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Social Media Skepsis: Eine wahre Berater-Begebenheit

Social Media Skepsis - aus meinem Berater-Alltag

„Eines muss ich Ihnen gleich sagen: Ich bin eher skeptisch, was Social Media betrifft,“ vertraut mir der freundliche Herr am anderen Ende der Leitung an. Wir telefonieren, um einen Termin für den avisierten Instagram und Pinterest Workshop zu fixieren. Seine Arbeitgeber ist Marktführer in einer Lifestyle-Nische, der wichtigste Absatzmarkt sind die USA. Das traditionelle Familienunternehmen hat jahrzehntelanges Geschick in der Unterscheidung zwischen kurzfristigen Hypes und disruptiven Neuerungen bewiesen. Die Marketingabteilung, geleitet von einer der Töchter des Firmenbesitzers, hat längst erkannt, dass Social Media Kommunikation immer wichtiger wird. Und gehandelt.

Dass mich die Marketingleiterin 2015 für einen Workshop bucht, ist nicht Verspätung geschuldet, Auslöser ist ein Agenturwechsel: „Wir haben mit XX über 15 Jahre zusammen gearbeitet und in beiderseitigem Einvernehmen beschlossen, dass frischer Wind gefragt ist,“ so die diplomatische Erklärung zu Beginn. Mein Job: Ich soll die bisherigen Instagram-Aktivitäten, das Corporate Blog und den bislang eher stiefmütterlich gepflegten Pinterest Account gründlich analysieren, schauen, was die Konkurrenz so tut und im Anschluss mit dem gesamten Team die Strategie optimieren und mit meiner Außenperspektive neue Ideen aufzeigen.

Ich freue mich sehr auf den Workshop, spüre den Enthusiasmus der Auftraggeberin und sie meinen, gleich vom Start weg. Leider erfahre ich zwei Tage vorher, dass sie mit schwerer Darmgrippe im Bett liegt. Ich wünsche telefonisch gute Besserung, sie bedauert, nicht dabei sein zu können: „Mein Stellvertreter kommt morgen aus dem Urlaub zurück, er meldet sich noch bei dir. Er weiß schon, was wir besprochen haben.“

Was wir besprochen haben

Der Instagram Account läuft rund, obwohl eine klare Linie fehlt. Die 38 Pinterest-Boards sind gut gepflegt und sortiert. Aber meine Auftraggeberin schreibt selbst anonym ein Blog auf TumblR. Sie spürt, dass die Unternehmenskommunikation in den relevanten sozialen Medien zwar technisch in Ordnung ist. „Aber unsere Agentur denkt immer noch in One-to-Many Kategorien, wir beteiligen uns nicht, wir verkünden nur und antworten, statt proaktiv zu agieren.“

Der angekündigte Anruf folgt am nächsten Vormittag. Ich habe ja bereits erfahren, dass ein Chef leider verhindert sei. „Aber wissen Sie, ich bin ja sehr skeptisch, was Social Media betrifft.“ Ich bemühe mich um einen ersten Tonfall und verkneife mir, spontan zu antworten: „Da bin ich aber froh – ich nämlich auch!“ Stattdessen nicke ich verständnisvoll (kommt am Handy immer sehr gut) und erwidere: „Aber Sie nutzen Social Media Plattform doch schon vergleichsweise lange?“

Blindes Vertrauen in Technologien tut selten gut.

Der Stripper wusste nicht so recht, was er vom neuen Bühnenboden in seinem Stamm-Club halten sollte.

Das Telefonat wird fast zwei Stunden dauern und sich zu einem fantastischen Briefing entwickeln, trotz schwierigen Starts. Die Vorgeschichte war alles andere als friktionsfrei, die Diskussion über Inhouse-SM vs. Auslagerung sei mitten im Gange, der Zeitpunkt für einen Workshop seiner Meinung nach zu früh. Irgendwann habe sogar mal das Gerücht die Runde gemacht, dass jeder Mitarbeiter jetzt Social Media „Botschafter“ werden müsse. Klare Ergebnisse der mit viel zu hohen Erwartungen gestarteten Aktivitäten habe er bisher allerdings keine feststellen können. „Diese Social Media Plattformen sind kein Spielplatz. Ich verwende Facebook privat nur sporadisch, andere Plattformen gar nicht. Aber ich lese viel darüber, auch Ihr Blog. Sie schreiben ja selbst, dass die Followerzahlen auf Instagram nicht ernst zu nehmen sind – unsere hat die alte Agentur in einer Panikaktion mal gekauft, und jetzt fehlt die Interaktion.“ Ich muss grinsen und erwidere spontan: „Na dann müssen eben jetzt die Mitarbeiter alle als Instagram Botschafter ran!“ Wir müssen beide lachen, das Eis ist gebrochen.

Am Ende des Telefonats haben wir die Agenda angepasst und ich habe verstanden, dass er nochmal einen Schritt zurücktreten will und das ganze Team Zeit braucht, übersprungene Prozessschritte „nachzuholen“, Grundsatzentscheidungen gemeinsam zu treffen, Konsens zu finden. Und seine unausgesprochene Befürchtung konnten wir im Gespräch entkräften: „Nein,“ stimme ich ihm abschließend zu, „ich bin kein Prediger, sondern Pragmatiker.“

Und er hat ja auch völlig recht: Social Media Beratung ohne eine gesunde Portion Social Media Skepsis bleibt weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Und deshalb bevorzuge ich auch die Berufsbezeichnung Online Marketing Berater.

DISCLAIMER: Die handelnden Personen sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit real existierenden Marketingleiterinnen, deren Stellvertretern und Social Media Beratern ist rein zufällig.

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