The Church of S-M: Über Gemeinden, online und offline

Die Gemeine und das digitale Erbe

Warum gehen Leute in die Kirche? Weil sie vielleicht dadurch Teil einer Gemeinschaft sind, weil sie die Ansprache von anderen suchen, weil sie gesehen und bewundert werden wollen (Stichwort: neuer Sonntags-Look), weil sie ihren Kummer und ihre Hoffnung jemandem mitteilen wollen, weil sie Rat suchen und auf eine Eingebung warten? Oder aber einfach auch: Weil Sie nicht einfach so sterben wollen, so als wäre da nichts mehr von ihnen übrig.

Man wende jetzt jedes einzelne Bedürfnis auf Social Media Foren wie Facebook, Twitter, Instagram und Co an? Na, gibt es einen Unterschied? Fangen wir an mit dem Teil einer Gemeinschaft sein. Trifft zu. Man sagt halt jetzt Community dazu, aber die intrinsische Motivation dahinter ist dieselbe. Jedes soziale Netzwerk gibt dir ein soziales Gefüge. Irgendwer hört dir immer zu, irgendwer antwortet dir immer.

Zwei Ministrantinnen

Ministrantinnen mal zwei: Die bezopfte Autorin und ihre Freundin anno 1986, noch frei von jedweder Sünde.

Wie sieht es mit der Bewunderung aus? Like it, if you want. Egal ob Pics vom teuren Urlaub (Instagram), der geschaffte Master (XING), der entzückende Nachwuchs (Facebook) oder der tolle Karrieresprung (LinkedIn), so ein kleines Like tut der Seele gut.

Rat und Tat ist überhaupt eine der wichtigsten Funktionen, die Social Networks abdecken können, und das in jeder Lebenslage. Vom Tipp, ob wer einen guten Elektriker kennt, bis hin zu wohin wenden bei Mobbing und Co. Irgendwer weiß immer irgendwas.

Was den Kummer und die Hoffnung betrifft, da fungiert Facebook weltweit als Anlaufstelle Nummer eins, wenn es darum geht, seine Sorgen aus selbsttherapeutischen Zwecken jemandem mitteilen zu wollen. Viele Krankengeschichten, Schmerz-Detailbeschreibungen, Tipps für gute „Tapletterln“, Grippemitteilungen (oft noch vor dem Arbeitgeber) und Liebeskummer-Heultiraden können gepostet werden. Wir fühlen uns in unserem Schmerz erhört und erlöst. God bless you Mark!

Das mit dem Sterben wollen, ohne dass es irgendwie ein danach gibt, das gilt natürlich auch für all unsere Profile. Ein paar Tage vor Beginn seines Sprengmeisterkurses drückte mir mein Mann einen „Wisch [zu deutsch: Zettel]“ in die Hand. Darauf stand „Verfügung für Todesfall“ und dass sein bester Freund P. für den Umgang mit seinem digitalen Erbe zu konsultieren sei, falls dieser einträfe. Na Bumm dachte ich zuerst, das werden jetzt zwei sehr entspannte Wochen (so lange dauert der Kurs in Linz nämlich). Aber dann doch irgendwie nicht unbedacht.

Wenn im katholischen Glauben Petrus dir die Himmelspforte öffnet und du im Paradies bist oder du mit dem Teufel weiterhin deine Boshaftigkeiten ausleben darfst und ihr abends gemeinsam ums Feuer tanzen könnt, dann kannst du sagen, hinter mir die Sintflut. Was aber passiert mit unserem digitalen Erbe wirklich. Egal, ob in die Luft gesprengt oder nicht. Soweit ich weiß, gibt es dafür noch keine standardisierten rechtlichen Vorschriften. Aber wer von uns hat über sowas überhaupt schon nachgedacht, hm. Vielleicht will der eine oder die andere ja, dass sich jemand um seine Profile kümmert und diese betreut, so dass es ein Leben danach auch wirklich gibt.

Ich habe ministriert, vom 7,5-en Lebensjahr bis zum 13,5-ten. Bis der Pfarrer dann meinte: Wenn ihr euch schon schminken tut (damals ganz hip auf dem Markt: Lipgloss), dann sollt ihr zum Ministrieren aufhören. Recht hatte er und er wollte uns damals wahrscheinlich auch noch ein paar unangenehme Erfahrungen ersparen, von Menschen, die vielleicht die ersten Ministrantinnen im Dorf mit Lippenstift nicht nur als Ministrantinnen wahrnahmen.

