Friend Cleanse und warum die Neugier dann doch siegt

Social Media Freunde aussortieren

Unlängst habe ich mal einer Freundin meine Meinung zum Thema „Sudern & alle sind gegen mich“ gesagt. Via persönlicher Nachricht natürlich. Ich war nicht die erste in unserem Freundeskreis, die das gemacht hat. Die Folge davon: Ich und alle in unserem Umfeld wurden auf Facebook entfriendet bzw. geblockt. Selbst diejenigen, die potentiell noch dasselbe sagen könnten. Dann habe ich mich mal schlau gemacht: Ent-frienden ist wirklich ein Trend. Es gibt inzwischen wirklich viele Tipps, wie man das am besten macht. Das Frauenmagazin GRAZIA empfiehlt:

Neuer Social-Media-Trend: Entfreunden heißt jetzt Friend Cleanse und ist inzwischen auch in mainstreamigen Fraugengazetten ein Thema: Wie bitte? Sie folgen Ihrem Ex immer noch auf Twitter und Instagram? Das könnte zu Missverständnissen führen. Höchste Zeit, die Accounts mal richtig durchzuputzen… Wir erklären Ihnen wie und wie sich die Stars von lästigen Followern befreien.

Wer sich die Zeit nimmt, einen Friend Cleanse durchzuführen, geht meistens nach dem Prinzip vor, die Leute zu entfernen, die am meisten nerven. Wie in Jimmy Kimmels Straßenbefragung dazu unlängst zu sehen war, handelt es sich dabei um Leute, die sich z.B. erlauben, jeden Morgen „Guten Morgen“ zu posten. Oder noch schlimmer: Wieviele Kilometer sie gelaufen sind. Ganz schlimm sind aber jene, die glückliche Happy-Peppi-Familien- und Freundschafts-Bilder posten. Oder gar Karibik-Fotos, während man sich selbst bei der entsetzlichen Kälte vor Ort ohnehin schon dabei ertappt, depressiv nach dem „Sinn des Ganzen“ zu fragen:

Nun gut, nun denn. Wenn es nur so einfach wäre. Da war die eine Freundin, die dann doch nicht davon lassen konnte und geblocktes wieder ungeblockt liest. Dann wären da noch die anderen, die manchmal böse auf einen sind, weil man ja sie nicht in die eigene Vorlesung eingeladen hat etc. However, alle haben dir als Strafmaßnahme ein Blockieren angedroht, alle haben es getan. Das Lustige daran: Niemand hat es länger als ein paar Wochen durchgehalten, so zumindest meine Erfahrungen mit dem Thema Friend Cleaning.

Friend Cleanse: Je höher der Glanz, desto tiefer und schöner der Fall

Warum lösen so viele nach einer gewissen Zeit wieder ihre Blockaden, sprich: Friend-ge-cleante bekommen wieder einen Friend Request zugeschickt (so merkte ich bei den meisten überhaupt erst, dass sie mich gecleant haben) oder von Postings gezielt ausgeschlossene Personen dürfen plötzlich wieder mitlesen?

Nun, es ist dasselbe Prinzip, nach dem Celebrity-Beiträge funktionieren, Horror-Meldungen gerne gelesen werden oder einen ganz einfach die Kontrollsucht wieder einholt. Wir wollen eben wissen, was der andere so treibt, ergo, was in dieser Welt so vorgeht. Bei Stars und Sternchen interessieren uns die Skandale, bei den Happy-Peppi-Fotos der Freunde ebenso der spätere tiefe Fall: „Ha, dem geht’s auch nicht besser als mir! Zu früh gefreut!“ Nicht nur bei Horrormeldungen wie Naturkatastrophen, Erdbeben etc. kann man unterbewusst seine eigene Situation legitimieren. „Wie schrecklich das ist, seien wir doch froh, dass es uns eigentlich ohnehin so gut geht.“

Facebook Friend Cleanse

Friend Cleaning statt Frühjahrsputz? Das Management der erwünschten Kontakte birgt so seine Tücken.

Dann wäre da natürlich noch die Informationsfunktion, im Bekannten- und Freundeskreis „Neugier“ genannt. „Was die oder gar der Ex wohl gerade treibt? Die oder der werden sich anschauen: Nichts mehr mit Kletterfotos ohne mich. Keine lustigen Party-Pics mehr, wenn ich nicht dabei bin…“

In der Medienwissenschaft nennen wir das Nutzenansatz bzw. Uses and Gratifications Approach. Die Information, die Kontrolle, die Legitimation der eigenen Situation, sich als Teil einer Familie/Gruppe zu fühlen, sind nur einige Aspekte, die diese Bindungen an auch „nervige oder gar böse (z.B. Trennung, Meinung sagen) „Freunde“ oder generell Kontakte erklären. Nicht persönlich bekannte Akteure (soll ja auf Facebook und Co ab und an vorkommen) erfüllen auf Social Media Plattformen auch die Funktion, die F.R.I.E.N.D.S. einer Serie abdecken können. Man fühlt sich nahezu als eine Art Familienmitglied und will schließlich wissen, wie lange der öffentlich zelebrierte Liebeskummer von „LaBoum1“ noch andauert. Oder ob der Fasan von „Walterissttaeglich“ bei dem besch… Rezept genießbar war.

Wie auch immer, ich stehe dazu, ich mag auch die „nervigen“ Freunde gerne. Ich will Eure Geschichten, Partypics und Tränen. Ich brauche nicht nur trockene Politik- und Wirtschaftsnews. Ihr kriegt dazu im Gegenzug meine @Pula Dog-pics. Gebt mir ruhig ein wenig Emotionen und Drama. Friend Cleanse: Fange ich mir gar nicht an!

Über Dr. Astrid Pettauer

Univ.-Lektorin, PR-Trainerin, Mediencoach und Researcher, Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft / Soziologie. Trägerin des österreichischen Wissenschaftspreises für Public Relations und des Wissenschaftspreises für Demokratie der Republik Österreich 2007 für die Dissertation.

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Titelfoto: Rainer Sturm / pixelio.de

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