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Journalismus im Auftrag der Crowd: Geht’s noch deepr?

deepr - Crowdfunding für Reportagen

deepr will werbefreie, multimedial aufbereitete Reportagen ins Netz bringen und so Defizite der etablierten Medien ausgleichen. Finanziert werden die Storys direkt von interessierten Lesern, und zwar nicht Abo-Basis, sondern pro Einzelartikel. Kann kleinteiliges on-demand Crowdfunding funktionieren? Ja, ich glaube für das Berliner Start-Up stehen die Chancen besser als für die zahllosen in Gründung befindlichen Copycats im De Correspondent Stil. Denn während die auf generell zahlungswillige Leser hoffen, setzt deepr auf ein Storytelling-orientiertes á la carte Menü.

Der Kampf um Aufmerksamkeit im Netz wird von Minute zu Minute härter. Damit Tweets gelesen werden, sollten sie aus höchsten drei Buchstaben bestehen (Yo!), Präsentationen dürfen nicht länger als 18 Minuten dauern, sonst schläft auch noch der letzte wache Zuhörer ein (Hallo Onkel TED!) und Blogbeiträge müssen 7 Minuten respektive 1.600 Worte lang sein. Solche Tipps bekommt man mittlerweile an allen Online-Ecken und -Enden, diese konkreten Zahlen habe ich dem Buffer Blog entnommen. Zugegeben, die Sache mit den Tweets war übertrieben, denn die dürfen sogar 100 Zeichen lang sein. Maximal.

Während also das ganze Internet fleißig am Kürzen ist, leistet ein kleines Berliner Dorf hartnäckigen Widerstand. Armin Eichhorn, Philip Mertes, Sascha Steinbock und Stephan Max sind jene Häretikern, die ihre Thesen haben an das Eingangstor von godeepr genagelt haben:

deepr journalism ist unsere Antwort auf den Niedergang der Printmedien, die Nachrichtenflut sowie die sinkende Qualität im Onlinejournalismus. […] Wir sind davon überzeugt, dass das Internet großes Potential bietet, das Geschäftsmodell des Journalismus neu zu erfinden. Unser Ziel ist es, Journalisten, professionelle Blogger und ausgewiesene Experten in einem einzigen Medium zusammen zu bringen und deren Beziehung zu ihren Lesern grundlegend neu zu erfinden. Auf unserer Plattform wollen wir Lesern hochwertigen und zugleich werbefreien Journalismus bieten.

Gescheiter Journalismus – Wer soll für deepr bezahlen?

Die resultierenden multimedialen Reportagen heißen „deeps“ und erinnern an die vom Stil her an typische Medium.com Beiträge. Garniert mit Bildern, Videos und Infografiken beleuchten sie ein Thema ausführlich und gehen – daher der Name der Plattform – so sehr in die Tiefe, wie sich das der geneigte Zeitungsleser von großartigem Reportage-Journalismus erwarten darf.

Bislang ist nur eine Reportage über die Bettlerkinder von Senegal online, drei weitere Themen harren ihrer Finanzierung. Denn deepr sieht vor, dass Autoren Vorschläge machen, die mit kurzer Beschreibung und Finanzierungsziel auf der Seite präsentiert werden. Elisa Hohental möchte über Pilgern in Zeiten des Krieges schreiben und hat bisher €33 von €300 gesammelt. Für Sandra Weiss Themenvorschlag In Teufels Küche – Auf den Spuren des weltweiten Kokainhandels in Perus Regenwald flossen schon zwei Euro mehr als die angepeilten €200 in die journalistische Portokasse. Marliese Mendel schreibt zum Vorschlagsprozess:

Autoren bewerben sich bei godeepr.com mit einem kurzen Lebenslauf, einem Artikelvorschlag, zwei Textproben und einem Motivationsschreiben. Entsprechen die Einsendungen den Kriterien von godeepr, wird gemeinsam mit dem Autor festgelegt wie viel die Recherche des Artikels kosten wird.

Interessenten sind ab einem Euro mit dabei. Erreicht ein Thema das angestrebte Finanzierungsziel in der vorgegebenen Zeit, machen sich Schreiber und Designteam an die Arbeit. Die Unterstützer erhalten dann nach maximal zwei Monaten den Link zur fertigen Story. Fertiggestellte Beiträge können auf der Seite weiterhin gekauft werden.

deepr: Bettlerkinder aus Senegal

Die erste deepr-Reportage beleuchtet das Schicksal senegalesischer Bettlerkinder.

Hoffnungsjournalismus oder nachhaltiges Business-Modell?

Dem gesamten Team kann ich zum Mut, etwas wirklich Neues zu versuchen, nur gratulieren. Während De Correspondent, Krautreporter und Co. klassischen Journalismus auf höherem Niveau bieten möchten, denkt deepr die Beziehung zwischen Lesern, Schreibern und Plattformbetreibern ganz neu. Dass ich dem krisengebeutelten Journalisten hier eine neue Goldgrube auftut, ist zumindest auf absehbare Zeit indes nicht anzunehmen. Auf Exklusivrechte verzichten die Betreiber, Autoren dürfen ihre Text auch anderweitig verkaufen.

deepr Markplatz: das Funktionsprinzip

Das Prinzip von deepr: Autoren schlagen Themen vor, Leser bezahlen im Voraus.

Ob sich tatsächlich genügend Leser finden, um pro Artikel eine Summe einzunehmen, die Arbeits- und Produktionszeit tatsächlich deckt, kann nur die Zukunft zeigen. Auch wenn FlattR noch keinen Blogger zum Medienmogul gemacht hat: Vor statt nach der Produktion eines Artikels für die Finanzierung zu sorgen, ist ein durchwegs logischer Schritt.

Dass die Leser ganz direkt die Themenwahl bestimmen, verleiht dem Businessmodell eher die Charakteristik eines Marktplatzes als einer Redaktion. Freilich eines Marktplatzes, der fürderhin eine aussterbene Nische abdecken könnte. Ich werde deepr jedenfalls im Auge behalten und hoffe auf ebenso spannende Themenvorschläge wie Reportagen.

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