Leuchttop und Lipgloss

Ministranten-Lager im Heustadl, 13. Lenze, bereits mit Leuchttop und Lipgloss. Das Ende der Karriere.

Warum habe ich eigentlich ministriert damals? Die Antwort ist: Wegen der Gemeinschaft, der Ansprache, dem Rat der anderen, da in den Ministranten-Kollegen verguckt und der Angst, nicht in den Himmel zu kommen, weil Oma das immer gesagt hat.

Als Mädchen aus einem 2.400 Einwohner Dorf in der „tiafsten“ [Anmerkung der Autorin: und schönsten Teil der] Steiermark war das was. Wir durften mit dem Pfarrer auf Ministranten-Lager fahren und dort bei einem bekannten Bauern und Holzbetrieb (Zach Holz, bekannt inzwischen) am Heuboden schlafen. Der erste Kuss mit dem Zach-Sohn passierte, weil ich eben mit 13 Jahren gerade noch vor der Ministranten-Frühpension war. Heimlich schlich ich mich aus dem Heustadl, um mit seiner Motocross eine Runde mitfahren zu dürfen. Zu mehr kam es natürlich nicht, war ja quasi eine Art Wahlfahrt. Aber falls ich mal einen schönen Bretterboden brauche rufe ich ihn zwecks Rabatt an. Vielleicht kennt er mich ja noch nach fast 30 Jahren.

Außer Beten war da aber noch viel mehr. Wir durften mit dem Pfarrer schießen gehen. „Wer schießen kann, hat einen guten Charakter und Draht zu Gott“, so der leidenschaftliche Jäger. Bei Hochzeiten hat er uns immer die Reste aus den Weingläsern der Hochzeitsgesellschaft am Tablett austrinken lassen. „Trinkt das ruhig aus, ich schaue weg.“ Wir haben uns bei der Dienstplanung immer darum gestritten, wer Hochzeiten ministrieren kann. Da ist man immer so lustig nach Hause gekommen. Nicht so bei Begräbnissen. Da haben wir immer vorher unsere Mantras gesprochen, von wegen, ja nicht lachen, wenn eine/r wieder laut zum Schrei-Heulen beginnt. Was die Thematisierung einer solchen Situationsmöglichkeit brachte? Man kann es sich denken. Wir sind an zurückgehaltenen Lachkrämpfen fast erstickt, aber nicht, weil wir kein Mitgefühl hatten, sondern einfach, weil die Situation und der Druck (nicht lachen zu dürfen) jeweils so groß war. Ich schäme mich heute noch dafür.

SM statt Kirchenchor

So wie es war am Anfang, so ist es heute. S-M statt Kirchenchor und Co.

Wir mussten / durften auch jährlich als Sternsinger auftreten. Dass die armen abgefrorenen Kinder einen guten Rum-Tee zum Aufwärmen kriegen mussten, war in der Südsteiermark kein Thema. Aber wir haben es alle zu was gebracht, trotz den christlichen Verlockungen damals. Da bin ich wieder bei den Social Media Foren und den Partypics. Geselligkeit, auch eine Gemeinsamkeit von Church und S-M.

Was meine erste große Liebe, den Ministranten Michi betraf. Auch die Nicht-Erwiderung meiner Liebe seines Seitens hatte was Gutes. Er sagte mal in der Sakristei: „Mein Schatzerl muss schwimmen können. Ich will mal ans Meer fahren.“ Ihr glaubt gar nicht, wie schnell ich mich als ins Wasser stürzte und mit acht Jahren – nach jahrelangen missglückten Versuchen meiner Eltern – endlich schwimmen lernte. Dafür bin ich ihm dankbar. Und auch sonst: Für mich hat das Ministrieren und die Kirche damals alles bedeutet. Es gab ja sonst auch keine Erlebnisse in dem Kaff (das ich im Übrigen heute sehr liebe und schätze!). Ich habe nur die schönsten Erinnerungen daran. So schön wurde es nie mehr.

Doch, als Facebook und Co endlich geboren wurden, sang ich ein Halleluja! Jetzt ist meine Welt wieder in Ordnung.

Über Dr. Astrid Pettauer

Univ.-Lektorin, PR-Trainerin, Mediencoach und Researcher, Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft / Soziologie. Trägerin des österreichischen Wissenschaftspreises für Public Relations und des Wissenschaftspreises für Demokratie der Republik Österreich 2007 für die Dissertation.

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