Astrids Kolumne: Die Nudel und das Dekolleté

Astrids Kolumne: Nudel-Selfies

Der Standard ruft im aktuellen Newsletter dazu auf, die skurrilsten Erlebnisse in den Öffis zu posten. 285 Postings innerhalb von fünf Stunden. Da muss man doch reinlesen. Aber Achtung, wer heute noch arbeiten muss, bitte erst gar nicht damit anfangen. Ich kann das toppen.

Straßenbahnlinie 40 vom 18. Hieb (wienerisch für Bezirk) unterwegs zum Schottentor. Auf der Strecke gibt es viele Lokale und auch ein paar Italiener. Woran man das merkt? In der Bim sitzt eine äußerst – sagen wir mal – wohlbeleibte Frau mit unglaublichen zwei Vorzügen, wie man sie sich klischeehaft nur bei einer La Mamma vorstellt. Im Gegensatz zur Spaghetti-kochenden italienischen Mama zeigt sie diese a) auch in ihrer vollen Prallheit her (das Dekolleté macht fast blind) und dürfte sie b) die Nudeln nicht selbst gekocht haben, sondern gerade in einem der Italiener auf der Gourmetstrecke verspeist haben. Woran man das merkt?

Astrid über Nudel-Dekolletes

La Mammas kochen nicht mit Dekolleté!

Genau zwischen ihren äußerst dekorativen beiden Aushängeobjekten klebt eine dicke, fette in Tomatensauce gebadete Linguine. Ich und der Rest der Fahrgäste hätten auch so auf ihre Riesendinger gestarrt, sie hätte die Linguine nicht gebraucht, so mein erster Gedanke. Doch schnell verwarf ich den Gedanken und sie tat mir leid. Von leisem Getuschel, bis hin zu lautem Gelächter war alles dabei. Zu ihrem Pech saß sie auch noch auf dem „Einserplatz“ ganz vorne beim Schaffner, sprich gegenüber von fast allen Fahrgästen im Waggon. Was tun? Sagen oder nicht sagen? Sagen, ganz eindeutig. Ich würde es auch so wollen. Die arme muss sich ja schon seit dem Essen gewundert haben, warum sie so angestarrt wird. Oder aber sie ist es gewohnt, weil sie öfter tiefe Ausschnitte trägt. Egal, wie auch immer. Ich stand auf und flüsterte ihr zu, dass Sie da was hätte?

Selfies: auch bei antiken Statuen sehr beliebt.

Suchbild: Wo ist hier die Nudel?

Natürlich konnte dies nicht ganz unauffällig geschehen und zwei Fahrgäste brachen in dem Moment in schallendes Gelächter aus. Schlechtes Gewissen habend, was ich jetzt auch noch ausgelöst habe, drehte ich mich zu ihnen um und sagte laut: „Naja, kann ja jedem mal passieren und die Nudeln dürften sehr gut gewesen sein, schön al dente!“

Immer die Dinge gleich ansprechen, um ihnen die Luft aus den Segeln zu nehmen. Das lernt man als Vortragende seit 14 Jahren, schließlich ist man selbst schon mal mit einer aufgeplatzten Bluse vor einer Studentenmeute gestanden, während man Statistik unterrichtet und die Erheiterung rund um den Korrelationskoeffizienten nicht ganz verstanden hat. Der Blusenknopf ist übrigens am Tisch einer Kollegin in der zweiten Reihe gelandet, ohne dass ich es, ganz im Heinz Oberhummer Stil gestikulierend, bemerkt habe.

Die „arme“ Frau hatte da was

Zurück zur armen Frau. Diese fiel selbst in schallendes Gelächter aus und sagte laut: „Haha, danke, jetzt muss ich ein Selfie für Facebook und Instagram machen, bevor ich die wegtue.“ Gesagt, getan, Totenstille im Waggon. Gelacht hat keiner mehr, dumm geschaut plötzlich alle. Interessant, nichts ist uns mehr fremd. Neben den klassischen Selfies, sind wir von Nudies (Nackt-Selfies), Drelfies (Selfies betrunken), Belfies (Po-Selfies) und Hot-dog-Selfies (Oberschenkel mit Meereshintergrund) umgeben und wenig beeindruckt.

Neuer Selfie-Trend: Selbstbloßstellung

Inszeniert Fratzen schneiden kann jeder. Reale peinliche Erlebnisse zeigt keiner. Bis die Nudel kam.

Das sich-selbst-veräppelnde-Selfie der vollbusigen Dame mit der fetten Linguine im Dekolleté und dem Bim-Schaffner im Hintergrund hat plötzliche alle mundtot gemacht oder mit offenem Mund dasitzen lassen. Es ist wohl ein Unterschied, ob man sich selbst in einer skurrilen Situation oder mit einer hässlichen Fratze bewusst inszeniert und fotografiert oder ob man eine real-peinliche Situation mit Selbstironie der „Welt“ zur Schau stellt. Vielleicht hat die Frau damit einen neuen Trend ausgelöst, ich hätte da auch schon einen Namen: Morties (mortifying Selfies).

Über Dr. Astrid Pettauer

Univ.-Lektorin, PR-Trainerin, Mediencoach und Researcher, Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft / Soziologie. Trägerin des österreichischen Wissenschaftspreises für Public Relations und des Wissenschaftspreises für Demokratie der Republik Österreich 2007 für die Dissertation.

Besuchen Sie meine Webseite
View All Posts

test

tst2

2 comments
ContentPunk
ContentPunk

Ach wie herrlich ist diese Kolumne zu lesen. Ein richtiger Tanz mit den Lettern. Das mag ich sehr. Oft wird Social Media nur genutzt, um die schönen Seiten des Lebens in der Selbstdarstellung zu zeigen. Da nehm ich mich nicht aus. Danke Astrid