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Nur heute – gratis Kommentare schreiben auf datenschmutz! [Lock-Aktion]

Tablet verlangt einen Obolus von Kommentatoren.

Ich persönlich würde Sie, meine hochgeschätzten Leserinnen und Leser, nie mit umgedrehten Hüten belästigen. Höchstens mit dem einen oder anderen Pop-Up, das um Ihre Gunst für meinen Newsletter wirbt [Die 0.23% Unsubscribe Quote in 6 Jahren spricht für sich!]. Selbst in meinen boshaftesten Allmachtsphantasien habe ich im Gegensatz zu Herrn Andreas „Tagebuch“ Unterberger oder der at.NZZ nie auch nur eine Sekunde lang den Gedanken erwogen, hier eine Bezahlmauer – Fachausdruck: Paywall – zu errichten. Doch ein neues Monetarisierungsmodell, vorgelebt vom jüdischen Online-Magazin Tablet, lässt meinen Kleingeldfinger jucken: Denn die Herausgeber stellen zwar ihre Inhalte vollumfänglich kostenlos zur Verfügung und bitten gesprächige Nutzer fürs Kommentieren zur Kasse.

Bezahlt wird übrigens nicht pro Kommentar, sondern pro Zeiteinheit: Ein Tag mitreden kostet wohlfeile 2 Dollar, tägliche Schnatternasen sparen mit dem Monats Abo für 18 Dollar. Wer ganzjährig nicht nur mitlesen, sondern mitdiskutieren will, soll oder muss, löhnt $180 für 12 Monate virtueller Stammtischgespräche.

Das Kommentar-Abo: Ein neues Business-Modell.

Das Tablet Magazin bietet eine breite Themenvielfalt. Und hat auch ein Newsletter-Pop-Up: 2 Gemeinsamkeiten mit datenschmutz!

Das klingt im ersten Moment nach einem ungewöhnlich galanten Aprilscherz – würde ja auch in die aktuelle Extradienst-Ausgabe passen, in der ich vom Kommentar-Abo erfahren habe. Dass der Standard bereits am 10. Februar über der Bezahlkommentare berichtete, spricht eher gegen diese Theorie als für Planung von langer Hand. Je länger ich darüber nachdenke, desto sympathischer wird mir die Idee.

Selbstartikulation: Ein Urtrieb aller schweren Nutzer

Das Dilemma der Online-Medienindustrie: Möchtest du bisherige Gratis-Nutzer in zahlende Kunden verwandeln, dann brauchst du verdammt gute Argumente. Das Gros wird sich kostenlos bedienen, wenn Paywall-Modelle überhaupt funktionieren, dann in jenen Fällen, in denen es gelingt, die Hardcore-Fans, die Otakus, die Herzblut-Nischenbewohner (egal wie groß die Nische auch sei) anzusprechen. ~ Guru Ramseo Dashbohd

Ohne mich zum Stammleserkreis von Tablet zählen zu können und in völliger Unkenntnis der dort herrschenden Diskussionskultur – ich habe das auf den ersten Blick thematisch sehr ansprechende Magazin dank besagten Extradienst-Artikels heute erstmalig besurft – hat dieses eigenartig scheinende Vorpreschen eine Menge für sich. Aus mannigfaltigen Gründen:

