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Im Silo: Als die FAZ aus der Filterbubble ausbrechen wollte

Der Algorithmus als Blackbox

Mit verschiedenen Realitäts/Wirklichkeitsmodellen sollte der geneigte Journalismus-Schüler spätestens im zweiten Semester nach der ersten Theorievorlesung umfassend vertraut sein. Ob man mit Habermas auf Drohnen-Flughöhe bleibt, sich die McLuhan an den eigenen Theorien aus dem Sumpf zieht oder die Erde nach Satelliten-Art wie ein Heinz von Foerster umkreist, ist Geschmackssache.

Dass Medienkritik aber seit gut einem Jahrhundert die Frage „Bilden Medien die Realität eigentlich so ab, wie sie ist?“ nur mehr in satirischem Kontext stellen werden kann, ist der FAZ einmal mehr entgangen. In wenigen Zeichen (5.774 inklusive Lead und Überschrift, ich hab nachgezählt) spannt Autor Adrian Lobe einen weiten Bogen von den Arbeiten der Soziologin Zeynep Tufekci über verschwörungstheoretisches Misstrauen gegen Twitters „Trending Topics“ bis hin zu einem grundlegend falschen Verständnis von Algorithmen.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Algorithmus und einer Blackbox?
Antwort: Versuch mal, ein Schmuckstück in einen Algorithmus einzupacken!

Mischa Koenig hat die Steilvorlage in seiner Storify-Geschichte genüsslich zerlegt und weist darauf hin, dass Twitter keineswegs filtert. Ob Adrian Lobe nebenberuflich Landwirt ist? Ansonsten könnte ich mir nur schwer erklären, wie er ausgerechnet auf die kultige Silometapher kommt: Der Nutzer sitzt im Silo sozialer Netzwerke und ist manipulierbar.

Das klingt erstmal so, als ob der Feuilletonist keinen Widerspruch duldet, aber: ein Silo (der oder das, von spanisch: silo) ist ein großer Speicher für Schüttgüter. Silos werden zum Speichern von Zement, Kalksteinmehl, Kunststoffgranulat, Futtermittel und Ähnlichem verwendet.

Wirklichkeit, Realität und Medien

Wer Nachforschungen im Silo anstellen möchte, braucht festes Schuhwerk.

Will uns der Autor sagen, dass ihm all diese Algorithmen spanisch vorkommen? Ist die FAZ die Einfüllöffnung des Silos und Status Updates das Futtermittel? Oder will sich der Nutzer aus Protest gegen die FAZ freiwillig einzementieren?

Philippe Wampfler findet, dass, wer im Glas-Silo sitzt, nicht mit Kunststoffgranulat werfen sollte:

In der Einleitung fragt er: „Aber bilden soziale Netzwerke die Realität auch immer so ab, wie sie ist?“ Damit suggeriert er, dass andere Medien die Realität tatsächlich adäquat abbilden würden. Abgesehen davon, dass das rein erkenntnistheoretisch kompletter Unsinn ist, ist auch die Implikation falsch, die Auswahl von Inhalten sei prä-Social-Media transparenter oder weniger manipulativ gewesen. „Der Nutzer sitzt im Silo sozialer Netzwerke und ist manipulierbar“, schreibt Lobe. Und zuvor? Da saß er im Silo seiner Tageszeitung und der Tagesschau.

Wir entfliehen also für einen Augenblick den vielen Silos, indem wir uns wie Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Mediensumpf ziehen. Keine Realitätskonstruktion ohne Medien – sogar der Bleistift „betrügt“, wie schon Nietzsche argwöhnte. Dann aber kam Zuckerberg und sprach: „Gebt mir einen festen Punkt (also die Oculus Rift), und ich werde die virtuelle Welt aus den Angeln heben.“

Buzzfeed und die NYT feiern im Silo

Eine der wenigen Schwachstellen von Facebook besteht aus Betreibersicht zweifellos darin, dass es auch außerhalb des blauen Status-Updates ein Internet gibt. Das soll sich nun langsam ändern – in einem ersten Schritt werden ausgewählte Partnerunternehmen statt Links zu eigenen Artikel gleich die kompletten Artikel auf der Plattform veröffentlichen. Denn dieses lästige, andere Internet lädt bekanntlich furchtbar langsam:

Facebook argumentiert den Vorschlag damit, dass das Laden der Links von Facebook weg zu lange dauere.

Spannend ist die Auswahl der teilnehmenden Medienhäuser: National Geographic, die New York Times und Buzzfeed verwenden in ihren Artikeln Wörter, die aus Buchstaben bestehen. Aber das ist auch schon so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit im Geschäftsmodell dieser drei Publizisten.

Die Urheber werden angeblich an den Werbeeinahmen beteiligt, genau Details sind nicht bekannt. In der Branche sorgt diese Entwicklung jedenfalls für Unruhe – Werbung, Distribution und Verkauf völlig aus der Hand zu geben, degradiere Redaktionen zu bloßen Contentfabriken, meinen Kritiker.

Wenn ich Verleger wäre, dann würd ich mir auch Sorgen machen. In Silos bilden sich manchmal nämlich gefährliche Gase, die für Business-Modelle äußerst ungesund sein können.

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