher daherkommt.

haubentaucherat
haubentaucherat

@datadirt dankschön, bereits dort angekommen. schaut auf den ersten blick eher mühsam aus, aber wenn ich mehr zeit habe, werd ich mal tiefer reingehen. ich hab halt schon ein bissl viel dieser experimente erlebt, die dann allesamt nix geworden sind.

datadirt
datadirt moderator

@haubentaucherat Ich bin da bei Ello auch *sehr* skeptisch, ob das was wird... Bedienung und Look haben einen gewissen Charme, wenn man mal dran gewöhnt ist, und der "ideologische" Background ist sympathisch. ABER je mehr Leute das zu interessieren beginnt, desto teurer wird die Finanzierung - das halt ich für einen großen Knackpunkt.


Aber man lernt ja auch aus erfolglosen Experimenten jede Menge :-)

datenschmutz
datenschmutz

@hzirl Ja, schon jetzt - und ich glaub, eine Android-App ist in der Pipeline.

Robert Lender
Robert Lender

Wer lieber "datensaubere"Invites haben möchte, kann sich auch an mich wenden ;)


Zwei kleine Einsprüche:


Es gibt eine Suchfunktion und über die habe ich auch deine zweite Ello Manifestation gerade gefunden. Und ja, Coca C. und BK Werner F. sind noch nicht zu finden.


Ja, es gibt die Möglichkeit mehrere Links in das entsprechende Feld einzugeben, dass auch z.B. Trennzeichen verträgt - siehe meine Präsenz: https://ello.co/roblen


Ansonsten bin ich ebenfalls gespannt und gäbe Ello mal 50 Vorschusslorbeeren und hoffe auf eine weitere Entwicklung (technisch, wie auch bezüglich NutzerInnen).

Robert Lender
Robert Lender

Du schriebst von Leerzeichen, anscheinend geht auch anderes als nur URLs - das wollte ich damit sagen.


Ad übersehen. No Problem, dafür gibt´s ja die Blogosphäre - gemeinsam wissen wir mehr :)

datadirt
datadirt moderator

@Robert Lender Ja genau, dass man mehrere Links eintragen kann, hab ich geschrieben. Die Suchfunktion hab ich übersehen, werd ich gleich updaten.

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