  1. Erstens erhebe ich wie jeder original-fidele Cultural Studies Forscher meine eigenen Bedürfnisse zur Maxime des Erkenntnisinteresses und kann deshalb zweitens aus langjähriger, penibel dokumentierter [Originaldokumente leider unkonvertierbar] Selbstbeobachtung drittens feststellen: Wenn mich ein Online-Artikel emotional so sehr berührt, sei es im Guten oder Schlechten, dass ich ein instantanes Bedürfnis zum (Over)Sharing entwickle, dann bin ich in jenen seltenen Fällen, in denen sich partout kein Kommentarformular aufspüren lässt, redlich enttäuscht. Ich glaub‘, ich würd eher fürs Mitreden zahlen als fürs Mitlesen.
  2. Vor 15 Jahren hätte in dieser Diskussion das nofollow-Attribut eine wichtige Rolle eingenommen. Heutzutage lässt sich Google selbst von „hochwertigen“ Kommentar-Backlinks kaum mehr beeindrucken, dafür zählt Content-Marketing umso mehr: Und wenn der Betreiber einer populären Seite für die zahlenden Kommentatoren vielleicht sogar „Rich Profiles“ mit Links zu Blog und Social Media Profilen vorsieht, dann böte das nach wie vor einen ordentlichen Anreiz.
  3. Antispam-Systeme werden überflüssig – obwohl dieses Problem heutzutage eher ein akademisches geworden sein dürfte. Dank Akismet, Livefyre & Co. haben wir Bots ganz gut im Griff. Im Fall von Tablet dürfte allerdings auch die „Trollbekämpfung“ eine nicht unwesentliche zweite Fliege unter der Klappe gewesen sein.

 

Wieviel ist Ihnen ein Kommentar werd?

Die Methoden der Abo-Werber werden immer gefinkelter.

Aber die nachteiligen Unwägbarkeiten des Preisschilds auf jeder Meinung!

Erstes und gewichtigstes Gegenargument: Aber bestraft man damit denn nicht gerade die Die-Hard-Fans? Mögen manche Journalisten fluchen, wenn sie unter der Last der von ihnen zu moderierenden Kommentare nahezu zusammenbrechen – wir Blogger freuen uns doch über Feedback?

Ja, das tun wir! Aber noch mehr freuen wir uns über Leser. Einen Münzeinwurfschlitz für Kommentare kann ich mir ganz und gar nicht vorstellen, aber im Rahmen einer Premium-Strategie könnte eine „Kommentarfunktion Plus“ durchaus Sinn machen. Ich persönlich halte Kommentare für viel zu essentiell, als dass ich dieses Modell ernsthaft erwägen würde (und St. Netzius sei Dank hat datenschmutz auch kein Troll-Problem!). Aber die Idee erscheint nicht nur mir zumindest erwägenswert:

„Ein interessanter Versuch“, findet Ingrid Brodnig, profil-Redakteurin und Bloggerin mit Expertise zum Umgangston in Internet-Postings. [Extradienst 3/2015, S. 44]

Wer zahlt, schafft nicht an. Aber kommentiert zumindest.

Pula liest jede Extradienst-Ausgabe ebenso ernsthaft wie skeptisch. Bezahlkommentare auf ihrer Facebookseite lehnt sie ab.

Dass Christian Rainer, Säulenheiliger der Klarnamen-Kommentierer, im selben Artikel mit „Pay for Posting halte ich für großen Schwachsinn. Zahlen für Meinungsfreiheit, wo kommen wir denn da hin?“ zitiert, bestätigt mich optional zusätzlich. Ob der Halblanghaarige diese Frage aber auch mal dem erweiterten Raiffeisen-Vorstand gestellt hat? Ich wag’s zu bezweifeln.

Abschließend bleibt mir also nur, Sie, liebe Leserin und auch Sie, bester aller Leser, zur Eile anzutreiben. Kommentieren Sie, solange Sie noch nicht dafür zur Kasse gebeten werden. Ich hab die Livefyre-Programmierer schon dringlichst angefleht, einen Bitcoin-Einwurfschlitz als optionales Add-On anzubieten. Ihre Enkel werden sich vor Verwunderung die Haare raufen und nicht glauben können, dass man damals vor 70 Jahren im Internet noch gratis kommentieren durfte…

2 comments
librarymistress
librarymistress

ich würde z.B. was bezahlen, wenn ich dafür die Kommentare auf derstandard.at nicht sehen würde - ich lese sie immer wieder und bereue es zu 99 Prozent ;-)